Freitag, 22. März 2024

Rezension zu "Der Rabengott" von Ann Leckie

 

Zum Buch

Von mächtigen Gottheiten und Geheimnissen


Seit Jahrhunderten wird das Königreich Iraden von einem Gott beschützt: Er heißt der Rabe und residiert in einem Turm in der mächtigen Hafenstadt Vastai. Von dort wacht er über das Reich. Seinen göttlichen Willen lässt er über einen Rabenvogel an seinen menschlichen "Statthalter" kundtun.

Der Vogel des Rabengottes ist tot, und die göttliche Regel schreibt vor, auch der „Statthalter“ muss unverzüglich sterben, um Platz für seinen Nachfolger zu machen. Als Mawat, der rechtmäßige Erbe, mit seinem Freund, dem Kämpfer Eolo, in der Hauptstadt eintrifft, sitzt bereits ein Regent auf dem Herrscherstuhl – sein Onkel. Mawats Zorn kennt keine Grenzen und während er versucht, sein Reich zurückzuerobern, entdeckt Eolo, dass der Turm des Raben ein dunkles Geheimnis birgt: In seinem Fundament harrt eine Prophezeiung, die, wenn sie sich erfüllt, Iraden für immer zerstören könnte. (Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Hobbit Presse / Klett-Cotta Verlag)


Der Rabengott ist der erste High Fantasy-Roman von der Science-Fiction-Autorin Ann Leckie und überrascht mit einer außergewöhnlichen Geschichte und interessantem Schreibstil.

Der Roman beginnt mit den Hauptfiguren Mawat und seinem Adjutanten und Freund Eolo, die gemeinsam in Mawats Heimatstadt Vastai reisen. Dort will Mawat sein Erbe antreten – nach seinem Vater als neuer Statthalter des Raben.
Seit vielen Jahrhunderten werden die Königreiche durch Gottheiten beschützt, so auch das Königreich Iraden. In einem hohen Steinturm in der Hafenstadt Vastai wacht ein Gott, der sich selbst „der Rabe“ nennt. Über einen gewöhnlichen Raben kommuniziert er mit dem Statthalter, der dadurch eine hohe Stellung und einige Privilegien innehat. Doch dieses hat seinen Preis:  Sobald der Rabenvogel stirbt, muss auch der aktuelle Statthalter sterben und der Nachfolger den Platz einnehmen.

Doch vieles kommt anders: Als Mawat und Eolo in Vastai ankommen, fehlt von seinem Vater, der nach dem Tod des Vogels auch sterben sollte, jede Spur – gleichzeitig hat Mawats Onkel Hibal den Platz des Statthalters eingenommen. Mawat glaubt nicht, dass sein Vater geflohen ist und misstraut den Aussagen seines Onkels – dementsprechend wütend ist er und rebelliert. Eolo dagegen versucht Antworten zu finden und stößt im Turm den Raben auf ein großes Geheimnis, das alles ändern könnte…

Das Buch hält einige Überraschungen bereit, denn die Geschichte wird aus der Sicht einer alten Gottheit/einem Gott erzählt. Der Erzählstil ist etwas speziell und zunächst gewöhnungsbedürftig: Es gibt zwei Erzählebenen: Die Gottheit schildert die aktuellen Geschehnisse rund um Mawat, seinem Begleiter Eolo, der Stadt Vastai und dem Rabengott – in der Du-Perspektive aus Eolos Blickwinkel. Er spricht Eolo quasi direkt an und erzählt ihm seine Geschichte:

Du legtest die Stirn in Falten, doch dann, wohl wissend, dass du hier in Vastai auf jedes Wort und jede Geste achten musstest, setztest du ein ganz und gar höflich-harmloses Grinsen auf.
„Komm mit“, sagte Mawat knapp. Es war weder eine Frage noch ein Angebot. Er wartete auch nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich um und schritt über die blassgelben Steine des Turmhofs. Und natürlich folgtest du ihm.
– Seite 18, eBook


Die zweite Besonderheit ist, dass die Gottheit auch ihren eigenen Lebensweg erzählt – in der Ich-Perspektive. Diese lebt schon seit Jahrtausenden und hat viel gesehen und dazugelernt. Hier erfahren wird einiges über die Gottheiten und ihre Verbindungen, ihre Macht und deren Pläne – dieses ist sehr interessant zu verfolgen.

„Dieser Tage bin ich ständig von Menschen umgeben, und obwohl ich meistens nicht mit ihnen sprechen kann und sie nicht mit mir, finde ich sie interessant. Der Turm von Vastai, die Festung und die Stadt, die sie umgibt, sorgen für ein Übermaß an Aktivität und Gesprächen, an Triumphen und Niederlagen. Ich beobachte, höre zu und lerne.“ – Seite 89, eBook


Während wir den geheimnisvollen Gott immer besser kennenlernen und dessen Rolle nach und nach immer klarer wird, geht auch die Geschichte um Mawat, seinen verschwundenen Vater und die mysteriösen Geschehnisse in der kleinen Hafenstadt spannend weiter. Von rätselhaften Besuchern und politischen Intrigen bis hin zu dunklen Geheimnissen ist alles dabei. Gerade Eolos Weg ist spannend zu verfolgen – die Figur spielt noch eine zentrale Rolle.

Nach und nach verbinden sich die Fäden aus Vergangenheit und Gegenwart und ergeben ein überraschendes Bild – im letzten Drittel wird es besonders interessant und viele Geheimnisse kommen ans Licht.

Durch den speziellen Schreibstil und die besondere Erzählung hat Ann Leckie hier einen Fantasy-Roman erschaffen, der anders ist – und gleichzeitig faszinierend. Eine phantastische Welt mit einer interessanten und langen Vergangenheit, Gottheiten mit großer Macht und deren Zusammenarbeit mit den Menschen, von politischen Verstrickungen über Kriege und geheime Bündnisse – es gibt einiges zu entdecken. Auf den Erzählstil muss man sich einlassen – ich finde, das dieser hier aber sehr gut passt.


Mein Fazit: Ein besonderer High Fantasy-Roman – anders, überraschend und faszinierend. Neben einem speziellen Erzählstil sticht auch die Handlung selbst hervor: Von Gottheiten und Kriegen über politische Intrigen, dunklen Geheimnissen, interessanten Charakteren und einem überraschenden Verlauf. Auch wenn ich mich zunächst an die Du-Perspektive gewöhnen musste, hat mir die besondere Art des Buches sehr gefallen. Auch, wie sich hinterher alles zusammensetzt, ist wirklich gut gelungen. Ich vergebe 5 Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die außergewöhnliche High-Fantasy mögen.



Meine Bewertung:




Titel: Der Rabengott
Autorin: Ann Leckie
Übersetzt von: Michael Pfingstl
Genre: High Fantasy
Seitenanzahl: 368
Verlag: Hobbitpresse / Klett Cotta
Erstveröffentlichung: 16. März 2024


Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

2 Kommentare:

  1. Hi Nicole!

    Das Buch hatte ich mir auch schon näher angeschaut - klingt definitiv genau nach meinem Geschmack :) Der ungewöhnliche Schreibstil scheint aber schon gewöhnungsbedürftig zu sein, wobei ich das an sich ja mag, wenn es mal anders ist als das übliche, was man so kennt.
    Das ist ja ein Einzelband oder?

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hi Aleshanee,

      ja, zunächst muss man sich an die Du-Perspektive gewöhnen, aber je länger ich gelesen habe, desto mehr fand ich, dass das alles hier sehr gut passt - eben weil die Geschichte so besonders und außergewöhnlich ist. Man muss sich natürlich drauf einlassen. Mich hat das Buch sehr positiv überrascht.
      Ja, soweit ich gelesen habe, scheint es ein Einzelband zu sein.

      Liebe Grüße
      Nicole

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