Freitag, 25. September 2020

Rezension zu "Der Morgen einer neuen Zeit" von Ken Follett

Zum Buch

Kingsbridge – Band 4:
Die Vorgeschichte zu Die Säulen der Erde

England im Jahr 997. Im Morgengrauen wartet der junge Bootsbauer Edgar auf seine Geliebte. Deshalb ist er der Erste, der die Gefahr am Horizont entdeckt: Drachenboote. Jeder weiß: Die Wikinger bringen Tod und Verderben über Land und Leute.

Edgar versucht alles, um die Bürger von Combe zu warnen. Doch er kommt zu spät. Die Stadt wird beinahe völlig zerstört. Viele Menschen sterben, auch Edgars Familie bleibt nicht verschont. Die Werft der Bootsbauer brennt nieder. Edgar bleibt nur ein Ausweg: ein verlassener Bauernhof in einem Weiler fern der Küste.
Während Edgar ums Überleben kämpft, streiten andere um Reichtum und Macht in England. Unter ihnen: der gleichermaßen ehrgeizige wie skrupellose Bischof Wynstan, der idealistische Mönch Aldred und Ragna, die Tochter eines normannischen Grafen ...
Edgar, Ragna, Wynstan, Aldred - ihre Schicksale sind untrennbar miteinander und mit ihrer Zeit verbunden. Ihr Land, das England der Angelsachsen, ist eine Gesellschaft voller Gewalt. Eine Gesellschaft, in der selbst der König es schwer hat, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen.  (Quelle: Klappentext - Bastei Lübbe-Verlag)

 

Seit vielen Jahren bin ich begeisterte Leserin von Ken Folletts historischen Romanen – besonders sein Besteller Die Säulen der Erde hat mich damals beeindruckt. Daher war ich schon im Vorfeld sehr gespannt auf Der Morgen einer neuen Zeit. Dieser Roman ist der 4. Band der Kingsbridge-Reihe und erzählt die Vorgeschichte von Die Säulen der Erde. Sehr interessant zu verfolgen ist, wie aus dem kleinen Weiler namens Dreng’s Ferry schließlich die bekannte Stadt Kingsbridge wird.

Hier geht weit zurück zu den Anfängen – beginnend im Jahr 997 im Örtchen Combe, wo es gleich sehr dramatisch wird. Die Wikinger überfallen den Ort und zerstören nahezu alles - so auch die Existenz des jungen Bootsbauers Edgar. 

 

„Er brauchte einen Moment, bis er begriff, dass er etwas sah, das noch schlimmer war als ein Ungeheuer: Es war das Schiff mit einem Drachenkopf am Ende des langen gebogenen Vorderstevens. Ein weiteres Schiff kam in Sicht, ein drittes, ein viertes.“ – Seite 24, eBook

 

Zusammen mit den Überlebenden seiner Familie zieht er in den Weiler Dreng‘s Ferry auf einen Hof, wo der 18-jährige alles versucht, um zu überleben. In den folgenden Jahren erlebt er einiges – Gut und Böse liegen oft nah beieinander…

Neben Edgar spielen auch die junge Frau Ragna, der sympathische Mönch Aldred und der skrupellose Bischof Wynstan zentrale Rollen. Ihre Geschichten sind sehr packend zu verfolgen, jeder hat mit eigenen Problemen zu kämpfen – Verschwörungen, Intrigen,  Liebe und Hass erlebt jeder auf seine Weise. Es ist interessant, wie nach und nach die einzelnen Schicksale aufeinander treffen und miteinander verbunden werden. Vor allem Edgars Weg hält viele Entwicklungen bereit. Dieser ist nicht immer gefahrlos:

 

„Er würde zurückschlagen, und er würde gnadenlos gegen jene vorgehen, die sein Verbrechen aufgedeckt hatten. Edgar fühlte die Angst wie eine kleine harte Geschwulst in seinem Bauch. Wie groß war die Gefahr, in der er schwebte?“ – Seite 366, eBook

 

Die Blickwinkel wechseln regelmäßig zwischen den Hauptfiguren, sodass man deren Lebenswege und Pläne sehr gut verfolgen kann. Während Edgar, Ragna und Aldred für Gerechtigkeit kämpfen, schreckt Bischof Wynstan für die Erreichung der Macht vor nichts zurück… 

Auch die Begebenheiten des damaligen Zeitalters werden von Ken Follett sehr detailreich geschildert. Zudem erklärt er auch, wie das Leben damals im 10./11. Jahrhundert (Frühmittelalter) aussah, wie amtliche Handlungen abliefen und das Rechtssystem funktionierte.

Der Roman ist mit 1.024 Seiten sehr umfassend, aber nie langweilig – das Buch lässt sich leicht lesen und ist von Anfang an packend und interessant. Gerade im letzten Drittel gibt es spannende und dramatische Wendungen.  Im Jahr 997 beginnend spielt die Geschichte ca. 126 Jahre vor den Geschehnissen in „Die Säulen der Erde“, dessen Prolog im Jahr 1123 beginnt.

 

Mein Fazit: Wieder ein sehr gelungener Roman aus der Feder von Ken Follett. In Der Morgen einer neuen Zeit erzählt er die Vorgeschichte von Die Säulen der Erde. Auf 1.024 Seiten schildert er detailreich sowohl die damaligen Begebenheiten im 10./11. Jahrhundert als auch die Lebenswege der Hauptfiguren. Es wird  oft packend  und dramatisch – Verschwörungen, Intrigen, Liebe und Hass liegen oft nah beieinander. Ein toller historischer Schmöker für lange Herbstabende! 

 

Meine Bewertung: 



Titel: Kingsbridge 4: Der Morgen einer neuen Zeit
Autor: Ken Follett
Genre: Historischer Roman
Seitenanzahl: 1.024
Verlag: Bastei Lübbe
Erstveröffentlichung: 15. September 2020

Die Bücher der Kingsbridge-Saga:
Band 1 - Die Säulen der Erde
Band 2 - Die Tore der Welt
Band 3 - Das Fundament der Ewigkeit
Band 4 - Der Morgen einer neuen Zeit (Vorgeschichte)
 

Weitere Rezensionen findet ihr hier:
Monis Zeitreise

 

Viele weitere Infos zum Buch und zur gesamten Kingsbridge-Reihe findet ihr hier: https://follett.luebbe.de

 

Vielen Dank an die Bloggerjury und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

Montag, 21. September 2020

Rezension zu "Die Stadt am Ende der Welt" von Thomas Mullen

Zum Buch

 

Der Kampf gegen die Spanische Grippe

Tief in den Wäldern des Staates Washington liegt die Holzfällerstadt Commonwealth. Charles Worthy hat sich mit der Gründung der Stadt und ihren gesellschaftlichen Idealen fernab von Ausbeutung und Unterdrückung einen Lebenstraum erfüllt. Doch sein Traum ist in Gefahr: Gerade als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigt, bricht die todbringende Spanische Grippe aus. Die Bewohner von Commonwealth sind entschlossen, sich mit strenger Quarantäne zu schützen. Zügig werden Grenzposten gesetzt, Warnschilder ausgehängt und an der einzigen Zugangsstraße bewaffnete Wachen aufgestellt. Als Philip Worthy, der Adoptivsohn des Stadtgründers, mitansehen muss, wie ein halb verhungerter Soldat erschossen wird, um ihn am Betreten der Stadt zu hindern, ist er tief erschüttert. Wenig später vor die gleiche Situation gestellt, trifft er eine andere Entscheidung – und neben der Angst vor der Außenwelt wächst bald schon die Furcht vor dem Feind im Innern.  (Quelle: Inhaltsangabe - Dumont Verlag)

 

Die Stadt am Ende der Welt ist das Debüt von Thomas Mullen und erschien erstmals im Jahr 2006 (in deutscher Übersetzung im Jahr 2007). Der Dumont-Verlag veröffentlichte nun am 22. September 2020 den Roman in überarbeiteter Neuauflage.

Die Handlung spielt im Herbst des Jahres 1918 zu der Zeit, als die Spanische Grippe wütet. Im Mittelpunkt steht die kleine Stadt Commonwealth, die abseits in den Wäldern liegt. Inzwischen hat sich die Epidemie weit ausgebreitet – um die Bewohner vor einer Infizierung zu schützen, greift der Stadtgründer Charles Worthy zu einer drastischen Maßnahme: Er stellt die Stadt unter Quarantäne, niemand darf mehr raus oder herein. Zunächst ist alles ruhig, doch je länger die Abschottung dauert, desto unruhiger werden die Bewohner. Als dann noch ein Soldat erschossen wird, der mit allen Mitteln versucht hatte, in die Stadt zu kommen, ändert sich langsam die Stimmung…

Einer der Hauptfiguren ist der 16-jährige Philip Worthy, der Adoptivsohn des Stadtgründers Charles. Nach dem Tod des Soldaten fragt er sich, ob sie wirklich das Richtige tun. Schon bald darauf gerät er in eine schwierige Lage und muss eine Entscheidung treffen.


„Er verschränkte die Arme, Plötzlich fühlte er sich so verlassen, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. (…)Krampfhaft überlegte er, ob ihm irgendeine Lösung einfiel, aber vergebens. Und er versuchte sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was genau passiert war, wann genau er einen Fehler gemacht hatte.“ – Seite 152, eBook

 

Doch das ist noch lange nicht alles, denn besonders in der zweiten Hälfte des Buches wird von den Bewohner alles abverlangt… 

Neben den aktuellen Geschehnissen bekommt man auch Einblicke in die Vergangenheit einiger wichtiger Charaktere – sowohl von Einwohnern in der abgeriegelten Stadt als auch von außerhalb lebenden Personen. Daneben erfahren wir auch, wie die Stadt Commonwealth entstand und welche Ziele Charles Worthy damit verwirklicht hat.

Im Zentrum steht natürlich die Spanische Grippe – es gibt Einblicke in die Vorgehensweise der Ärzte und auch, wie schrecklich das Virus damals gewütet hat. Oft standen die Mediziner vor großen Rätseln, so auch der ansässige Arzt Dr. Martin Banes:

 

„Doch im Gegensatz zu früheren Entdeckungen, die seine Ansichten auf den Kopf gestellt hatten, anders als bei bisherigen bahnbrechenden Erkenntnissen, die ihn gezwungen hatten, sich neues, fremdartiges Wissen anzueignen, stand er hier vor dem gegenteiligen Problem: Man wusste nahezu nichts über die neue Krankheit.“ – Seite 156, eBook

 

Thomas Mullen schreibt hier detailreich und packend, wie sich die Gesellschaft in Zeiten einer Krise entwickelt – neben der Pandemie ist auch der Erste Weltkrieg ein zentrales Thema.

Zugeben, anfangs war ich unsicher, was das Buch betrifft: Im ersten Drittel wirkt es etwas blass ohne eine zentrale Richtung  - dieses ändert sich aber schlagartig und die Handlung wird stark, packend, oft berührend und sehr dramatisch. Auch die Schlussbemerkung des Autors, die er ganz aktuell im August 2020 verfasst hat, ist sehr informativ und lesenswert.

 

Mein Fazit: Ein interessantes Buch, das besonders in der zweiten Hälfte an Fahrt aufnimmt. Anfangs eher ruhig, schildert Thomas Mullen die Stimmung in der Stadt und auch den schrecklichen Verlauf der Spanischen Grippe in der Umgebung. Auch lernt man die Bewohner etwas besser kennen. Später wird es dann packend, dramatisch und auch emotional – besonders Hauptfigur Philip Worthy wächst über sich hinaus. Abgesehen von minimalen Schwächen ein sehr lesenswertes Buch, das gerade in diesen Zeiten sehr aktuell ist.

Meine Bewertung:



 

Titel: Die Stadt am Ende der Welt
Autor: Thomas Mullen
Genre: Gegenwartsliteratur / Drama
Seitenanzahl: 480
Verlag: Dumont
Erstveröffentlichung: 2007 (Hoffmann und Campe)
Neuveröffentlichung: 22. September 2020 (Dumont)

 

Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!
 

Mittwoch, 16. September 2020

Rezension zu "Die Unschärfe der Welt" von Iris Wolff

Zum Buch

Der Weg des Lebens

Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In Die Unschärfe der Welt verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen. (Quelle: Klappentext)



Die Unschärfe der Welt ist das neue Buch von Autorin Iris Wolff, das u.a. auch für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert ist. Schon auf den ersten Seiten überzeugt der Roman mit seinem bildgewaltigen Schreibstil. Iris Wolff schreibt atmosphärisch dicht, detailreich, fesselnd und gleichzeitig mit einer unglaublichen Ruhe – diese Mischung hat mir unheimlich gut gefallen.
Das Buch ist unterteilt in sieben Abschnitte, in dem wir verschiedene Personen und ihre Lebenswege kennen lernen. Schnell wird klar, dass sie alle auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Im Mittelpunkt stehen Florentine, Hannes und ihr Sohn Samuel. Schon das erste Kapitel gibt einen sehr intensiven Einblick in Florentines Leben – beginnend mit Samuels Geburt.
Sowohl die Umgebungen, als auch die Empfindungen der verschiedenen Personen werden sehr gut und oft mit poetischer Note wiedergegeben:

„Der Rost fraß geduldig das Eisentor. Die Kastanien reichten bis zum Kirchendach. Eine Wolke hatte sich am Turm verfangen. Sein Blick rutschte daran ab.
Erst als erneut Wind aufkam, hörte Hannes auf zu spielen. In jedem Wind steckt ein Teufel, sagten die Rumänen. Heute war es der Zweifel.“ – Seite 39, eBook

Die Geschichten verteilen sich über viele Jahre und geben Begegnungen,  Augenblicke und die Folgen getroffener Entscheidungen wieder. Auch Erinnerungen der Figuren an Vergangenes und deren jeweilige Lebenswege sind großartig in Worte gefasst.

„Karline sah über Felder, Berge, die Silhouette der Stadt, doch erst allmählich bildete sich eine Ordnung, wurde das Panorama zu etwas, das sie kannte.
Wie weit entfernt alles war.
Oder war sie entfernt von allem?“ – Seite 68, eBook

„Bene hatte ein Gedächtnis für Bücher.
Nein, Bücher waren sein Gedächtnis. Sie bewahrten die Zeit auf, in der er sie gelesen hatte.“ – Seite 114, eBook

Die gesamte Geschichte mit ihren sieben Abschnitten entwickelt sich interessant und auch auf gewisse Weise spannend und hat ein stimmiges Ende, das nochmal einiges aufzeigt.

Mein Fazit: Ein besonderes Buch, das mit einer dichten Atmosphäre und dem bildgewaltigen Schreibstil überzeugt. Detailreich, intensiv und manchmal auch poetisch erzählt Iris Wolff aus dem Leben von sieben Personen, die eine Verbundenheit eint. Besonders die Beschreibungen von kleinsten Details  – Momentaufnahmen von einzelnen Augenblicken, Empfindungen der stark dargestellten Charaktere oder auch beeindruckende Beschreibungen der Schauplätze – ist sehr gut gelungen.  Ein wirkliches Lesehighlight, das packend und zugleich sehr ruhig erzählt wird. Großartig!


Meine Bewertung: 





Titel: Die Unschärfe der Welt
Autorin: Iris Wolff
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 216
Verlag: Klett-Cotta
Erstveröffentlichung: 24. August 2020


Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar!