Donnerstag, 30. September 2021

Rezension zu "Fürimmerhaus" von Kai Meyer

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Ein unendliches Haus voller Geheimnisse

Das Fürimmerhaus steht zwischen den Welten, am Ufer eines dunklen Ozeans. Es hat tausende Hallen und Säle, seine Korridore sind endlos. Und noch immer wächst es weiter und verändert sich.

Im Fürimmerhaus stranden junge Heldinnen und Helden, die ihre Welten vor dem Untergang bewahrt haben. Die Herrschenden fürchten ihre Macht und schicken sie hierher ins Exil. Doch Carter ist kein Held wie die anderen. Er besitzt keine Erinnerung, ist nur von einem überzeugt: Er hat niemals eine Welt gerettet. Und so begibt er sich auf die abenteuerliche Reise durch das Fürimmerhaus, auf der Suche nach seiner Bestimmung.
(Quelle: Inhaltsangabe - S. Fischer-Verlage)



„Als Mitternacht auf Mittag fiel, kam Carter ins Fürimmerhaus.“ – Seite 5


…schon der Buchbeginn zeigt, dass uns hier eine phantastische Geschichte erwartet. Als Carter im Fürimmerhaus landet, kann er sich an nichts erinnern – außer an seinen Namen. Kurz nach seiner turbulenten Ankunft lernt er das besondere Mädchen Emmeline kennen, die ihn zu den anderen Bewohnern führt. Diese sind ebenso ratlos wie Carter, warum sie in diesem unendlichen Haus voller Räume und Säle gelandet sind. Sie wissen nur, dass sie aus verschiedenen Welten kommen und diese jeweils vor dem Untergang bewahrt haben. Carter jedoch ist überzeugt, kein Weltenretter zu sein – zudem lief sein Empfang im Fürimmerhaus anders ab als bei den Anderen…

Carter und seine Gefährten sind fest entschlossen, in die Innere Sphäre vorzudringen, wo angeblich der Erbauer lebt. Sie hoffen, dort einen Ausgang zu finden. Somit beginnt für die sechs jungen Menschen ein gefährliches Abenteuer, bei dem sie viel erfahren – nach und nach auch über sich selbst.

Beeindruckend hier ist das Szenario, das Kai Meyer erschaffen hat – ein Haus, das unendlich groß ist, unzählige Räume hat, außerhalb der Welten und am Rand eines Ozeans liegt, in deren Tiefen Gefahren lauern.

„Das Haus lebt“, sagte Hengis.
„Das Haus wächst“, sagte Diabondo.
„Es verschiebt sich und verdreht sich“, sagte Emmeline.
„Und es hat seinen eigenen Willen“, ergänzte Hyazinthe.
– Seite 84


Nach und nach erfahren wir mehr über das Fürimmerhaus: von Äußeren und Inneren Sphären, von ihren magischen Wächtern und deren Meistern sowie von einer mysteriösen Eulenechse, die in den dunklen Kellern des Hauses lebt. Doch dieses ist noch längst nicht alles. Im Laufe der Handlung wird das große Ganze sichtbar und so manches Geheimnis offenbart, mit denen man so nie gerechnet hatte…

„Minutenlang rannten sie schweigend, horchten nur dann und wann auf ihre Verfolger, kamen durch Säle voller Säulenwälder, liefen unter Spitzbögen und Strebepfeilern hindurch, in einem düsterbunten Licht, das durch kunstvolle Rosettenfenster fiel. Staub tanzte in flirrenden Diagonalen vor Schattenwänden, die erst von Emmelines weißem Schein geteilt wurden wie schwarzer Samt.“ – Seite 45


Neben den detailreich beschriebenen Schauplätzen innerhalb des Hauses sind auch die Figuren sehr gut gezeichnet. Besonders die Gruppe um Carter wächst einem im Laufe des Buches ans Herz – wie etwa das Geistermädchen Emmeline. Zudem gibt es einige „Bewohner“ im Haus, die mehr als besonders sind - hier wird es im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch.

Unbedingt erwähnenswert ist noch die wunderschöne Umschlaggestaltung des Hardcovers - auch die jeweiligen Kapitelanfänge sind schön gestaltet. Ein wirklicher Blickfang im Regal. Das Ende hält einige Überraschungen bereit und ist sehr stimmig.





Mein Fazit:
Ein wundervoller phantastischer Roman mit einem beeindruckenden Szenario. Die Handlung entwickelt sich spannend und nach und nach werden die Geheimnisse und die Bedeutung des Fürimmerhauses gelüftet. Vielseitige Charaktere, magische Elemente und spannende Abenteuer machen das Buch zu einem tollen Lesehighlight! 



Meine Bewertung:




Titel: Fürimmerhaus
Autor: Kai Meyer
Genre: Fantasy / Phantastik
Seitenanzahl: 384
Verlag: FISCHER Sauerländer
Erstveröffentlichung: 29. September 2021


Weitere Rezensionen findet ihr hier:
Weltenwanderer


Vielen Dank an die S. Fischer-Verlage für das Rezensionsexemplar!


Dienstag, 28. September 2021

Rezension zu "Dunkelblum" von Eva Menasse

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Dunkle Geheimnisse in Dunkelblum

Auf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassade der österreichischen Gemeinde verbirgt sich die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der nahegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf einer Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Vergangenheit, die sie längst für erledigt hielten. In ihrem neuen Roman entwirft Eva Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt, die immer wieder zum Schauplatz der Weltpolitik wird, und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld.
(Quelle: Auszug aus dem Klappentext - KiWi-Verlag)



„In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt.“ – Seite 11, ebook


…schon mit diesem ersten Satz zeigt sich der beeindruckende und detailreiche Schreibstil von Eva Menasse. Im Mittelpunkt ihres neuen Romans steht der fiktive österreichische Ort Dunkelblum. Angesiedelt im Sommer 1989 lernen wir nach und nach die einzelnen Schauplätze, die Anordnung, die Besonderheiten und natürlich die Bewohner des Dorfes kennen. Es wirkt etwas verschlafen – doch schnell wird klar, dass sie sommerliche, grüne Idylle trügt. Denn hinter den Mauern lauern dunkle Geheimnisse, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang nahmen.

„Sie musste nirgends hingehen, um etwas zu erfahren, denn alles, was in Dunkelblum geschah, fand seinen Weg zu ihr. Sie bewahrte es still auf, behielt das meiste im Gedächtnis, auch das sehr lang Zurückliegende.“ – Seite 142, eBook


Zunächst reist ein geheimnisvoller Mann an, der historische Recherchen durchführt, gleichzeitig trifft eine Gruppe junger Leute ein, um den jüdischen Friedhof zu renovieren, um den sich nie jemand gekümmert hat. Auch werden Pläne für ein Heimatmuseum und eine Ortschronik geschmiedet.
Doch kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse: Ein Skelett wird bei Grabungen auf eine Wiese gefunden, wenig später verschwindet eine junge Frau spurlos. Gleichzeitig kommen vergangene Geschehnisse ans Tageslicht, die lange totgeschwiegen wurden und Erschreckendes offenbaren…

Anfangs wirkt dieses Buch zunächst etwas unübersichtlich – die Autorin springt zwischen aktuellen Geschehnissen und vergangenen Zeiten hin und her, auch die vielen Figuren – heute und auch damals- scheinen willkürlich angeordnet zu sein. Doch nach und nach setzt sich aus den vielen losen Fäden und Abschnitten ein Gesamtbild zusammen, das überraschender nicht sein kann und so einiges offenbart. Schnell wird klar, dass es in Dunkelblum dunkle Geheimnisse gibt – und alle schweigen beharrlich. Bis eines Tages alles Verschwiegene zutage gefördert wird…

„Was haben wir getan, dachte sie in monotoner Schleife und die einzelnen Buchstaben zogen gemächlich vor ihrem inneren Auge vorbei, grell und flackernd, wie auf einem Förderband: Was haben wir nur getan? Es fehlte nur noch, dass sich die Erde öffnete wie am Tag des Jüngsten Gerichts.“ – Seite 157, eBook


Für dieses Buch sollte man sich wegen der Fülle an Details und der vielen Charaktere etwas Zeit nehmen – es lohnt sich. Mir hat der spezielle, detailreiche Schreibstil von Anfang an gefallen und trotz der häufigen Zeit- und Perspektivwechsel bin ich gut zu recht gekommen. Ich fand dieses Buch von der ersten Seite an fesselnd: Es wird geheimnisvoll, interessant und berührend, gleichzeitig werden auch schreckliche Ereignisse des Zweiten Weltkriegs geschildert, die bis heute nichts von ihrer Grausamkeit verloren haben.

Zugleich herrscht in Dunkelblum eine irgendwie bedrückende Atmosphäre, die die Autorin hier sehr gut rüberbringt. Ob Alteingesessene, Zugezogene, Zurückgekehrte oder Besucher – die Bewohner können unterschiedlicher nicht sein und haben doch alle etwas gemeinsam: Geheimnisse. Nach und nach werden kleinste Verbindungen sichtbar.

„Man deutete an, was man dachte, und hatte doch nichts gesagt.“ - Seite 119, eBook


Da hier immer mal wieder österreichische Begriffe auftauchen, gibt es hinten im Buch ein Glossar mit den wichtigsten Übersetzungen. Zudem findet man vorne eine Karte von Dunkelblum zusammen mit den Standorten der wichtigsten Schauplätze und Bewohner.


Mein Fazit: Ein beeindruckendes Werk, in dem die Fäden von Vergangenheit und Gegenwart langsam miteinander verknüpft werden. Vermeintlich Vergessenes, dunkle Geheimnisse und aktuelle mysteriöse Ereignisse kommen nach und nach ans Licht. Sehr umfangreich mit vielen Details und Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten – aber unheimlich fesselnd geschrieben!
Ein besonderes Buch, das sich zu lesen lohnt.


Meine Bewertung:



Titel: Dunkelblum
Autor: Eva Menasse
Genre: Gegenwartsliteratur / Drama
Seitenanzahl: 528
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erstveröffentlichung: 19. August 2021


Vielen Dank an den KiWi-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!