Dienstag, 3. Dezember 2024

Rezension zu "Zwei Leben" von Ewald Arenz

 

Zum Buch

Zwei Frauen und zwei Leben

1971 in einem Dorf in Süddeutschland.
Als einziges Kind ihrer Eltern gibt es für Roberta keine andere Zukunft als die, einmal die Bäuerin auf dem Hof zu sein. Hier auf dem Land sind Vergangenheitsbewältigung, Kriegsdienstverweigerung, Feminismus, Popkultur und Miniröcke nichts, womit man sich beschäftigt. Hier zählen Arbeit, Gehorsam und moralisches Verhalten. Doch Roberta träumt davon, eigene Kleider zu entwerfen, auch wenn sie genau weiß, dass das ein Traum bleiben wird. Zugleich liebt sie ihren Hof und die körperliche Arbeit in der Natur, in der sie sich zu Hause fühlt. Und dann gibt es da noch den Pfarrerssohn Wilhelm, ihren Freund aus Kindertagen. Die beiden verlieben sich ineinander.
Wilhelm ist nicht nur für Roberta der Grund, im Dorf zu bleiben. Auch seine Mutter Gertrud bleibt wegen ihres Sohnes. Im Gegensatz zu Roberta hasst sie das Landleben und wünscht sich nichts mehr, als weggehen zu können, hinaus in die Welt.
Bald sind beide Frauen gezwungen, ihr Leben zu überdenken und Entscheidungen zu fällen, die nicht nur für sie alles verändern.(Quelle: Inhaltsangabe - Dumont-Verlag)



Zwei Leben ist der aktuelle Roman von Ewald Arenz und überzeugt schon wie in Der große Sommer und Die Liebe an miesen Tagen wieder mit einem klaren, ruhigen und gleichzeitig einnehmenden Schreibstil.


Die Handlung beginnt im Jahr 1971 und ist angesiedelt in einem kleinen Dorf namens Salach in Süddeutschland. Im Mittelpunkt stehen zwei unterschiedliche Frauen: Die junge Roberta kehrt nach einer dreijährigen Lehre zur Schneiderin aus der Stadt wieder zurück in ihr Heimatdorf. Ihre Zukunft scheint vorherbestimmt zu sein – sie ist das einzige Kind ihrer Eltern und wird einmal den Hof übernehmen müssen. Roberta, die einerseits gern im Dorf lebt, hat aber auch Träume – Kleider zu entwerfen und zu schneidern – doch dieses wird in ihrer Heimat, in dem die Zeit stillzustehen scheint nicht möglich sein.
Gertrud dagegen fühlt sich in dem kleinen Ort gefangen – damals ist sie mit ihrem Mann, dem jungen Pfarrer, ins Pfarrhaus gezogen. Was damals nur für wenige Jahre vorgesehen war, ist nun schon seit über zwanzig Jahren ihr Leben. Sie würde lieber heute als morgen gehen – wäre da nicht ihr Sohn Wilhelm, der sich in Salach zuhause fühlt.
Als Roberta und Wilhelm, die Freunde aus Kindertagen sind, sich nun ineinander verlieben, stehen alle vor der Frage, wo und wie sie leben wollen.
Eines Tages stehen beide Frauen schließlich vor Entscheidungen, die ihr ganzen Leben verändern werden.

Schon auf den ersten Seiten wird der einnehmende Schreibstil sichtbar. Man bekommt einen detaillierten Einblick in den Lebensalltag eines kleinen Dorfes und auch in das Landleben in den 1970er Jahren. Schnell wird natürlich klar, dass die Menschen auf dem Land ein komplett anderes Leben führen, als diejenigen in der Stadt. Das wird Roberta klar, als sie nach drei Jahren wieder auf den Hof zurückkehrt – die Zeit steht so abgelegen schon fast still.

„Die Häuser wurden weniger und die Gärten größer. (…) Wieder daheim. Sie hatte fast vergessen, wie es war, wenn man auf viele Kilometer keinen einzigen Menschen sah.“ – Seite 9, eBook


Die Blickwinkel wechseln regelmäßig zwischen den beiden Frauen – Roberta und Gertrud könnten zwar unterschiedlicher nicht sein, doch manchmal liegen einzelne Gedanken nah beieinander. Die Handlung ist im Gesamten eher ruhig erzählt, dennoch wird eine Tiefe sichtbar – es gibt einen klaren Einblick in die verschiedenen Gedanken, Sorgen und auch den Lebensalltag der Beiden, auch einzelne Glücksmomente werden sichtbar:

„Wie schön es war, nirgends sein zu müssen. Einen Nachmittag ganz für sich zu haben, ohne dass irgendjemand wusste, wo sie war. Mit wem sie war. Es war so selten, dass einem die zeit allein gehörte.“ (Roberta) – Seite 101, eBook


Aber auch die Sehnsucht von Gertrud nach einem anderen Leben ist deutlich spürbar:

„Manche Lieder sind wie Fenster für mich, dachte sie. Wie Fenster in ein Leben, das ich nicht führe, und ich stehe in der Öffnung, lehne mich an den Rahmen und sehe sehnsüchtig hinaus.“ (Gertrud) – Seite 48, eBook


Alle Charaktere werden gut beschrieben, auch die Nebencharaktere sind gut gezeichnet. Einige spielen im Laufe der Geschichte noch eine ganz zentrale Rolle. Es gab einzelne Abschnitte, die manchmal etwas zu abschweifend waren – dieses ist aber nur ganz minimal.
Im letzten Drittel gibt es einige überraschende Entwicklungen, mit denen man so nicht gerechnet hat. Freud und Leid liegen oft nah beieinander - dazu kommen nach und nach auch noch einige Geheimnisse ans Licht.


Mein Fazit:
Ein bewegender Roman, der atmosphärisch dicht und mit einem einnehmenden Schreibstil erzählt wird. Vom Landleben in den 1970er Jahren bis zu zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch etwas gemeinsam haben – sehr detailliert beschreibt Ewald Arenz nicht nur die Schauplätze, sondern auch die Träume, Sorgen und Glücksmomente der Hauptfiguren. Zunächst sehr ruhig erzählt wird es später auch noch ziemlich überraschend. Mal bewegend und traurig, dann aber wieder hoffnungsvoll – ein sehr lesenswerter Roman, dem ich 4,5 Sterne gebe.


Meine Bewertung:



Titel: Zwei Leben
Autor: Ewald Arenz
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur / Drama
Seitenanzahl: 368
Verlag: DuMont
Erstveröffentlichung: 13. September 2024


Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

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