Donnerstag, 24. Februar 2022

Rezension zu "Sechzehn Pferde" von Greg Buchanan

 

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Wenn das Böse Einzug erhält…


Sechzehn Pferdeköpfe werden auf einer Farm des sterbenden englischen Küstenorts Ilmarsh entdeckt. Kreisförmig eingegraben in den Ackerboden, nur ein einziges Auge blickt in die rote Wintersonne. Die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen wird zum Tatort gerufen. Früher wollten sie Tierleben retten, heute diagnostiziert sie ihren Tod. Dann entspinnt sich eine unvorhergesehene Kette weiterer Verbrechen. Durch die Kadaver in der Erde verbreitet sich eine Infektion, die Gemeinde wird unter Quarantäne gestellt. Die Außenseiterin soll mit dem örtlichen Polizisten Alec Nichols die schockierenden Fälle aufdecken. Doch was, wenn das Böse nicht nur im Boden lauert, sondern in den Menschen selbst? Etwas Böses, das Allen selbst immer tiefer in einen Strudel aus Schuld und Vergeltung hinabzieht?
(Quelle: Inhaltsangabe - S. Fischer Verlage)



Sechzehn Pferde ist der erste Roman von Greg Buchanan und dieser besticht mit einer sehr speziellen Note – die Story entwickelt sich überraschend und ziemlich unheimlich - alles kommt anders als zunächst gedacht…

„Die Realität begann zu zerbröckeln.“ Seite 112, eBook

Beginnen tut alles mit einem grausigen Fund: Auf einem Feld nahe einer Farm werden sechzehn Pferdeköpfe gefunden – alle seitlich eingegraben, sodass nur ein Auge sichtbar bleibt, das zum Himmel gerichtet ist. Zuerst erreicht der örtliche Polizist Alec Nichols die Fundstelle. Sowohl er, als auch der Farmer, dem das Land gehört, sind ratlos – denn er hält keine Pferde.

„Alec zählte sechzehn Köpfe, auf der Seite liegend und fast vollständig eingegraben. Nur ein Auge lag vollständig frei. (…)
Im Schilf zirpten und summten immer noch Fliegen und Grillen, aber kein Insekt ließ sich auf den toten Augen nieder. Sie schienen unantastbar zu sein.“
– Seite 12, eBook


Hinzugerufen wir u.a. die Veterinärforensikerin Cooper Allen, die die Todesumstände der Tiere noch näher analysiert. Doch während sie einige entscheidende Entdeckungen macht, überschlagen sich die Ereignisse im Ort. Denn die toten Pferde sind nur der Anfang von etwas Bösem, das nach und nach Einzug erhält…
Nicht nur, dass sich durch die Kadaver eine Infektion in der Erde ausbreitet, auch werfen weitere Geschehnisse Rätsel auf – dunkle Geheimnisse kommen an die Oberfläche. Auch Vergangenes wird wieder lebendig…

„Die Einsamen gingen, und ringsumher erblühte die Leere in der Luft.“ – Seite 201, eBook

Neben den vielen unheimlichen und grausigen Geschehnissen sticht auch der Schreibstil hervor: Der Erzähler zwischen verschiedenen Blickwinkeln und Personen hin und her. Mal geht es auch in die Vergangenheit, dann befinden sich plötzlich rätselhafte Textzeilen inmitten der Geschichte. Daran muss man sich zunächst gewöhnen – manchmal wirkt dieses etwas wirr.
Lange bleibt vieles rätselhaft – die Story besteht aus vielen Mosaiksteinchen, von denen die meisten nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Die Pferde sind nur ein kleiner Teil vom Bild, das unheimlicher und grausamer nicht sein kann.

Auch wenn es manchmal wirkt, als wäre einiges wahllos aneinandergereiht, ist das Buch trotzdem auf besondere Weise fesselnd. Die Atmosphäre ist sehr unheimlich, die Beschreibungen schonungslos und direkt. Auch die Schauplätze in und um das Küstenstädtchen Ilmarsh herum sind bildgewaltig beschrieben – früher das Urlaubsziel zahlreicher Touristen, ist heute von dem einstigen Flair nicht mehr viel übrig. Der Niedergang des Ortes wird durch gezielte Beschreibungen der Umgebung während des gesamten Romans hervorgehoben. Dieser schreitet nach den jüngsten Ereignissen weiter voran:

„Ringsumher schraubte sich alles in eine tiefe Stille, das Meer wogte, die Wellen brachen sich rauschend, und die Geräusche der Spielhallen hallten bis in die leerstehenden Gebäude, bis auf die verwaisten Straßen.
Ilmarsh lag im Sterben.
Wie jeden Tag.“
– Seite 204, eBook


Am Ende gibt es dann eine Auflösung, mit der man so nicht gerechnet hätte…


Mein Fazit: Ein außergewöhnlicher Roman, der ziemlich unheimlich und gruselig, zugleich aber auch sehr packend ist. Thriller-, Drama- und Horrorelemente sind hier vereint. Ein grausamer Fund ist nur die Spitze des Eisbergs und legt einiges frei, dass dunkler nicht sein kann…
Zugleich gehört dieses Buch zu denen, über die ich noch etwas länger nachdenken musste und mir bis zuletzt unsicher war, wie es mit tatsächlich gefallen hat. Manchmal war es etwas wirr, aber da es dennoch ziemlich spannend und vor allem unvorhersehbar war, vergebe vier Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die gern Außergewöhnliches lesen.



Meine Bewertung:




Titel: Sechzehn Pferde
Autorin: Greg Buchanan
Genre: Thriller / Drama
Seitenanzahl: 448
Verlag: S. Fischer
Erstveröffentlichung: 23. Februar 2022


Vielen Dank an die S. Fischer-Verlage und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Montag, 21. Februar 2022

Rezension zu "1795" von Niklas Natt och Dag

 

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Winge und Cardell ermitteln – Band 3

1795: In Stockholm öffnen sich die Tore zur Hölle.
Nach einer Feuersbrunst, die viele Leben gekostet hat, liegt der beißende Geruch von Verzweiflung in der Luft. Wie ein hungriges Tier schleicht das Böse in Gestalt des zwielichtigen Tycho Ceton durch die verwinkelten Gassen. Niemand weiß, was für ein widerliches Komplott er als Nächstes plant.

Zeitgleich beginnt das Königshaus eine unerbittliche Jagd auf alle Gegner der Regentschaft. Ein Brief mit den Namen der Verschwörer soll im Umlauf sein – und ausgerechnet die vermisste Anna Stina Knapp wurde damit gesehen. Zwei begnadete Ermittler stellen sich der Dunkelheit entgegen und wollen nicht nur Ceton fassen, sondern auch Anna Stina beschützen: Emil Winge und der einarmige Veteran Jean Michael Cardell. Doch während sie noch versuchen, für das Gute einzustehen, bahnt sich unaufhaltsam ein Inferno an…
(Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe -  Piper-Verlag)



Nach den Romanen 1793 und 1794 findet die historische Krimireihe von Niklas Natt och Dag mit 1795 nun ihren Abschluss. Nachdem der Vorgänger ziemlich abrupt endete, bekommen wir hier im Prolog die Antworten auf die Frage, wie es nach den schrecklichen Ereignissen im Herbst 1794 weiterging. Danach gibt es einen kleinen Sprung ins Frühjahr 1795. Emil Winge und Jean Michael Cardell arbeiten erneut zusammen, um ihren erbitterten Feind Tycho Ceton endlich zu fassen. Neben dessen Verfolgung sucht Cardell auch nach der jungen Frau Anna Stina Knapp, die nach der Feuersbrunst spurlos verschwunden ist. Er möchte sie beschützen – denn gleichzeitig suchen auch weitere Personen nach ihr, da sie angeblich im Besitz eines Briefes mit brisantem Inhalt ist. Ein Wettlauf mit der Zeit – und gegen das Böse - beginnt…

„Mit wachsender Besorgnis hält er die Stunde für fortgeschrittener, als sie in Wahrheit ist, und zweifelt gar an seine Taschenuhr. Längst vergessene Furcht breitet sich in ihm aus, die ganz anders ist als jene, die er so viel besser kennt.“ – Seite 86, eBook


Die Handlung ist hier wieder in vier Teile aufgeteilt: Die ersten drei Teile schildern die Geschehnisse aus dem Frühjahr und Sommer des Jahres 1795 – aus den Sichtweisen verschiedener Personen. Manches ist anfangs noch rätselhaft, aber nach und nach setzen sich einzelne Puzzleteile an ihren Platz, da die Ereignisse aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet werden. Es wird brutal und oft auch grausam.
Sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren sind stark gezeichnet. Neben den aktuellen Geschehnissen haben sie auch mit den Dämonen aus der Vergangenheit zu kämpfen.

Der vierte Teil ist im Herbst/Winter des Jahres angesiedelt. Hier laufen die verschiedenen Fäden schließlich zusammen und fördern einige Überraschungen zutage…

„Emil Winge wird blass und legt den Brief so behutsam zurück auf den Tisch, als handelte es sich um eine Schlange, der das Gift bereits aus den Fängen tropft.“ – Seite 354, eBook


Wie auch schon bei den beiden Vorgängern, hat es auch der dritte Band in sich. Der Autor führt uns in die dunkelsten Ecken Stockholms Ende des 18. Jahrhunderts. Schonungslos und direkt lässt er uns in menschliche Abgründe blicken. Auch schildert er die Schauplätze detailreich und hält die unheimliche Atmosphäre die gesamte Zeit aufrecht.

Nachdem der erste Band 1793 schwer zu übertreffen war, war auch der Nachfolger mit kleineren Schwächen noch sehr spannend. Bei diesem Band lässt die Spannung nach einem interessanten Anfang jedoch merklich nach. Im Mittelteil wird es öfter mal langatmig und der rote Faden geht zeitweise verloren. Zum Ende hin kommt aber nochmal Spannung auf, die Handlung kehrt wieder zum Hauptthema zurück und einiges wird offenbart.

„Sie unterschätzen Jean Michael. Und diesen Fehler begehen viele nur ein Mal.“
(Emil Winge) – Seite 408, ebook


Mein Fazit: Ein Abschlussband mit kleinen Schwächen, der nicht ganz mit seinen starken Vorgängen mithalten kann. Nach wie vor packend ist der Schreibstil: die unheimliche Atmosphäre, die dunklen Schauplätze und der schonungslose Blick hinter die Kulissen Stockholms ist dem Autor auch hier wieder gelungen. Nach einem vielversprechenden Beginn schwächelt die Handlung dann im Mittelteil leider etwas, alles zieht sich zu sehr in die Länge. Das Ende wiederum hält dann noch interessante Wendungen bereit...
Da mich dieses Buch nur teilweise überzeugen konnte, vergebe ich drei Sterne – dennoch eine interessante und außergewöhnliche historische Krimireihe.



Meine Bewertung:




Titel: 1795
Autor: Niklas Natt och Dag
Genre: Historischer Thriller
Seitenanzahl: 528
Verlag: Piper
Erstveröffentlichung: 27. Januar 2022


Die Bücher der Trilogie um Winge und Cardell
Band 1 - 1793
Band 2 - 1794
Band 3 - 1795




Vielen Dank an den Piper-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!