Sonntag, 29. November 2020

Rezension zu "Herzfaden" von Thomas Hettche

Zum Buch

Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. Herzfaden erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.
(Quelle: Klappentext - KiWi-Verlag)



Bereits auf den ersten Seiten wird die besondere Atmosphäre des Buches spürbar. Alles beginnt damit, dass ein zwölfjähriges Mädchen nach einer Theatervorstellung zufällig eine verborgene Tür entdeckt, die auf einen Dachboden führt. Dort macht sie eine besondere Entdeckung:

„Es waren Marionetten, Marionetten übereinander, nebeneinander, unzählige Marionetten, die so leicht an ihren dünnen Fäden hingen, dass sie, als das Mädchen an ihnen vorüberging, zu klappern begannen.“ – Seite 11, eBook

Schon ist sie mitten in einem Märchen und begegnet neben Prinzessin LiSi auch einer besonderen Frau, die ihre Geschichte erzählt. Ihr Name ist Hannelore „Hatü“ Oehmichen, dessen Vater Walter im Jahr 1943 ein kleines Marionettentheater gründete, aus dem Jahre später die berühmte Augsburger Puppenkiste entstand.

Die Geschichte beginnt Anfang der 1940er Jahre, als das Mädchen Hatü zusammen mit ihrer Schwester Ulla und ihren Eltern Rosa und Walter Oehmichen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs hautnah miterleben. Sie müssen einige Rückschläge verkraften, doch es gibt auch immer wieder kleine Lichtblicke.

„Hatü spürt eine Traurigkeit in sich, so groß, dass sie nicht in die Welt passt, und zieht an einem der Fäden des Spielkreuzes. Kaspar wirft seinen Kopf herum und sieht sie an als wollte er sie trösten“ – Seite 57, eBook

Die Marionetten geben dem jungen Mädchen Kraft. Mit ihrem Vater, der die ersten Marionetten fertigte, teilt sie die Leidenschaft für das Puppentheater und stellt später selbst einige der berühmtesten Puppen her.

„Der Herzfaden?“ fragt Hatü.
„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht und glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“
– Seite 72, eBook


Die Geschichte ist berührend geschrieben, man erfährt viele interessante Details über die Entstehung und Fortführung der Augsburger Puppenkiste. Zusätzlich gibt es im Buch noch insgesamt siebenundzwanzig Zeichnungen, die meist Skizzen von den Marionetten oder auch Momentaufnahmen der jeweiligen Szenen zeigen. Eine perfekte Ergänzung.
Neben der Geschichte von Hatü geht es auch immer wieder zurück in die Gegenwart zu dem Mädchen auf den Dachboden, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt. An ihrer Seite sind u.a. Urmel und Jim Knopf. Der gesamte Schreibstil ist angenehm und irgendwie besonders.


Mein Fazit: Ein wundervoller Roman, der die Entstehung der Augsburger Puppenkiste erzählt. Der Schreibstil ist angenehm und hat manchmal, gerade in den Abschnitten auf dem Dachboden, etwas Märchenhaftes. Die bekannten Marionetten sind großartig in Szene gesetzt, auch die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet. Ein Buch für alle Fans der Augsburger Puppenkiste!


Meine Bewertung:



Titel: Herzfaden
Autor: Thomas Hettche
Genre: Roman
Seitenanzahl: 288
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erstveröffentlichung: 10. September 2020


Vielen Dank an den KiWi-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Dienstag, 24. November 2020

Rezension zu "Die Republik" von Maxim Voland

Zum Buch

 

Die DDR als die führende Macht Europas … was wäre wenn?

Europa, 1949: Die neu gegründete DDR umfasst nach einem unglaublichen Coup das gesamte deutsche Staatsgebiet, mit Ausnahme des westlichen Teils von Berlin. Gegenwart: Die DDR ist führende europäische Macht – ein hochmoderner Überwachungsstaat mit einem glücklichen Volk. So scheint es. Während internationale Agentenorganisationen im autonomen West-Berlin ihre Pläne schmieden, wird die DDR von einem furchtbaren Vorfall erschüttert: Über den Platz der Akademie zieht eine Giftgaswolke und fordert zahlreiche Tote. Ein Unfall? Ein Anschlag? Welche Macht steckt dahinter? Ein desillusionierter Stasi-Oberst, der französische Dolmetscher Christopher und die junge DDR-Bürgerin Alicia geraten in eine Verschwörung gigantischen Ausmaßes, die das Ende Europas bedeuten könnte ... (Quelle: Klappentext - Piper-Verlag)



Inzwischen wurde das große Geheimnis gelüftet: Hinter dem Pseudonym Maxim Voland verbirgt sich der Bestsellerautor Markus Heitz, der vor allem für seine großartigen Mystery- und Fantasyromane (z.B. die Zwergen-Saga) bekannt ist. Unter dem Namen Maxim Voland möchte Markus Heitz künftig im Krimi- und Thriller-Bereich schreiben und mit dem Pseudonym eine stärkere Abgrenzung zu seinem Schwerpunkt, dem Phantastikgenre schaffen, wie er auf seiner Facebook-Seite berichtete.
Mit Die Republik hat er einen interessanten Thriller erschaffen – in einem Vorwort und einem ebenso lesenswerten Nachwort beschreibt er, wie auf die Idee zu diesem „Was wäre wenn-Szenario“ kam.

Man bekommt schnell einen guten Einblick in dieses fiktive Szenario: Wie die Menschen in der aktuellen DDR leben, die hier das Gesamtgebiet von Deutschland umfasst und auch in das Leben in West-Berlin, das auch Berlin-Deutschland genannt wird. Die politische Lage ist angespannt, schnell wird klar, dass es sowohl in der DDR als auch in Berlin-Deutschland mächtig brodelt.

Die Atmosphäre ist von Anfang an beklemmend: Eine komplett überwachte Republik mit strengen Einreise- und Grenzkontrollen. Auch stellen sich die Menschen eine Frage: Wem kann man wirklich vertrauen?

„Nichts an dem Mann war auffällig, anders, ungewöhnlich. Und genau DAS ließ sämtliche Warnglocken in ihm klingeln. Die perfekte Tarnung wurde von jenen beherrscht, die Außergewöhnliches leisteten oder beabsichtigten.“ – Seite 46, eBook

Zu Beginn gibt es einen kurzen Einblick in die Vergangenheit (1949) und anschließend in die Gegenwart, wo beschrieben wird, wie es aktuell in der Republik aussieht.
Schon am Anfang wird es sehr dramatisch - plötzlich wird Gas freigesetzt und eine Giftgaswolke breitet sich unaufhaltsam aus:

„Das Merkwürdige war, dass es lautlos geschah. Wie ein Stummfilm in Farbe ereignete sich Leid, eskalierten Unfälle und auflodernde Feuer, Verderben und anhaltendes Sterben auf dem kristallklaren Display. Die Vorgänge wirkten grotesk, surreal, als wären sie Teil einer Darbietung." – Seite 25, eBook


Die Katastrophe fordert zahlreiche Todesopfer, sowohl in der DDR als auch in West-Berlin. Schnell stellt sich die Frage nach dem Schuldigen: War es ein Unfall oder doch ein Anschlag? Der Stasi-Oberst Gustav Kuhn hat ganz eigene Gründe, warum er die Verantwortlichen finden möchte und beginnt zu ermitteln. Bei seinen Nachforschungen begegnet er u.a. Christopher Mueller, der nur zu Gast in der DDR ist und sich plötzlich mitten in den dramatischen Ereignissen befindet. Zusammen stoßen sie auf ein Geheimnis, das schlimmer nicht sein könnte…

Das unheimliche Szenario ist dem Autor sehr gut gelungen, die ausführliche Recherchearbeit wird sofort sichtbar, die Schauplätze und die gesamte Atmosphäre sind gut ausgearbeitet. Jedoch muss ich trotzdem leider sagen, dass ich mit dem Buch einfach nicht warmgeworden bin. Die Handlung ist für einen Thriller zu überladen, der Spannungsbogen geht oftmals wegen Nebensächlichkeiten verloren. Die Charaktere sind etwas blass, einzig der Dolmetscher Christopher Mueller ist eine gut ausgearbeitete Figur.

Im Anhang gibt es neben einem Personenregister auch ein Glossar, wo sämtliche Begriffe und Abkürzungen von Artikeln, Fabriken und Ministerien aufgeführt sind – dieses ist sehr hilfreich. Dennoch stören die vielen Abkürzungen in der Geschichte den Lesefluss, da man ständig überlegen muss, für was denn diese nochmal stand.
Neben dem Szenario ist die Grundidee der Story sehr gut – der Klappentext hatte mich sofort neugierig gemacht. Doch irgendwie habe ich mich mit diesem Buch schwergetan. Schade.


Mein Fazit: Ich bin eine begeisterte Leserin der Bücher von Markus Heitz und freue mich schon sehr auf seine Neuerscheinungen im Jahr 2021 – leider konnte mich Die Republik ausnahmsweise nicht ganz überzeugen. Das Szenario ist sehr gut ausgearbeitet, die Schauplätze sind detailreich beschrieben und man merkt sofort, dass sehr gut recherchiert wurde.
Dennoch bin ich mit der Handlung nicht warmgeworden – zu überladen, die Spannung geht oft verloren und die Charaktere waren mir überwiegend zu blass und oberflächlich. Auch stören die vielen Namenskürzel den Lesefluss. Kurz gesagt: Es ist einfach Geschmackssache.
Ich hoffe, dass dieses Buch dennoch begeisterte LeserInnen finden wird – ich vergebe leider nur 2,5 Sterne.


Meine Bewertung:


Titel: Die Republik
Autor: Maxim Voland
Genre: Thriller
Seitenanzahl: 528
Verlag: Piper
Erstveröffentlichung: 26. Oktober 2020


Vielen Dank an den Piper-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Dienstag, 17. November 2020

Rezension zu "Es war einmal in Italien" von Luca Di Fulvio

Zum Buch

Schicksalshafte Begegnungen in Rom


Ein Waisenjunge, der mit seiner Kamera den Blick auf die Welt verändern will. Ein Zirkusmädchen, das für die Politik brennt. Eine Gräfin, die anderen die Freiheit schenkt. Drei Menschen, die das Schicksal im Jahr 1870 nach Rom führt, das pulsierende Herzstück Italiens auf dem Weg zum Nationalstaat. Inmitten dieser Stadt der Verheißungen kreuzen sich ihre Wege, und ihre Träume scheinen wie durch ein magisches Band miteinander verwoben. Doch das schillernde Rom stellt die drei vor ungeahnte Herausforderungen. Als eines Tages ein dramatisches Ereignis die Ewige Stadt erschüttert, drohen sie alles zu verlieren, was ihnen kostbar ist...
(Quelle: Klappentext - Bastei Lübbe-Verlag





Der neue Roman von Luca Di Fulvio spielt in Italien im Jahr 1870 und sticht besonders durch seine gut ausgearbeiteten Charaktere hervor. Im Mittelpunkt stehen drei Personen: Der 16-jährige Waisenjunge Pietro, dem unverhofft ein neues Leben geschenkt wird: Er wird von einer wohlhabenden Contessa adoptiert, die ihm fortan ein besseres Leben bieten möchte. Doch alles kommt anders als geplant und so sehen sich Pietro und die Gräfin (die ihren alten Namen Nella annimmt) schon bald schweren Zeiten entgegen.

„Das Dunkle, das in seinen Augen aufblitzte, machte Pietro Angst. An die Stelle des Jungen war ein erwachsener Mann getreten. Forsch und berechnend. Pietro ging auf, dass Freiheit nicht so einfach war, wie er geglaubt hatte. Sie war bitterer Ernst.“ – Seite 133, eBook

Neben Pietro und Nella gibt es noch das 15-jährige Mädchen Marta, die in einem Wanderzirkus aufwächst und ebenfalls mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat. Ihre so unterschiedlichen Wege führen sie nach Rom – die ewige Stadt ist Anfang 1870 noch ein Kirchenstaat und so geraten die drei mitten in die Befreiungskämpfe – die Stimmung gleicht einem Pulverfass und die Lage spitzt sich immer mehr zu…

Die Wege von Pietro, Nella und Marta sind interessant zu verfolgen – jeder einzelne von ihnen hat eigene Sorgen und Probleme, aber auch Träume. Pietro entdeckt schnell seine Leidenschaft für die Fotografie – besonders dieses Thema hat mir sehr gut gefallen.


„Wieder erfüllte ihn das Gefühl, das wirkliche Leben zu sehen. Unmaskiert.
Als er das ‚Klick‘ des Fotoapparats hörte, hatte er das Gefühl, die Seele des Lebens auf die Platte zu bannen. Es war genau das, was er fühlte. Und er war vollkommen sicher, dass er diesen Weg weitergehen musste. Das war sein Talent. Oder sein Fluch. Aber vielleicht gab es da auch gar keinen Unterschied.“
– Seite 324/325, eBook


Auch die Nebenfiguren sind hier sehr gut ausgearbeitet und spielen eine wichtige Rolle. Zudem erfährt man hier noch einige historische Hintergründe rund um das damalige Rom, die mir bisher noch unbekannt waren. Es wird dramatisch und rührend, aber auch mal brutal – genau das war mir etwas zu viel. Auch fand ich, dass manche Abschnitte zu abrupt endeten – manches wirkte etwas abgehackt. Doch das sind nur Kleinigkeiten - ansonsten entwickelt sich die Story spannend und hält einige interessante Wendungen bereit.


Mein Fazit: Wieder ein guter historischer Roman aus der Feder von Luca Di Fulvio – sehr gut ausgearbeitete Charaktere, interessante Schauplätze und ein packender Schreibstil machen dieses Buch zu einem fesselnden Schmöker. Die Handlung entwickelt sich nach und nach und hält einige Überraschungen bereit. Von kleinen Schwächen mal abgesehen ein lesenswertes Buch!


Meine Bewertung:



Titel: Es war einmal in Italien
Autor: Luca Di Fulvio
Genre: Historischer Roman
Seitenanzahl: 717
Verlag: Bastei Lübbe
Erstveröffentlichung: 12. Oktober 2020

Vielen Dank an Bastei Lübbe und Netgalley für das Rezensionsexemplar!