Mittwoch, 16. September 2020

Rezension zu "Die Unschärfe der Welt" von Iris Wolff

Zum Buch

Der Weg des Lebens

Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In Die Unschärfe der Welt verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen. (Quelle: Klappentext)



Die Unschärfe der Welt ist das neue Buch von Autorin Iris Wolff, das u.a. auch für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert ist. Schon auf den ersten Seiten überzeugt der Roman mit seinem bildgewaltigen Schreibstil. Iris Wolff schreibt atmosphärisch dicht, detailreich, fesselnd und gleichzeitig mit einer unglaublichen Ruhe – diese Mischung hat mir unheimlich gut gefallen.
Das Buch ist unterteilt in sieben Abschnitte, in dem wir verschiedene Personen und ihre Lebenswege kennen lernen. Schnell wird klar, dass sie alle auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Im Mittelpunkt stehen Florentine, Hannes und ihr Sohn Samuel. Schon das erste Kapitel gibt einen sehr intensiven Einblick in Florentines Leben – beginnend mit Samuels Geburt.
Sowohl die Umgebungen, als auch die Empfindungen der verschiedenen Personen werden sehr gut und oft mit poetischer Note wiedergegeben:

„Der Rost fraß geduldig das Eisentor. Die Kastanien reichten bis zum Kirchendach. Eine Wolke hatte sich am Turm verfangen. Sein Blick rutschte daran ab.
Erst als erneut Wind aufkam, hörte Hannes auf zu spielen. In jedem Wind steckt ein Teufel, sagten die Rumänen. Heute war es der Zweifel.“ – Seite 39, eBook

Die Geschichten verteilen sich über viele Jahre und geben Begegnungen,  Augenblicke und die Folgen getroffener Entscheidungen wieder. Auch Erinnerungen der Figuren an Vergangenes und deren jeweilige Lebenswege sind großartig in Worte gefasst.

„Karline sah über Felder, Berge, die Silhouette der Stadt, doch erst allmählich bildete sich eine Ordnung, wurde das Panorama zu etwas, das sie kannte.
Wie weit entfernt alles war.
Oder war sie entfernt von allem?“ – Seite 68, eBook

„Bene hatte ein Gedächtnis für Bücher.
Nein, Bücher waren sein Gedächtnis. Sie bewahrten die Zeit auf, in der er sie gelesen hatte.“ – Seite 114, eBook

Die gesamte Geschichte mit ihren sieben Abschnitten entwickelt sich interessant und auch auf gewisse Weise spannend und hat ein stimmiges Ende, das nochmal einiges aufzeigt.

Mein Fazit: Ein besonderes Buch, das mit einer dichten Atmosphäre und dem bildgewaltigen Schreibstil überzeugt. Detailreich, intensiv und manchmal auch poetisch erzählt Iris Wolff aus dem Leben von sieben Personen, die eine Verbundenheit eint. Besonders die Beschreibungen von kleinsten Details  – Momentaufnahmen von einzelnen Augenblicken, Empfindungen der stark dargestellten Charaktere oder auch beeindruckende Beschreibungen der Schauplätze – ist sehr gut gelungen.  Ein wirkliches Lesehighlight, das packend und zugleich sehr ruhig erzählt wird. Großartig!


Meine Bewertung: 





Titel: Die Unschärfe der Welt
Autorin: Iris Wolff
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 216
Verlag: Klett-Cotta
Erstveröffentlichung: 24. August 2020


Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar! 


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