Mittwoch, 31. Mai 2023

Rezension zu "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" von Joel Dicker

 

Zum Buch

Marcus Goldman – Band 1

Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA: Dreiunddreißig Jahre nachdem die ebenso schöne wie geheimnisumwitterte Nola dort spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten. Der berühmte, zurückgezogen lebende Schriftsteller Harry Quebert steht plötzlich unter dringendem Mordverdacht.

Der Einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors - und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman - fährt Goldman nach Aurora und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln... (Quelle: Inhaltsangabe - Piper Verlag)



Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert erschien erstmals im Jahr 2013. Nun erscheint am 01. Juni 2023 mit Die Affäre Alaska Sanders eine Fortsetzung. Bevor ich mich nun dem neuen Roman widme, habe ich mich für einen re-read des Vorgängers entschieden. Auch gut acht Jahre nach dem ersten Lesen konnte mich Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert erneut packen.


Hauptfigur Marcus Goldman hat es mit seinem ersten Roman auf die Bestseller-Liste geschafft und ist mit Ende zwanzig nun ein gefeierter Autor. Doch beim Verfassen eines zweiten Buches befällt ihn die "Schriftstellerkrankheit": Die Seiten bleiben leer, kein einziges Wort hat er bisher geschrieben. Um diese Blockade zu überwinden, besucht er seinen ehemaligen Professor und guten Freund Harry Quebert, der im Jahre 1975 mit seinem Roman „Der Ursprung des Übels“ seinen großen Durchbruch als Schriftsteller hatte. In dem kleinen Städtchen Aurora in New Hampshire und Harrys idyllischem Haus am Meer hofft Marcus auf die zündende Idee. Beim Stöbern in dessen Bibliothek stößt er plötzlich auf etwas Brisantem aus Harrys Vergangenheit: Seine heimliche Liebe zu dem Mädchen Nola, das 1975 plötzlich verschwand.
Wieder zurück in New York erreicht ihn kurz darauf eine schockierende Nachricht. Im Garten von Harry Quebert wurde ein Skelett gefunden, bei dem es sich um ein seit 33 Jahren vermisstes Mädchen handelt: Nola Kellergan. Plötzlich steht Harry unter dringendem Mordverdacht. Marcus ist fest von dessen Unschuld überzeugt und beginnt mit Nachforschungen, die nicht ganz ungefährlich sind und ungeahntes ans Tageslicht bringt...

Der Roman beginnt zunächst ruhig und nimmt erst nach und nach an Fahrt auf. Die Handlung wechselt regelmäßig zwischen verschiedenen Erzählstilen – die aktuellen Geschehnisse im Jahr 2008 sind überwiegend in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Marcus Goldman erzählt. Während seiner Recherchen gibt es immer wieder Rückblicke in das Jahr 1975, wo Harrys und Nolas Geschichte immer mehr Konturen annimmt – und später überraschendes offenbart. Auch Harrys Buch „Der Ursprung des Übels“ sowie einige Briefe spielen eine zentrale Rolle.

„Obwohl dieser Fall erst rund zwei Wochen alt ist, kommt es mir vor, als wären es Monate. Ich glaube, im Städtchen Aurora liegen ein paar merkwürdige Geheimnisse begraben, und die Menschen hier geben viel weniger zu, als sie wissen. Die Frage ist nur, warum alle schweigen…“ (Marcus) – Seite 170, eBook


Die vielen Zeitsprünge sind sehr gut eingearbeitet und keineswegs verwirrend, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Zudem sind die Abschnitte immer mit Datum versehen. Besonders an diesem Buch ist auch, dass die Kapitel absteigend nummeriert sind und immer mit einem interessanten kleinen Dialog zwischen Harry und Marcus beginnt, der seinem Schützling einige Weisheiten mit auf den Weg gibt.

"Schriftsteller sind so zerbrechliche Wesen, Marcus, weil sie zwei Arten von Seelenqual kennen, also doppelt so viele wie normale Menschen: den Liebeskummer und den 'Bücherkummer'. Ein Buch zu schreiben ist, wie jemanden zu lieben: Es kann sehr wehtun." - Seite 109, eBook


Zu Anfang habe ich mich mit der Hauptfigur Marcus Goldman und seiner etwas überheblichen Art etwas schwergetan. Jedoch macht er im Laufe der Geschichte und während seiner gemeinsamen Ermittlungen mit Sergeant Perry Gahalowood eine Wendung durch und wird zu einem interessanten Charakter. Nach einige Zeit wird die Handlung ziemlich spannend und so konnte ich das Buch nur noch schwer aus der Hand legen. Neben den Geschehnissen im Jahr 1975 wird es auch in der Gegenwart ziemlich spannend und mit Wendungen, die völlig unvorhersehbar sind. Besonders zum Ende hin.

„Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir nicht, dass uns noch weitere Überraschungen ins Haus standen. Zwei größere Vorfälle sollten uns schon bald Antworten auf unsere Fragen liefern.“ (Marcus) – Seite 496, eBook


Mein Fazit: Ein spannender Krimi, der einige Überraschungen und ungeahnte Wendungen bereithält. Die Handlung nach und nach an Fahrt auf – es wird dramatisch, geheimnisvoll und für manchen auch gefährlich. Schließlich kommt jedes einzelne Puzzleteil an seinen Platz und ergibt ein überraschendes Gesamtbild, mit dem man so nicht gerechtet hat. Nach etwas Einlesezeit wird das Buch zu einem packenden Krimi mit einem grandiosen Verwirrspiel – ich vergebe 4,5 Sterne.



Meine Bewertung:




Titel: Marcus Goldman 1: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Autor: Joel Dicker
Genre: Krimi / Drama
Seitenanzahl: 736
Verlag: Piper
Erstveröffentlichung: 13. August 2013


Die Bücher um Schriftsteller Marcus Goldman:
Band 1 - Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Band 2 - Die Geschichte der Baltimores
Band 3 - Die Affäre Alaska Sanders (die Fortsetzung von Harry Quebert)

Freitag, 26. Mai 2023

Rezension zu "Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen" von John Ironmonger

 

Zum Buch

Zwei Männer, eine Wette und überraschende Ereignisse

In dem gemütlichen Pub eines winzigen Fischerdorfes in Cornwall kommt es am Mittsommerabend zu einer folgenreichen Zukunftswette zwischen einem Studenten und einem Politiker. Werden bald auch die 307 Bewohner des Dorfes zu spüren bekommen, wovor die Welt noch die Augen verschließt? Wird das Haus des Politikers in 50 Jahren vom Meer verschlungen werden? John Ironmonger erzählt von der dringendsten Aufgabe unserer Zeit, von einer Reise in die Arktis, von zwei schicksalhaft verbundenen Leben und nicht zuletzt von der großen Frage: Können aus Gegnern Verbündete werden, wenn es um unser aller Zukunft geht?
(Quelle: Inhaltsangabe - S. Fischer-Verlage)




Von John Ironmonger habe ich bereits die Der Wal und das Ende der Welt und Das Jahr des Dugong gelesen und war sehr begeistert – sowohl von den Geschichten, als auch von den Botschaften, die sie vermitteln. Auch in seinem neuen Roman Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen geht es um ein Thema, das aktueller nicht sein kann: Der Klimawandel.

Alles beginnt mit einer Wette, die ungeahnte Ausmaße annimmt. An einem Sommerabend treffen in dem beschaulichen Küstenort St. Piran in Cornwall der zwanzigjährige Student Tom Horsmith und der vierzigjährige Politiker Montague „Monty“ Causley in einem Pub aufeinander: Zwischen ihnen entsteht eine lebhafte Diskussion, da sie zum Thema Klimawandel unterschiedliche Meinungen vertreten. So entsteht eine Wette: Wird das Haus vom klimaleugnenden Politiker auf der Klippe in fünfzig Jahren noch stehen oder längst Opfer vom steigenden Meeresspiegel sein?

„Seit über fünfzig Jahren hat es im Dorf nicht mehr geschneit, aber bis heute hängen manche im Juni einen Schneestern ins Fenster, um an die Sache mit der Wette und dem Eisbären zu erinnern.“ – Seite 16, eBook


Schon bald wird die Zukunftswette und der Wetteinsatz weltweit bekannt sein – auch viele Jahre später ist sie noch Thema im Leben der beiden so unterschiedlichen Männer – der eine Klimaschützer und der andere Klimaleugner. Doch bei einem Wiedersehen wird der Klimawandel immer deutlicher – in Grönland im ewigen Eis ändert sich schließlich einiges…

Das Besondere an diesem Buch ist, dass sich die Handlung auf über 80 Jahre erstreckt. Die zentralen Schauplätze sind hier zum einen der kleine Küstenort St. Piran in Cornwall, (wo auch schon die Geschichte „Der Wal und das Ende der Welt“ angesiedelt war) und zum anderen der Ort Qaanaaq in Grönland, wo Tom sich später der Gletscherforschung widmet. Die Schauplätze und deren Umgebung werden detailreich beschrieben – hier kommt auch der einnehmende und gleichzeitig flüssig-lockere Schreibstil des Autors sehr gut zur Geltung:

„Es war ein heller, klarer Tag. Der Himmel war blau wie ein Gänseei. Das Meer im Sund lag absolut still und schmerzhaft schön da, bis zum fernen, blassen Horizont, der klare Blick auf einen mit Eisfragmenten überzogenen Ozean – manche groß, manche klein – zumeist Opfer ihres eigenen kalbenden Eisbergs.“ – Seite 175, eBook


Zu Anfang sind die jeweiligen Zeitabschnitte eher kurz und daher wirkte die Handlung etwas abgehackt - doch dieses ändert sich überraschend nach einem gewissen Zeitpunkt: Die Geschichte entwickelt sich spannend und mit einigen unvorhersehbaren Entwicklungen. Auch die Charaktere, die anfangs noch etwas unscheinbar wirkten, werden stärker gezeichnet. Einiges kommt anders als gedacht – auch der Ausgang der Wette ist überraschend.

Neben den Geschehnissen rund um Tom, Monty und die Wette geht es hier natürlich auch um ein sehr wichtiges Thema – der Klimawandel und die verheerenden Folgen. Immer wieder gibt es interessante und erschreckende Fakten zur Schnee- und Gletscherschmelze, die von Tom geschildert werden.

"Über tausende von Jahren waren der Schneefall im Winter und das Schmelzen im Sommer mehr oder weniger im Gleichgewicht. Jetzt nicht mehr. Jedes Jahr schmilzt mehr, als an Schnee fällt. Das grönländische Eisschild wird schmelzen, und das wird Auswirkungen für die gesamte Menschheit haben. Das müssen die Menschen begreifen.“ (Tom) – Seite 133, eBook


Mein Fazit: Ein Roman mit überraschendem Handlungsverlauf, beeindruckenden Schauplätzen und einem Thema, das aktueller nicht sein kann. Der Schreibstil ist flüssig und zeigt in einer Zeitspanne von achtzig Jahren, wie die Welt sich verändern kann. Anfangs fehlte mir durch die großen Zeitsprünge ein bisschen das „Dazwischen“. Doch nach einiger Zeit nimmt die Handlung an Fahrt auf – es wird spannend und überraschend, auch die Entwicklung der Charaktere ist sehr interessant zu verfolgen. Auch gibt es wichtige Einzelheiten zum Klimawandel, die zum Nachdenken anregen. Ein sehr lesenswertes Buch, dem ich 4,5 Sterne gebe.


Meine Bewertung:




Titel: Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen
Autor: John Ironmonger
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 416
Verlag: S. FISCHER
Erstveröffentlichung: 24. Mai 2023


Vielen Dank an die S. Fischer-Verlage und Netgalley für das Rezensionsexemplar!