Mittwoch, 15. März 2017

Rezension zu "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara

Zum Buch

Ein Leben, von der Vergangenheit gezeichnet...

Die Begegnung von vier jungen Männern am College ist zugleich der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Malcolm ist angehender Architekt und kommt aus einem wohlhabenden Elternhaus und Jean Baptiste (JB) ist ein aufstrebender Künstler und stellt mit seinen Aktionen die Freundschaft immer wieder auf die Probe. Willem hofft auf eine Schauspielerkarriere und ist wohl am engsten mit Jude befreundet. Jude St. Francis ist ein besonderer junger Mann - ein aufstrebender Anwalt mit guten Karrierechancen, er ist sympathisch und freundlich - doch innerlich zutiefst verzweifelt und zerbrochen . Seine Freunde, insbesondere Willem, kümmern sich liebevoll um ihn, doch manchmal, in seinen dunkelsten Stunden kommen selbst sie nicht an ihn heran. Über seine Vergangenheit hüllt Jude sich in Schweigen. Was ist in der Kindheit vorgefallen, dass ihn zu einem so gebrochenen Menschen gemacht hat?


"Und dann trieb die Sonne davon, der Wagen ratterte gleichgültig von ihr fort, und die Welt nahm wieder ihre normalen traurigen Formen und Farben an, die Menschen ihren normalen traurigen Zustand, eine Veränderung, die sich so grob und abrupt vollzog, als wäre sie vom Zauberstab eines Magiers herbeigeführt worden." -Seite 34, eBook


Schon an dem Klappentext ahnt man, dass dieses Buch ein sehr Emotionales sein wird - und das ist es auch. Es erzählt die Geschichte von vier jungen Männern bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Jeder von ihnen erfährt Freud und Leid, Höhen und Tiefen, Erfolg und Missgunst. Doch niemand hat so viel Leid erfahren wie Jude St. Francis, dessen Leben von seiner Vergangenheit gezeichnet ist - körperlich und auch seelisch. Zugleich möchte er aber niemanden zur Last fallen, hat große Angst, dass er die Menschen, die ihm inzwischen so viel bedeuten, plötzlich den Rücken kehren könnten. Dabei hat er Freunde, die komplett hinter ihm stehen und für ihn da sind - dieses ist sehr eindrucksvoll und schön geschrieben.
Nach und nach erfährt man schließlich, was Jude in seiner Kindheit widerfahren ist - und das ist so erschütternd und leidvoll, dass es einem kalt den Rücken runter läuft - es wird sehr ergreifend.
Sehr sensibel schildert die Autorin verschiedenste Ereignisse - nicht nur aus der Vergangenheit , sondern auch aus der Gegenwart, in der das Vergangene immer noch nachhallt und sich mit aktuellen Geschehnissen verbindet.
Die Geschichte ist aus verschiedenen Blickwinkeln geschrieben und auch nicht chronologisch. Man erfährt nach und nach immer Ausschnitte aus der Vergangenheit, hauptsächlich natürlich aus Judes Leben, aber auch aus Willems, Malcolms und JBs Leben erfährt man einiges. Der Aufbau zusammen mit der ganzen Schreibweise ist sehr gut gewählt, auch wenn man manchmal kurz überlegen muss, in welchem Zeitabschnittt man sich gerade befindet.  Das Buch ist mit seinen 960 Seiten zwar ein sehr ausführliches und detailreiches Werk, aber tatsächlich an keiner Stelle langatmig. Es fesselt den Leser und zieht ihn mit.


"Wäre ich eine andere Art von Mensch, würde ich vielleicht sagen, dass dieser Vorfall eine Art Metapher für das Leben als Ganzes ist: Dinge gehen kaputt, und manchmal können sie wieder repariert werden, und meistens stellt man fest, dass das Leben, egal was zerstört wurde, einen Weg findet, den Verlust wiedergutzumachen, manchmal auf ganz wunderbare Weise. Und weißt du was - vielleicht bin ich diese Art von Mensch." (Harold Stein zu Jude St. Francis) -Seite 149, eBook


Noch kurz zum Cover: Ich muss zugeben, dass mich das Cover zuerst nicht so sehr angesprochen hat - doch im Nachhinein habe ich meine Meinung darüber geändert: Es passt perfekt zu dem Roman. Der abgebildete junge Mann mit dem schmerzvollen Gesichtsausdruck spiegelt genau das wieder, was Jude widerfahren ist.


"Er starrte mich an, mit diesem gewissen Blick, bei dem man merkt, dass er innerlich vor einem zurückweicht, obwohl er einen ansieht, bei dem man sieht, wie sich die Tore in seinem Inneren schließen und verriegeln, wie die Brücken über den Schlossgraben hochgezogen werden." -Seite 389, eBook


Mein Fazit: Ein sehr besonderes Buch, dass noch lange nachhallt. Eine sensible, sehr tiefgründige Geschichte, die mit großem Feingefühl erzählt wird. Die Autorin hat hier den richtigen Ton und Erzählweise getroffen. Es ist oft sehr erschütternd und tieftraurig, was Jude widerfahren ist und wie dieses ihn in seinem Erwachsenenleben noch immer wieder einholt. Man muss so manches Mal innehalten, um das gerade Gelesene zu verarbeiten.
 Doch es gibt auch schöne Momente, die berühren, besonders die unerschütterliche Freundschaft ist sehr gelungen beschrieben.
Kurz gesagt: Besondere Charaktere, eine außergewöhnliche Geschichte, fesselnd geschrieben. Ein sehr lesenswertes Buch, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Meine Bewertung: 




Titel: Ein wenig Leben
Autorin: Hanya Yanagihara
Genre: Roman / Drama
Seitenanzahl: 960
Verlag: Hanser



Vielen Dank an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar! :)

Kommentare:

  1. Sehr schön beschrieben Nicole! Die 900 Seiten schrecken mich im Moment, ich hab noch einige schöne Bücher, die sehnsüchtig auf mich warten, wie zum Beispiel das *Das Labyrinth der Lichter* in der Leserunde bei LB.

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    1. Liebe Angela,

      vielen Dank, die Geschichte hat mich wirklich beeindruckt! Na, vielleicht wird das Buch ja später nochmal interessant für dich. Bei der Leserunde zu Zafóns "Das Labyrinth der Lichter" bin ich auch dabei. :)

      Liebe Grüße
      Nicole

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    2. Freu mich darauf auch dort von DIR zu lesen...
      LG Angela

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  2. Liebe Nicole,
    eine sehr schöne Rezi zu einem sehr besonderen Buch, das jetzt doch mehr in meinen Fokus gerückt ist, als ich für möglich gehalten hätte....mal sehen, vielleicht wäre es als Hörbuch etwas für mich!
    Viele Grüße, Heike

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    1. Liebe Heike,

      vielen Dank! Schön, das dir die Rezi gefallen hat. Vielleicht kannst du dich ja auf der LBM mal über das Hörbuch informieren. :)

      Liebe Grüße
      Nicole

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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