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Zwischen Liebe und Lügen
Helene hätte ihren Mann verlassen sollen. Für Alex. Aber sie hat es nicht getan. Und jetzt hat ihr Mann sie verlassen – weil er sich in eine andere verliebt hat. Es ist einfach passiert. Mit diesem Satz zerreißt Georg das Gefüge, das Helene immer versucht hat zusammenzuhalten. Aber vielleicht ist das Ende gar kein Ende? Vielleicht ist es ein Anfang. Etwas, das Helene gebraucht hat, um sich aus dem gesellschaftlichen Korsett zu befreien, aus ihren ewigen Versuchen, den Bildern einer Frau zu entsprechen: als Ehe- und Karrierefrau, als Mutter und Tochter …
Was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein? Diese Frage begleitet Helene, während sie beginnt, ihren eigenen Weg zu gehen.
(Quelle: Inhaltsangabe - Kampa-Verlag)
Lügen, die wir uns erzählen ist der neue Roman von Anne Freytag – mir haben die Jugendbuchromane der Autorin sehr gut gefallen und auch in ihrem Roman für Erwachsene besticht sie mit einem einnehmenden und direkten Schreibstil.
Im Mittelpunkt steht die siebenundvierzigjährige Helene, deren Leben plötzlich aus den Fugen gerät: Während sie viele Jahre darüber nachgedacht hat ihren Mann Georg für Alex, den sie seit Studententagen kennt, zu verlassen, kommt er ihr zuvor: Mit einem Es ist einfach passiert gesteht er ihr, sich in eine andere Frau verliebt zu haben und trennt sich nach zwanzig Ehejahren von ihr. Helenes Gedanken und Gefühle sind aufgewühlt – von tiefer Wut und Verletzung bis hin zu Enttäuschung reißen zudem noch Wunden aus längst vergangenen Tagen wieder auf.
Und um alles kreist die Frage: Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie sich damals – lange vor Georg- für Alex entscheiden hätte?
Ihr Leben läuft nochmal an ihr vorbei – von der erfolgreichen Karriere- und Ehefrau, über Mutter von zwei Kindern bis hin zu einer verletzten Tochter, die es ihrer eigenen Mutter immer recht machen wollte…
Schon am Anfang wird man mitten in die Geschichte geworfen – zwischen Helene und Georg, deren angespannte Lage sofort spürbar wird: Unausgesprochene Vorwürfe, Verletztheit und unterschwellige Wut stehen im Raum.
„Ich hätte diejenige sein sollen, die geht. Mich gegen ihn entscheiden und für mich. Wieso habe ich es nicht getan? Es gab so viele Tage mit so vielen Stunden, in denen ich ihn hätte verlassen können. Und jetzt ist er weg – so wie er eigentlich immer weg war. Nur dass es diesmal wehtut.“ – Seite 139, eBook
Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben – hauptsächlich aus Helenes Sicht, wo wir ihre Gefühle, Gedanken und ihre innere Zerrissenheit hautnah miterleben. Neben den aktuellen Geschehnissen, wo sie ein paar Entscheidungen trifft, die auch ihre beiden Kinder – die Teenager Anna und Jonas – aus ihrem gewohnten Lebensumfeld reißen, gibt es immer wieder Rückblicke in Helenes Vergangenheit. Durch einzelne Fäden setzt sich so nach und nach ihr Leben zusammen – von ihrer Kindheit (deren Verlauf auch eine zentrale Rolle spielt) über ihre Jugend bis hin in ihr Erwachsenenalter. Wir erfahren einiges über Alex, den Helene nie vergessen hat und natürlich auch über ihre Ehe mit Georg. Gemeinsam mussten sie schwere Zeiten durchmachen und doch waren sie gemeinsam einsam. Und auch so ist einiges aus dem Ruder gelaufen.
„Mein Blick fällt erneut auf die Wand vor mir, die Ausschnitte unseres Lebens. Ein Fotoalbum, das zwischen verklebten Seiten all das Hässliche versteckt. Die Verlogenheit, die Einsamkeit, die Distanz, die aus unserer einstigen Nähe entstanden ist. Das Paar auf diesen Fotos gibt es schon lange nicht mehr, es hat sich auseinandergelebt, jeder in ein anderes Leben, unter einem Dach, in einem Bett, jahrelang.“ – Seite 16, eBook
Dies alles ist sehr detailreich, schnörkellos und intensiv geschrieben – gerade dadurch bekommt man einen unverstellten Blick auf bestimmte Momentaufnahmen, Gefühle und auch verschiedenste Orte. Sehr bewegend und manchmal auch komplex.
Zwischendurch gibt es auch einen zweiten Blickwinkel von Helenes sechzehnjähriger Tochter Anna. Zunächst interessant, aber irgendwie hat die Geschichte diese Perspektive nicht unbedingt gebraucht. Bis auf wenige Abschnitte, in denen Helene sich manchmal wiederholt, ist es ein einnehmendes Buch, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Auch, wie es letztendlich ausgeht, ist interessant zu verfolgen.
„Es ist beeindruckend, wie gut man sich in Kleidung und hinter Make-up verstecken kann. Wie glücklich zwei unglückliche Menschen aussehen können. Wir hätten mich auch überzeugt – eine perfekte Lüge mit lächelnden Gesichtern.“ – Seite 137, eBook
Mein Fazit: Ein bewegendes Buch, das mit einer intensiven Erzählweise und stark gezeichneten Charakteren besticht. Anne Freytag erzählt detailreich und einnehmend von Liebe und Lügen und einer Familie, die zerbricht – und spannt einen Faden zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Berührend, komplex und voller Emotionen – bis auf Kleinigkeiten ein sehr lesenswerter Roman.
Meine Bewertung:
Titel: Lügen, die wir uns erzählen
Autorin: Anne Freytag
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 384
Verlag: Kampa
Erstveröffentlichung: 20. März 2024
Vielen Dank an den Kampa-Verlag und Netgalley
für das Rezensionsexemplar!

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