Sonntag, 28. Juni 2020

Rezension zu "Ich bleibe hier" von Marco Balzano

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Der Kampf um die Heimat

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele. (Quelle: Klappentext)






Ich bleibe hier ist der neue Roman von dem italienischen Autor Marco Balzano – von diesem Buch habe ich im Vorfeld schon viel positives gehört. Und es ist wirklich ein besonderes, sehr berührendes Buch.
Schauplatz ist das kleine Bergdorf Graun in Südtirol, das in den Kriegszeiten zwischen die Fronten gerät: Im Jahr 1922 beginnen die Italiener die Region zu italianisieren, deutscher Unterricht ist ab sofort verboten. Die Deutschen bieten den Bewohnern Jahre später die Auswanderung nach Deutschland an.

„Man erkannte sie sofort, diese Fremden aus dem Süden, die mit dem Koffer in der Hand und der Nase in der Luft nie gesehene Steilhänge und zu niedrig hängende Wolken bestaunten.
Vom ersten Augenblick an hieß es: Wir gegen sie. Die Sprache des einen gegen die des anderen. Die Arroganz der plötzlichen Macht gegen das Pochen auf jahrhundertealte Wurzeln.“ – Seite 25, eBook

Hauptfigur ist die junge Frau Trina, die sich von Anfang an gegen eine Auswanderung und auch gegen das Verbot des Unterrichtens auflehnt. Sie fängt früh an, die Kinder des Dorfes heimlich in Kellern zu unterrichten. Mit den Jahren wird dieses und auch das Leben in dem kleinen südtiroler Bergdorf Graun, immer schwieriger, denn der Krieg rückt unaufhaltsam näher. Neben einem ganz persönlichen Drama, das sie nur schwer verkraften kann, besteht nun die Angst, dass ihr Dorf komplett ausgelöscht werden soll – es soll einem Stausee weichen. Doch sie wehrt sich…
Das Buch ist in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Trina geschrieben und zwar in Form einer Erzählung, die an ihre Tochter gerichtet ist. Es wird oft sehr berührend und im Mittelteil auch sehr dramatisch  – sie beschreibt ihr ganzes Leben von der Jugend bis über die schweren Kriegsjahre hinweg. Der Roman ist mit 288 Seiten eher kurz, doch er ist ausdrucksstark, detailreich und intensiv geschrieben. Man ist sofort mitten in der Geschichte und die Schrecken des Kriegs werden spürbar.
Wir lernen auch Trinas Familie sehr gut kennen, aber der Zusammenhalt und gleichzeitig die Zerrissenheit im Dorf wird spürbar. Wie sich alles entwickelt – beginnend in der Vorkriegs- bis hin zur Nachkriegszeit. Trina hat vieles zu verkraften und wächst über sich hinaus…

„Ich dagegen glaubte, das größte Wissen liege im Wort, besonders für eine Frau. Egal ob Fakten, Geschichten, Legenden, Hauptsache war, man legte sich einen Vorrat davon an und hatte sie parat für den Moment, in dem das Leben komplizierter und leerer wurde. Ich glaubte, sie könnten mich retten, die Wörter.“ (Trina) – Seite 13, eBook

Auch die Anmerkung des Autors hinten im Buch ist interessant – er erzählt,  wann er den Ort Graun zum ersten Mal besucht hat und erklärt, wie er schließlich die historischen Fakten des Dorfes mit fiktiven Figuren zu einem Roman verwoben hat.


Mein Fazit: Ein sehr berührendes Buch, das mit seinem intensiven Schreibstil von der ersten Seite an fesselt. Beeindruckend ist die starke Hauptfigur, die in den verschiedenen, aber immer schwierigen Zeiten über sich hinauswächst und für den Erhalt ihrer Heimat kämpft. Bewegend und sehr lesenswert! 


Meine Bewertung: 



Titel: Ich bleibe hier
Autor: Marco Balzano
Genre: Roman / Drama
Seitenanzahl: 288
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 24. Juni 2020

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar! 

Freitag, 26. Juni 2020

Rezension zu "Die Spiegelreisende 4 - Im Sturm der Echos" von Christelle Dabos

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Band 4 der Spiegelreisenden-Saga

Risse überziehen die Welt der Archen. Immer größere Stücke Land stürzen ins Nichts. Babel, Pol, Anima Einer jagt den nächsten, die Abgründe werden immer größer. Babel, Pol, Anima – keine der am Himmel schwebenden Inseln bleibt verschont. Ungläubig müssen die Menschen mit ansehen, wie ihre Welt nach und nach verschwindet. Um die unwiederbringliche Zerstörung der Archen zu stoppen, muss so schnell wie möglich der Schuldige gefunden werden. Muss „der Andere“ gefunden werden. Aber wie? Wo doch niemand auch nur ahnt, wie er aussieht?
Ophelia und Thorn sind so vereint wie nie. Zusammen begeben sie sich im Störfeuer der vergangenen und zukünftigen Echos auf die Suche nach der allerletzten Wahrheit. 
(Quelle: Klappentext)



Der vierte und finale Band der Spiegelreisenden-Saga gehört mit zu den Büchern, auf dessen Veröffentlichung ich in diesem Jahr mit am sehnlichsten gewartet habe. Mit großer Begeisterung habe ich bereits die drei Vorgänger gelesen, die alle im Jahr 2019 erschienen sind. Nachdem der letzte Band „Das Gedächtnis von Babel“ mit einem großen Cliffhanger endete, geht es in „Im Sturm der Echos“ genau an der Stelle spannend weiter.
Doch zunächst gibt es am Anfang des Buches einen kleinen Rückblick auf die letzten Geschehnisse und noch einmal eine Beschreibung der wichtigsten Charaktere – das hat mir sehr gut gefallen, denn so ist man sofort wieder mitten im Geschehen.
Nachdem Ophelia und Thorn im letzten Band einige Geheimnisse gelüftet haben, stehen sie gleichzeitig vor neuen Rätseln und Herausforderungen: Welche Rolle spielen die Echos und das Mysterium, das nur „Der Andere“ genannt wird, bei den dramatischen Geschehnissen, die sich aktuell auf allen Archen ereignen?

„Beschäftigt euch mit den Echos. Sie sind der Schlüssel zu allem“, hatte Lazarus gesagt.
Ophelia versuchte, zu verstehen, sie versuchte es wirklich. Ein unsichtbarer Faden, schien Eulalia Gort, den Anderen, die Einstürze und die Echos miteinander zu verbinden, doch er war voller Knoten. – Seite 144

Um die vielen Geheimnise und die letzten Rätsel zu lösen, begeben sich Thorn und Ophelia auf eine gefährliche Mission. Dazu müssen sie erneut in fremde Rollen schlüpfen. Was sie bei ihren Ermittlungen herausfinden, ist unglaublich und wird sie für immer verändern…

Auch das einzigartige Szenario, in der die Saga spielt, kommt hier wieder sehr gut zur Geltung: Die Welt wie wir sie kennen, gibt es schon lange nicht mehr. Vor langer Zeit wurde diese in 21 Archen zerschlagen, die in der „Leere“ schweben. Auf denen herrschen die Familiengeister, die den Bewohnern besondere Fähigkeiten vererbt haben – jede Arche hat seine eigene Fähigkeit. Ophelia stammt von der Arche Anima – sie kann über kurzen Distanzen durch Spiegel reisen und die Vergangenheit von Gegenständen „lesen“. Bei ihrer ersten Spiegelreise in ihrer Kindheit hatte sie einen Unfall – nichts ahnend, das sie damit etwas ausgelöst hat, was nun, Jahre danach, auf der Welt immer weitreichendere Folgen nach sich zieht. Dieses Geheimnis und u.a. auch die Frage, warum die Welt vor langer Zeit in 21 Archen zerrissen wurde, wird hier nun gelüftet und auf erstaunliche Weise entschlüsselt. 

„Sie tauchte wieder in den Spiegel ein, so aufmerksam wie möglich und zugleich ohne bestimmte Absicht. Sie spürte, wie sie in einen Raum glitt, der mit Worten schwer zu beschreiben war; Formen und Farben waberten darin, als würde man sich mit Fingern fest die Lider zudrücken. Das Dazwischen. Der Raum zwischen den Spiegeln.“ – Seite 67

Neben Ophelia und Thorn gibt es ein Wiedersehen mit vielen bekannten Nebencharakteren  – auch hier wird um den ein oder anderen so manches Geheimnis gelüftet.
Die Handlung selbst hat einiges zu bieten – auf den über 600 Seiten hat die Autorin einen Verlauf erschaffen, der überraschender nicht sein kann. Es wird öfter mal kompliziert und man muss manches Mal aufpassen, dass man den Faden in der komplexen Handlung nicht verliert - daher sollte man sich Zeit für dieses Buch nehmen. Dennoch ist es im Gesamten gut verständlich. Die beeindruckenden Schauplätze sind detailreich geschildert, die vielen phantastischen Elemente sind perfekt platziert und lässt uns LeserInnen oft staunen.  

Auch die Gestaltung des Buches wieder sehr gelungen und passt perfekt zu seinen Vorgängern:  





Mein Fazit: Ein gelungenes und bildgewaltiges Finale, das überraschender nicht sein kann. Christelle Dabos schafft es, sowohl die beeindruckenden Schauplätze detailreich zu schildern, als auch die Story mit ihren vielen phantastischen Elementen schlüssig und spannend weiter zu erzählen. Der Verlauf ist manchmal zwar etwas kompliziert, aber nach und nach ergibt sich aus den einzelnen Puzzleteilen ein Gesamtbild, das erstaunlicher nicht sein kann.  Ein großartiges Finale mit vielen Abenteuern!  


Meine Bewertung: 




Titel: Die Spiegelreisende 4 - Im Sturm der Echos
Autorin: Christelle Dabos
Genre: Fantasy
Seitenanzahl: 613
Verlag: Insel
Erstveröffentlichung: 22. Juni 2020


Die Bände der Spiegelreisenden-Saga
Band 4 - Im Sturm der Echos



Viele weitere Infos rund um die Autorin und die Spiegelreisenden-Saga und findet ihr hier: https://www.diespiegelreisende.de/

Samstag, 20. Juni 2020

Rezension zu "Das sternenlose Meer" von Erin Morgenstern

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Eine Reise zwischen Magie und Wirklichkeit

Eigentlich arbeitet Zachary Ezra Rawlins an seiner Promotion, doch er kommt nicht weiter. Denn immer, wenn er in der Bibliothek ist, sucht er ein Buch auf, das zwischen den Regalen versteckt liegt. Ein Buch, in dem Zachary eines Tages eine Schilderung seiner eigenen Kindheit findet. Aber wie ist das möglich? Auf der Suche nach dem Geheimnis dieses Buches entdeckt Zachary eine unterirdische Welt voller Bücher am Ufer eines sternenlosen Meers, wo er schließlich eine Verschwörung aufdecken und für die Liebe seines Lebens kämpfen muss. (Quelle: Klappentext)






Da ich magische Geschichten, in denen Bücher eine zentrale Rolle spielen, sehr gerne mag, war ich dementsprechend gespannt auf Erin Morgensterns neuen Roman. „Das sternenlose Meer“ ist wundervoll geschrieben, oft poetisch und mit vielen tollen Schauplätzen.
Hauptfigur hier ist der junge Student Zachary Ezra Rawlins, der in der Unibibliothek zufällig auf ein mysteriöses Buch stößt, das sehr alt und nirgendwo registriert ist. Als Zachary die Kurzgeschichten liest, kann er es zunächst kaum glauben: Eine der Geschichten erzählt von einem kurzen Augenblick, den er in seiner Kindheit erlebt hat. Magische Türen spielen dabei eine zentrale Rolle. Zudem tauchen immer wieder drei Symbole auf: Eine Biene, ein Schwert und ein Schlüssel. Zachary beschließt, dem Ursprung des Buches auf den Grund zu gehen und gerät an einen Ort, der magischer nicht sein kann…

„Tief unter der Erdoberfläche, fernab von Sonne und Mond, am Ufer des sternenlosen Meers, liegt eine labyrinthartige Ansammlung von Tunneln und Räumen, die voller Geschichten sind. Geschichten, die in Bücher stehen, in Einweckgläsern stecken und an Wände gemalt sind. (…) Geschichten, die katalogisiert und gehätschelt und verehrt werden. Alte Geschichten, die man aufbewahrt, während ringsherum neue sprießen.“ – Seite 13, eBook

Und genau diese unterirdische Welt, der geheimnisumwobene Ort, ist wundervoll beschrieben – dort befinden sich unzählige Bücher, beeindruckende Räumlichkeiten und schier unendliche Gänge. Zachery erlebt das Abenteuer seines Lebens – allerdings gerät er auch mitten in eine gefährliche Verschwörung…

„Hinter der Tür liegt etwas. Nicht der Raum hinter der Mauer. Etwas Größeres. Er weiß es. Er hat es im Gefühl. Das hier ist das, was seine Mutter als bedeutsamen Augenblick bezeichnen würde. Ein Augenblick, der alle nachfolgenden Augenblicke verändern wird.“ – Seite 21, eBook

Sehr außergewöhnlich ist der Aufbau der Handlung – beginnen tut diese mit märchenhaften Kurzgeschichten – schnell wird klar, dass diese aus dem mysteriösen Buch sind, dass Zachary findet. Erst danach lernen wir die Hauptfigur kennen. Die Kapitel wechseln regelmäßig zwischen Zacharys Geschichte und den fast märchenhaften Kurzgeschichten. Zunächst etwas verwirrend, aber später wird klar, wie vieles zusammenhängt – das ist sehr gut konstruiert.  Allerdings ist der komplette Roman mit den vielen Geschichten sehr verschachtelt, man muss sehr aufmerksam lesen. Zacharys Weg lässt sich interessant  verfolgen – auch wie sich später alles zusammenfügt, ist spannend.
Jedoch waren mir die Nebencharaktere etwas zu blass – ich konnte mich nicht recht mit ihnen anfreunden. Märchen und Haupthandlung ist zwar gut verwoben, aber der Wechsel ist zu häufig, dadurch wirkt Zacharys Weg manchmal etwas abgehackt.


Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch voller Magie, Märchen und Geschichten in Geschichten -  wundervoll geschrieben, oft poetisch und detailreich. Sehr gut haben mir die vielen phantastischen Schauplätze gefallen und natürlich die Welt voller Bücher. Die Story ist sehr verschachtelt – Geschichten verweben mit der Wirklichkeit und ergeben ein überraschendes Bild. Bis auf Kleinigkeiten ein anspruchsvolles, aber wirklich schönes, phantastisches Buch.


Meine Bewertung: 




Titel: Das sternenlose Meer
Autorin: Erin Morgenstern
Genre: Fantasy / Phantastik
Seitenanzahl: 640
Verlag: Blessing
Erstveröffentlichung: 25. Mai 2020


Vielen Dank an das Bloggerportal und Blessing für das Rezensionsexemplar!