Sonntag, 28. August 2016

Rezension zu "Winklers Traum vom Wasser" von Anthony Doerr


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Ein Traum, der alles verändert...

David Winkler wächst in Anchorage, Alaska auf. Schon früh begeistert sich der eher stille Junge für Schnee, Eiskristalle und deren Beschaffenheit. Doch David hat auch eine Fähigkeit, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird: Er träumt manchmal von Dingen,  die bald eintreten werden. Warum er bestimmte Ereignisse sieht, bevor sie geschehen, ist ihm ein Rätsel. Auch als Erwachsener hat David manchmal noch solche Träume. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in Cleveland und hofft, dass sie dort glücklich werden. Doch dann träumt David etwas, das ihn in seinen Grundfesten erschüttert: Seine Tochter kommt in einer Flut ums Leben. Tatsächlich tritt der nahegelegene Fluss schon bald über die Ufer. Verzweifelt verlässt David seine Familie und baut sich weit weg ein neues Leben auf - ohne Hoffnung und Perspektive, immer mit den Gedanken bei seiner Tochter und der Frage, ob sie überlebt hat. Nach fünfundzwanzig Jahren kehrt er schließlich in seine Heimat zurück, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet...


"Der erste Schnee fiel, und sie stand mit dem Kind im Arm am Fenster und schaute zu, wie der Schnee durch die Lichtkegel der Straßenlaternen rieselte. Als er zu ihnen trat, spürte er, wie sein Herz einen Sprung machte bei dem Gedanken: Familie" - Seite 74


Mit einem faszinierenden Schreibstil erzählt Anthony Doerr hier die Geschichte eines Mannes, der aus Verzweiflung seine Familie verlässt, um das Leben seiner Tochter zu retten. Nun, nach fünfundzwanzig Jahren kehrt er zurück und macht sich auf die Suche nach Grace - lebt sie noch?
Sehr beeindruckend schildert der Autor die Träume von David Winkler, die ihm manchmal Ereignisse zeigen, die in der Zukunft passieren werden. Aber auch die vielen verschiedenen Schauplätze, einzelne Situationen oder kleinste Momentaufnahmen - alles wird sehr schön geschildert. Dazwischen wird immer wieder, meist sehr poetisch, Winklers Faszination für Schneekristalle und Wasser hervorgehoben.  Da Wasser und auch das Meer hier eine große Rolle spielen, finde ich das Cover der Neuauflage des Romans, der erstmals 2005 erschienen ist, sehr passend gewählt. Die gesamte Geschichte, die anfangs immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit wechselt (und so Winklers Lebensgeschichte erzählt wird) ist sehr packend und mit vielen wundervollen Details geschrieben.


"Er schloss die Augen und stellte sich vor, wieder auf dem Hügel über ihrem Haus zu stehen, inmitten der großen nassen Bäume, die rauschten und wisperten... Erinnerung, Träume, Wasser."  - Seite 155

"Ich habe seit 1977 keinen Schnee mehr gesehen. Aber jetzt kann ich ihn ganz genau vor mir sehen: die Flocken, die im Lichtkegel einer Straßenlaterne zu Boden wirbeln. Wie winzige getrocknete Blüten. Wie eine Million Insekten. Wie Engel, die auf die Erde herabsteigen." - Seite 233


Mein Fazit: Ein ganz wundervoller Roman mit einem einzigartigen Erzählstil. Mit viel Liebe zum Detail erzählt Anthony Doerr hier die außergewöhnliche Lebensgeschichte eines Mannes.  Oft berührend und gleichzeitig sehr packend - mal dramatisch und mal poetisch:  Der Roman ist sehr facettenreich und bildgewaltig geschrieben. Mir hat diese erzählerische Vielfalt sehr gefallen, auch die Charaktere sind sehr ausdrucksstark. Ein ruhiges und ausführliches Buch, für das man sich etwas Zeit nehmen sollte - Es lohnt sich!
Winklers Traum vom Wasser war mein erster Roman von Anthony Doerr und bestimmt nicht mein letzter. Ein wirkliches Lesehighlight.

Meine Bewertung: 



Titel: Winklers Traum vom Wasser
Autor: Anthony Doerr
Genre: Roman
Seitenanzahl: 488
Verlag: C.H. Beck



Vielen Dank an den C.H. Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 24. August 2016

Rezension zu "Die Verwandlung des Schmetterlings" von Federico Axat

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Ein Sommer, der alles verändert

Im Jahr 1985: Die beiden 12-jährigen Freunde Billy und Sam freuen sich auf einen unbeschwerten, schönen Sommer. Lange Fahrradtouren und abenteuerliche Streifzüge durch den Wald stehen an. Bald lernen sie auch das Mädchen kennen, dass mit ihrer Familie in die verlassene Villa eingezogen ist. Schnell freunden sich die beiden mit Miranda an und sind fortan immer gemeinsam unterwegs.
Doch die Vorfreude auf dem Sommer ist etwas getrübt: Der Grund ist der Junge Orson, der zusammen mit Sam und weiteren Adoptivkindern auf einem Hof lebt. Er macht Sam das Leben schwer. Bis das Trio ein dunkles Geheimnis aus Orsons Vergangenheit aufdeckt...
Und noch etwas beschäftigt sie, insbesondere Sam: Was geschah wirklich vor zehn Jahren mit seiner Mutter, die nach einem Autounfall auf mysteriöse Weise verschwand? Für Sam, Billy und Miranda wird der Sommer schließlich anders als gedacht...



"Du versteckst dich nicht vor der Wirklichkeit - Es mussten noch einige Jahre vergehen, bis ich die wahre Bedeutung hinter den Worten verstand. Aus einem Grund, der mir in diesem Augenblick noch nicht bewusst war, bewegte mich dieser Satz dazu, meine selbst gesetzten Grenzen zu überschreiten." - Seite 185




Bei diesem Buch fällt einem als erstes das schöne Cover ins Auge. Schlicht gehalten, und genau deshalb so auffallend. Und genau so wie der Junge auf dem Bild stellt man sich auch den 12-jährigen Sam Jackson vor, der in diesem Roman die Hauptrolle spielt. Als Erwachsener erzählt er (geschrieben der Ich-Perspektive) die Geschehnisse des Sommers 1985, der einiges in seinem Leben veränderte. Gemeinsam mit seinem besten Freund Billy und der gleichaltrigen Miranda, verbringt er schöne, aber auch sehr bedrückende Momente, die das zukünftige Leben des Trios prägen. Immer wieder gibt es Zeitsprünge zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, die aber sehr gut gesetzt sind.



"Selten habe ich mich in meinem Leben so gefürchtet, wie in diesem Augenblick, auf diesem Dachboden voller staubiger Monster. Ich umarmte mich selbst und verlor plötzlich das Bewusstsein." - Seite 232



Mein Fazit: Die Verwandlung des Schmetterlings ist ein ganz besonderer Roman. Die vielschichtige und sehr berührende Geschichte ist wirklich gut erzählt. Die einzelnen, manchmal so verschiedenen Momente werden vom Autor mit dem nötigen Feingefühl wiedergegeben. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Eine große Überraschung hält das Ende bereit, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Mein Tipp: Unbedingt auch das Nachwort lesen.
Auch wenn einzelne Fragen ungeklärt bleiben (daher ziehe ich einen halben Stern ab), ist es doch ein sehr beeindruckendes Buch, das mit seinem Schreibstil überzeugt.



Meine Bewertung: 



Titel: Die Verwandlung des Schmetterlings
Autor: Federico Axat
Übersetzt von: Karolin Viseneber
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 482
Verlag: LangenMüller
Erstveröffentlichung: 20. Juni 2016


Vielen Dank an LangenMüller für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 20. August 2016

Rezension zu "Der Turm der Welt" von Benjamin Monferat



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Die Exposition Universelle nähert sich dem Ende...


Paris im Oktober 1889: Die große Weltausstellung neigt sich in diesen Tagen langsam dem Ende zu. Zum großen Abschlussfeuerwerk in wenigen Tagen werden noch einmal viele tausend Menschen in die Stadt strömen, die Vorbereitungen für das große Finale der Exposition Universelle am Fuße des Eiffelturms sind in vollem Gange. Doch gerade jetzt ist die internationale Lage brisant wie nie: Zwei Agenten des französischen Geheimdienstes werden mitten in der Galerie des Machines -dem Herzstück der Ausstellung- tot aufgefunden - offenbar eine Warnung an das Land. Waren die beiden einer Verschwörung auf der Spur?


Auch für andere Besucher der Hauptstadt stehen in diesen Tagen große Veränderungen bevor: Eine Adlige, die in Paris auch als Königin der Salons bekannt ist, fürchtet um ihr lang gehütetes Geheimnis. Eine Kurtisane wird von einem großen Unbekannten mit etwas erpresst, das tief in ihrer Vergangenheit liegt und ein Fotograf setzt für die Liebe zu einer Frau sein Leben aufs Spiel. Und dann ist da noch ein englischer Constable, den eine zufällige Verkettung von Ereignissen nach Paris führt, an der Seite einer sehr wichtigen Person...


Während die so unterschiedlichen Personen versuchen, ihrem Schicksal Herr zu werden, schwebt über Paris die Angst. Sind die Abschlussfeierlichkeiten wirklich sicher oder kann das Undenkbare doch zu einer schrecklichen Wirklichkeit werden? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und ein besonderes Ermittlerduo nimmt die Herausforderung an...


"Die Kälte in ihrem Inneren hatte sich um keine Winzigkeit vermindert. Vor ihr stand der unheimlichste Mensch, dem sie in ihrem Leben begegnet war, und doch: Leben - oder sterben. Gleich auf der Stelle, falls sie es wagte, sein Angebot abzulehnen." - Seite 126



Dieses ist nur ein kleiner Einblick in den neuen großen Roman von Benjamin Monferat, dem Pseudonym des bekannten Autors Stephan M. Rother. Der Turm der Welt hat einiges zu bieten: Interessante Charaktere, die durch die besondere Schreibweise des Autors lebendig werden. Man bekommt einen detaillierten Einblick in deren so unterschiedliche Leben, die aber so manches Mal auf ungeahnte Weise miteinander verknüpft sind. Trotz der vielen Protagonisten ist alles überschaubar, man kann die einzelnen Personen gut auseinanderhalten.

Neben den einzelnen Schicksalen der Personen gibt es auch noch einen großen Mittelpunkt der Geschichte, um den sich schließlich alles dreht: Die große Weltausstellung im Jahr 1889 in Paris, die sich nun dem Finale nähert. Einem Finale, bei dem Schreckliches Wirklichkeit werden könnte...
Auch die einzelnen Schauplätze in Paris, die Umgebung der Weltausstellung und natürlich der damals gerade errichtete Eiffelturm werden sehr detailreich beschrieben. Ein tolles Extra ist auch die abgebildete Karte vorn im Buch, die das Paris des Jahres 1889 zeigt, in der auch alle wichtigen Schauplätze eingezeichnet sind. Sehr schön ist auch das Cover, das perfekt zu diesem bildgewaltigen Roman passt. 


"Onze heurs et quart. Basil vergrub die Hände in den Taschen der Anzughose, während er noch etwas schneller ausschritt. Viertel nach elf. Eindeutig, dachte er. Er hatte sich getäuscht. Paris war anders, als er erwartet hatte." - Seite 307



Mein Fazit: Dieses Buch ist großartig. Ein beeindruckender historischer Schmöker, der den Leser sofort mitnimmt in das schildernde Paris des 19. Jahrhunderts. Schnell wird klar das neben all dem Glanz der Weltausstellung auch viele Schatten lauern: Neben Freud und Leid, Liebe und Intrigen schwebt über allem auch eine unbekannte Gefahr, die die gesamte Stadt bedroht.
Die Handlung bleibt auf den gesamten 704 Seiten durchweg spannend, nach und nach fügen sich die einzelnen Fäden zusammen - doch oft ganz anders als man zuerst vermutet.
Kurz gesagt: Ein unheimlich gut geschriebener Roman mit einem sehr packendem Finale und vielen Überraschungen. Sehr lesenswert!


Noch kurz zum Schluss: Auch im Nachwort findet der Autor richtige und wichtige Worte zu den noch nicht lange zurückliegenden, schrecklichen Geschehnissen in Paris.


Meine Bewertung: 




Titel: Der Turm der Welt
Autor: Benjamin Monferat
Genre: Historischer Roman
Seitenanzahl: 704
Verlag: Wunderlich / Rowohlt
Erscheinungsdatum: 26. August 2016


Mich hat es sehr gefreut, dieses Buch vorab im Rahmen einer  Lovelybooks-Leserunde lesen zu dürfen. Vielen Dank!

Samstag, 13. August 2016

Rezension zu "Justins Heimkehr" von Bret Anthony Johnston

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Die Rückkehr eines geliebten Familienmitglieds und die Zeit danach...

Die Familie Campbell war einst eine glückliche Familie, bis zu dem Zeitpunkt als ihr damals 12-jähriger Sohn Justin verschwand. Eine Situation, wie sie schlimmer nicht sein kann. Auch wenn Justins Eltern und sein jüngerer Bruder Griffin die Hoffnung in all den Jahren nie aufgegeben haben, geht doch jedes Familienmitglied anders mit der schwierigen Situation um. Und plötzlich ist der Moment gekommen: Vier Jahre nach seinem Verschwinden taucht Justin wieder auf, wird erkannt und von seinem vermeintlichen Entführer getrennt. Ihr Sohn kehrt in die Familie zurück - die Campbells können ihr Glück gar nicht fassen. Doch sie wissen auch, dass für sie noch eine schwierige Zeit bevorsteht: Was hat Justin erlebt und kann der inzwischen 16-jährige Junge überhaupt wieder ein normales Leben führen? Und was geschieht mit dem Täter, der inzwischen verhaftet wurde?


"Am Anfang hatte sich ganz Southport bei den Suchaktionen an die Hoffnung geklammert, dass Justin sich einfach in den Dünen verlaufen hatte. Oder sich versteckt hielt. Mitunter kamen Kinder solche Einfälle." -Seite 69


Das Romandebüt von Bret Anthony Johnston überzeugt mit viel Liebe zum Detail: Schon am Anfang lernt man jeden einzelnen Protagonisten sehr gut kennen und erfährt genau wie derjenige  denkt, handelt, fühlt. Jedes Mitglied der Familie ging in der Zeit, wo Justin verschwunden ist, anders mit der Situation um. Und auch die besonderen Momente nach seiner Heimkehr  werden hier sehr feinfühlig dargestellt. Genau diese vielen kleinen Details über die einzelnen Familienmitglieder, sowie auch die Beschreibungen der verschiedenen Handlungsorte zeigt die Besonderheit des Romans und hat mir sehr gut gefallen. Schon der Prolog ist sehr fesselnd und geheimnisvoll.


"Wenn Justin dann auftauchte, war es, als würden im Haus alle Lichter auf einmal angehen. Eric hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, ihn vor sich zu sehen, und alles, womit sein Sohn in Kontakt kam, schein auf eine neue, reine Art und Weise zu erstrahlen." -Seite 101


Mein Fazit: Justins Heimkehr ist ganz besonderer Roman. Mit viel Feingefühl erzählt der Autor die Geschichte um das Verschwinden und Wiederauftauchen eines Jungen.  Ein ernstes, ruhiges und atmosphärisch sehr dichtes Buch, das durch einen unheimlich guten Schreibstil überzeugt. Freude, Angst und Verzweiflung liegen hier oft nah beieinander. Man spürt förmlich die Unruhe, die sich hinter einer anscheinend friedlichen Idylle versteckt. Eine Geschichte, die noch länger im Kopf bleibt. Auch wenn am Ende einzelne Fragen offen bleiben, ist das Buch ein wirkliches Lesehighlight.

Meine Bewertung:



Titel: Justins Heimkehr
Autor: Bret Anthony Johnston
Genre: Roman / Drama
Seitenanzahl: 420
Verlag: C. H. Beck
Erstveröffentlichung: 21. Juli 2016


Vielen Dank an den C.H. Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar!