Samstag, 31. März 2018

Rezension zu "Die letzte Reise der Meerjungfrau" von Imogen Hermes Gowar

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Der Kaufmann und die Meerjungfrau

Im Jahr 1785: Der Kaufmann Jonah Hancock führt ein bescheidenes Leben. Doch dieses ändert sich schlagartig, als sein Kapitän Tysoe Jones aus Übersee eine Meerjungfrau mitbringt. Diese Nachricht verbreitet sich in Windeseile in sämtlichen Kaffeehäusern und Salons der Stadt und versetzt bald darauf ganz London in Staunen. In kürzester Zeit steigt Jonah Hancock in die oberen Kreise der Gesellschaft auf und verkauft seine Meerjungfrau schließlich für eine hohe Summe. 
In dieser Zeit lernt er auch die Edelkurtisane Angelica Neal kennen, von der er sofort hingerissen ist. Doch Angelica zeigt Hancock die kalte Schulter und fordert von ihm eine eigene Meerjungfrau. Jonah setzt schließlich alles daran, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch alles hat seinen Preis…


„An der allerletzten Kerze dreht sie sich um, das Gesicht im Halbdunkel, während ihre Haare im Lichtschein leuchten. Ihr Blick huscht zu dem dunklen Schreibtisch, wo die gekrümmten Finger der Meerjungfrau wie ein Schattenriss zu sehen sind.“ – Seite 43, eBook


Auf dieses Buch bin ich durch den vielversprechenden Klappentext aufmerksam geworden, der eine besondere und außergewöhnliche Geschichte verspricht. Anfangs hat mir die ruhige Art gefallen, mit der man als Leser die Hauptfiguren langsam kennenlernt. Der Schreibstil ist speziell, genau wie die Charaktere, was mir zunächst sehr gut gefallen hat. Doch leider kommt die Handlung nicht richtig in Schwung – sie nimmt einen Verlauf, der nach einer Weile etwas langatmig wird und nicht richtig von der Stelle kommt. Auch die Rolle der Meerjungfrau ist etwas zu blass – hier habe ich mit etwas speziellem und besonderem gerechnet. Von daher war ich von dem Mittelteil des Romans etwas enttäuscht – jedoch wurde es im letzten Drittel dann wieder interessanter und manche Entwicklungen der Charaktere haben mich sehr überrascht.
Was mir ebenfalls gut gefallen hat: Die Beschreibungen der verschiedenen Schauplätze im Roman, sowie einzelne Ausführungen von bestimmten Augenblicken – dieses ist der Autorin hingegen sehr gut gelungen:


„Er starrt aus dem Fenster. Er fühlt sich, als segelte er mitten auf dem Ozean, schon zu weit weg von zu Hause, um umzukehren, aber noch so fern vom fremden Ufer, dass sein Schiff von den Wellen zerschlagen werden wird, ehe es das Land erreicht.“ – Seite 398, eBook


Mein Fazit: Ein besonderer Roman, der mich mit einer zweigeteilten Meinung zurücklässt. Positiv waren die Darstellung der Hauptfiguren und deren Entwicklungen, sowie die detailreiche Beschreibung der Schauplätze und dem Flair des 18. Jahrhunderts. Nicht so überzeugt hat mich der Handlungsverlauf – er ist oft langatmig und tritt auf der Stelle, auch das Thema „Meerjungfrau“ rückte oft viel zu sehr in den Hintergrund. Im letzten Drittel wurde die Geschichte dann wieder etwas packender. Alles in allem ein interessantes Buch mit kleinen Schwächen, dem ich drei Sterne gebe.

Meine Bewertung: 




Titel: Die letzte Reise der Meerjungfrau - oder wie Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde
Autorin: Imogen Hermes Gowar
Genre: Roman 
Seitenanzahl: 555
Verlag: Bastei Lübbe


Vielen Dank an Bastei Lübbe und Netgalley für das Rezensionsexemplar! :)

Dienstag, 27. März 2018

Rezension zu "Der nächstferne Ort" von Hayley Long

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Die Flucht zum nächstfernen Ort

Von einem auf den anderen Moment wird das Leben der beiden Brüder Griff und Dylan aus den Fugen gerissen. Bei einem schrecklichen Autounfall kommen ihre geliebten Eltern ums Leben. Während dem 13-jährigen Griff die Trauer fast zu überwältigen droht, versucht Dylan mit aller Kraft, für seinen jüngeren Bruder da zu sein und ihn zu schützen. Doch wie geht man mit dieser unendlichen Trauer um? Langsam gelingt es den beiden allmählich, ins Leben zurück zu finden – jeder auf seine eigene Weise, aber trotzdem gemeinsam…




Griff sank zurück in sein Bett. In Zeitlupe ließ er den Kopf in die Hände und die Ellbogen auf die Knie sinken und flüsterte: „Ich will meine Familie zurück.“
Und obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das medizinisch unmöglich ist, glaubte ich zu spüren, wie mir genau in diesem Augenblick das Herz brach. – Seite 77/78


Der nächstferne Ort ist am 21. März 2018 im aktuellen und zugleich leider letzten Programm des Königskinder-Verlags erschienen. Es ist ein sehr berührendes Buch, das von zwei Brüden erzählt, die ihre Eltern verloren haben. Schon am Anfang besticht das Buch mit seiner unheimlich guten und sensiblen Schreibweise. In der Ich-Perspektive aus der Sicht des 15-jährigen Dylan geschrieben, erfährt man von dem schrecklichen Moment und der Zeit danach. Die Traurig- und die Hilflosigkeit wird sofort spürbar, besonders einzelne Momente und Wahrnehmungen werden hier hervorgehoben. Sehr gut gefallen haben mir die Rückblicke von Dylan, die ihn oft an einen „nächstfernen Ort“ geführt haben – Erinnerungen an bestimmte Momente aus seinem Leben, oft mit seinen Eltern – so lernen wir diese besonderen Menschen auch sehr gut kennen.
Auch wenn es eine eher ruhige Geschichte ist – sie ist sehr aussagekräftig und hält später noch eine Überraschung bereit, mit dem man so nie gerechnet hätte…
Die Gestaltung des Buches ist sehr gelungen. Schlicht, schön und still – es passt perfekt zur Story. Im Buch gibt es noch eine Besonderheit: Je nachdem ob geflüstert (klein) und laut geredet (groß) wird – passend dazu verändert sich die Schriftgröße.


„Wow.“ Ich streckte die Hand aus, um vorsichtig die Buchseite zu berühren. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Worte unter meinen Fingerspitzen zerrieselten. So traurig und schön waren sie. – Seite 132


Mein Fazit: Ein berührendes Buch, das die traurige Geschichte zweier Brüder erzählt. Die Handlung ist eher still, aber von unheimlich intensiver Erzählkraft. Oft sehr traurig, doch auch gespickt von schönen, vergangenen Erinnerungen und von aktuellen Ereignissen, die den ein oder anderen Lichtblick erkennen lassen. Ein besonderes Buch, das den Leser überraschen wird.  Sehr lesenswert!


Meine Bewertung: 





Titel: Der nächstferne Ort
Autorin: Hayley Long
Genre: Jugendbuch / Drama
Seitenanzahl: 336
Verlag: Carlsen / Königskinder




Vielen Dank an Carlsen und den Königskinder-Verlag für das Rezensionsexemplar! :)

Gemeinsam Lesen #149

Die Aktion findet ihr jeden Dienstag bei Schlunzen-Bücher.


1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese gerade "Der nächstferne Ort" von Hayley Long und bin auf Seite 177 von 336.


2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
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"Der nächste Morgen kündigte sich mit dem Geschrei von Seemöwen an."


3. Was willst du unbedingt zu deinem Buch loswerden?

Ich bin ja eine begeisterte Leserin der Bücher aus dem Königskinder-Verlag und war sehr gespannt auf dieses Buch, das aus dem aktuellen und leider letzten Programm des Verlages ist. Es ist am 21. März erschienen und erzählt von zwei Jungen, die ihre Eltern bei einem schrecklichen Unfall verloren haben. Dieses Buch ist eher still, aber unheimlich gut geschrieben. Ich bin gespannt, wie das Leben der beiden Brüder weitergeht.




4. Hast du ein "Kaffeetischbuch", das in der Nähe der Couch liegt, damit Gäste es auch mal zum Blättern in die Hand nehmen?

Ein spezielles "Kaffeetischbuch" habe ich nicht, doch das Buch das ich aktuell lese, liegt immer auf dem Couchtisch. Ansonsten stehen im Wohnzimmer noch kleine Büchertürmchen, die gern in Augenschein genommen werden können. ;)
Diese warten noch darauf, einsortiert zu werden - ihr kennt das ja.



Sonntag, 25. März 2018

Rezension zu "Lieber Feind" von Jean Webster

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Jean Websters zweiter Briefroman

Als Sallie McBride von ihrer Freundin Judy das Angebot bekommt, das John-Grier-Heim zu leiten lehnt sie zunächst ab. Unvorstellbar für die junge Frau, plötzlich ein Waisenhaus zu leiten und für über einhundert Kinder verantwortlich zu sein! Doch nachdem Sallies Verlobter Gordon ihr lachend zu verstehen gegeben hat, dass sie dafür völlig ungeeignet ist, sagt sie zu – denn nun ist ihr Ehrgeiz erst recht geweckt. 
Anfänglich ist sie über die Zustände im Heim etwas entsetzt und bringt sofort frischen Wind in die tristen Räume. Mehr und mehr erwärmt Sallie sich für ihre Aufgabe, auch wenn diese mitunter sehr anstrengend sein kann – denn als 113-fache Mutter hat man es nicht leicht! Doch sie setzt alles daran, den Kindern ein schönes und herzliches Zuhause zu schaffen. Jedoch wird ihr Tatendrang nicht von allen gut aufgenommen – wie beispielsweise vom Kinderarzt Dr. McRae, der regelmäßig zu den Kindern ins Heim kommt.  Mit ihrem „liebsten Feind“ und seiner speziellen Art hat Sallie manchmal alle Hände voll zu tun…


„Außerdem ist es ganz egal, was der Herr Doktor will: Er hat eine so überzeugte und diktatorische Auftrittsweise, dass man ihm schon aus Selbstachtung widersprechen muss. Wenn er behauptet, dass die Erde rund sei, versichere ich sofort, sie sei dreieckig.“ (Sallie) – Seite 79


Lieber Feind ist der zweite Briefoman von Jean Webster, der erstmals im Jahre 1915 veröffentlicht wurde. Damit folgt es seinem wunderbaren Vorgänger Lieber Daddy-Long-Legs. Hauptfigur hier ist die junge Frau Sallie McBride, die von ihrer Freundin Judy die Leitung des John-Grier-Waisenhauses angeboten bekommt. Judy McAbbott wird vielen bekannt sein aus dem Vorgänger, in dem sie Briefe an ihren geheimnisvollen Wohltäter Daddy-Long-Legs schreibt. Auch wenn es hier um das Leben von Sallie geht, ist es unheimlich interessant, auf indirekte Weise zu erfahren, wie es Judy inzwischen ergangen ist. Denn ein Großteil ihrer Briefe schreibt Sallie an ihre hochgeschätzte Freundin. Wie schon bekannt, ist auch dieses Buch ein Briefroman – mit einem Unterschied: Sallie kommuniziert mit drei verschiedenen Personen, was eine schöne Abwechslung ergibt. Ihre erfrischende Art und ihr großes Herz für die Waisenkinder wird schnell spürbar:


„Ich habe eine unverrückbare Regel aufgestellt – alle anderen sind dehnbar. Kein Kind wird in eine Familie gegeben, wenn diese ihm nicht ein besseres Leben bieten kann, als wir hier.“ – Seite 86


Natürlich gibt es auch immer wieder charmant-bissige Kommentare in ihren Briefen:


„Neun Uhr abends. Meine Kinder sind im Bett, und mir kommt gerade ein Gedanke. Wäre es nicht wunderbar, wenn auch Menschenjunge in den Winterschlaf fallen würden? Es wäre wirklich angenehm, ein Waisenhaus zu leiten, wenn man die kleinen Herzchen am 1. Oktober ins Bett stecken und dort bis zum 22. April lassen könnte.“ – Seite 133/134


Das ganze Buch ist wunderbar geschrieben und entwickelt sich nach und nach zu einer interessanten und schönen Geschichte. Ich hätte mir nur noch etwas mehr Tiefe der Charaktere gewünscht und auch einige Kinder gern besser kennen gelernt. Diese bleiben meist nur an der Oberfläche. Doch ansonsten ist Sallies Weg interessant zu verfolgen. Wie alle erschienenen Bücher aus dem Königskinder-Verlag ist auch hier die Buchgestaltung wieder rundum gelungen. Eine wunderschöne Neuauflage!

Mein Fazit: Auch wenn Lieber Feind schon über 100 Jahre alt ist, hat er in all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Der zweite Briefroman ist charmant, überwiegend humorvoll und lässt sich sehr gut lesen. Und auch wenn es mal nachdenklich und ernster wird, so verliert das Buch nichts von seiner angenehmen Art. Einen halben Stern ziehe ich ab, da ich mir bei den Charakteren etwas mehr Tiefe gewünscht habe. Ansonsten hat es mir sehr gut gefallen und vergebe 4,5 Sterne hierfür. Wer Lieber Daddy-Long-Legs mochte, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen!

Meine Bewertung: 





Titel: Lieber Feind

Autorin: Jean Webster
Genre: Jugendbuch / Klassiker
Seitenanzahl: 416
Verlag: Carlsen / Königskinder


Die Briefromane von Jean Webster:
Band 1 - Lieber Daddy-Long-Legs
Band 2 - Lieber Feind



Vielen Dank an Carlsen und den Königskinder-Verlag für das Rezensionsexemplar! :)