Dienstag, 28. Mai 2024

Rezension zu "Das Reich der Verdammten - A Tale of Pain and Hope" von Jay Kristoff

 

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Das Reich der Vampire – Band 2

Nachdem Gabriel de León den Orden der Silberwächter verlassen hat, begibt er sich zusammen mit seiner mysteriösen Verbündeten Liathe auf die Suche nach dem Ursprung der Vampirherrschaft: Er soll den Gral zu einem Weisen des uralten Volks der Esani bringen, um zu erfahren, wann der Fluch begann – und wie er sich beenden lässt.

Doch verfolgt von den Kindern des Ewigen Königs und der Heiligen Inquisition, ist kein Schritt gefahrlos, denn Verrat lauert hinter jeder Ecke. Und dass Gabriel und seine Gefährten in einen Krieg hineingezogen werden, der seit Jahrhunderten in der Dunkelheit ausgefochten wird, verbessert ihre Erfolgsaussichten auch nicht gerade… (Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - FISCHER Tor)



Das Reich der Verdammten – A Tale of Pain and Hope ist der zweite Band der Dark-Fantasy-Reihe Das Reich der Vampire von Jay Kristoff und erzählt die düstere Geschichte von einer Vampiren beherrschten Welt spannend weiter.

Anfangs hatte ich etwas Sorge, nicht wieder in die komplexe Geschichte hineinzufinden, da seit dem ersten Band gut zwei Jahre vergangen sind. Doch direkt am Anfang gibt es anhand von einem Register mit den wichtigsten Charakteren auch gleichzeitig einen Rückblick, der eine gut Erinnerungsstütze ist. So war ich nach wenigen Seiten wieder mittendrin in der Story.

Zum Handlungsverlauf möchte ich gar nicht so viel schreiben, da ich sonst ziemlich spoilern würde. Aber ich versuche hier, ein wenig zu beschreiben, was uns LeserInnen in dieser Fortsetzung erwartet – ohne zu viel zu verraten. Der zweite Band setzt fast nahtlos an den Vorgänger an, wo gerade zum Ende hin einiges passiert ist und so manche Geheimnisse ans Licht kamen.

Eine der Hauptfiguren hier ist wieder Gabriel de León - der Letzte der Silberwächter, der nach vielen Jahren zu einer Legende wurde – und inzwischen ein Gefangener ist. Nach einem kleinen „Zwischenfall“ sitzt er wieder dem Vampir Jean-Francois Chastain gegenüber. Der Chronist wurde von seiner mächtigen Herrscherin beauftragt, die Geschichte des berühmten Silberwächters nieder zu schreiben.

„Der Vampir und sein Gefangener blieben allein zurück, und eine Kühle hing in der Luft, die vom Schatten eines leeren Leuchtturms und dem Raunen unvergessener Geister verdüstert wurde.“ – Seite 179, eBook


Hier gibt es die überraschende Neuigkeit, dass nicht nur Gabriels Geschichte erzählt wird, sondern auch die von zwei weiteren Figuren – eine davon ist ebenfalls Jean Francois´ Interviewpartner.

Im zweiten Band lernen wir noch mehr von der Welt kennen, die seit über 27 Jahren eine andere ist – der „Tagestod“ ermöglichte es den Vampiren, nun auch tagsüber für Angst und Schrecken zu sorgen. So eroberten sie in vielen blutigen Schlachten weitläufige Gebiete und Ortschaften.
Nachdem Gabriel de Leon von einer Prophezeiung erfahren hat, die aufzeigt, dass der Tagestod mithilfe eines geheimnisvollen Grals beendet werden kann, sieht er etwas Hoffnung in der dunklen Welt. Zusammen mit der geheimnisvollen Liathe versucht er, den Gral zu einem Weisen an einem schwer erreichbaren Ort zu bringen, der zu dem uralten Volk der Esani gehört. Doch dieser Weg ist gefährlich, blutig und hält einige böse Überraschungen bereit.

Gabriel musste indes Schlimmes durchmachen und sinnt auf Rache an dem Ewigen König - gleichzeitig verlässt ihn die Hoffnung nie, dass die Schreckensherrschaft doch noch beendet werden kann und er zudem noch das Geheimnis des Ursprungs der Vampirherrschaft lüften kann.

Bei was es sich bei dem heiligen Gral handelt und wer genau die Frau Liathe ist, wird noch im ersten Band enthüllt. Dieses würde aber hier denjenigen zu viel verraten, die das Buch noch nicht gelesen haben.
Neben Gabriel treten noch weitere Charaktere in den Vordergrund, dessen Wege interessant zu verfolgen sind. Es gibt ein zudem ein Wiedersehen mit längst verlorenen geglaubten Figuren. Gleichzeitig erfahren wir hier noch mehr über die vier mächtigen Blutlinien – uralte und sehr mächtige Vampire, die gegenseitig tief verfeindet sind.

„Die Vampire standen still wie Statuen, ließen sich nicht aus den Augen und vermittelten allein durch ihre Haltung eine enorme Bedrohung. Aber nach einer atemlosen Ewigkeit wandte der jüngere Blutsauger den Blick ab.“ – Seite 295, eBook


Auch das Reich Elidaen wird hier sehr detailreich beschrieben. Die Handlung ist von Anfang an fesselnd, entwickelt sich spannend und hält viele überraschende Wendungen bereit.
Was mir persönlich nicht so gefallen hat, waren die detaillierten Sexszenen, die der Roman wirklich nicht gebraucht hätte. Auch der ausschweifend beschriebene Blutrausch mit viel Gewalt im dritten Teil war manchmal etwas zu übertrieben. Da dieses aber nur einen kleinenTeil der über 1.000 Seiten einnimmt, kann ich darüber hinwegsehen. Es passiert sehr viel und besonders zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse…
Insgesamt ist diese Fortsetzung noch um einiges dunkler, brutaler und oftmals ziemlich blutig. Es wird sehr unheimlich – Jay Kristoff fängt das Grauen und den Schrecken in dieser von Vampiren beherrschten Welt sehr gut ein.

„Gabriel leerte seinen Kelch, dann starrte er das Ungeheuer an, das ihm gegenübersaß. Alles Licht im Raum schien sich in den dunklen Teichen der Vampiraugen zu sammeln, die wie Sterne funkelten.“ – Seite 224, eBook


Besonders gefallen hat mir das folgende Zitat, das auch ähnlich im ersten Band auftauchte:

„Ein Leben ohne Bücher ist ein nicht gelebtes Leben. Es liegt eine Magie ohnegleichen in ihnen. Ein Buch aufzuschlagen, das ist, als würde man eine Tür öffnen – zu einem anderen Ort, einer anderen Zeit, einem anderen Verstand.“ – Seite 80, eBook


Unbedingt erwähnenswert sind noch die passend-düstere Umschlaggestaltung und die vielen Illustrationen im Buch, die verschiedene Charaktere und Momentaufnahmen wiedergeben. Diese kommen auch im eBook sehr gut zur Geltung. Zudem findet man noch eine Karte von einem Ort, der im Laufe der Geschichte noch eine zentrale Rolle spielt.


Mein Fazit: Wieder fesselnde Dark-Fantasy auf über 1000 Seiten. Spannend, und noch um einiges dunkler als der Vorgänger. Von mächtigen Vampiren, die blutig über eine verdüsterte Welt herrschen, uralten Feindschaften und abgrundtiefe Dunkelheit bis hin zu jemanden, der alles dafür tun würde, um die Schreckensherrschaft zu beenden – es wird spannend und mit überraschenden Wendungen, detailreichen Schilderungen und einer Atmosphäre, wie sie unheimlicher nicht sein kann. Bis auf kleine Kritikpunkte eine gelungene Fortsetzung, die es in sich hat und 4,5 Sterne von mir bekommt. Sehr lesenswert.


Meine Bewertung:






Titel: Das Reich der Verdammten - A Tale of Pain and Hope
Autor: Jay Kristoff
Übersetzt von: Kirsten Borchardt
Illustrationen: Bon Orthwick
Genre: Dark-Fantasy
Seitenanzahl: 1.008
Verlag: FISCHER Tor
Erstveröffentlichung: 01. Mai 2024 (eBook) / 29. Mai 2024 (Print)


Das Reich der Vampire - die Bücher:
Band 1: Das Reich der Vampire - A Tale of Blood and Darkness
Band 2: Das reich der Verdammten - A Tale of Pain and Hope


Vielen Dank an die S. Fischer-Verlage und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Freitag, 17. Mai 2024

Rezension zu "Lügen, die wir uns erzählen" von Anne Freytag

 

Zum Buch

Zwischen Liebe und Lügen

Helene hätte ihren Mann verlassen sollen. Für Alex. Aber sie hat es nicht getan. Und jetzt hat ihr Mann sie verlassen – weil er sich in eine andere verliebt hat. Es ist einfach passiert. Mit diesem Satz zerreißt Georg das Gefüge, das Helene immer versucht hat zusammenzuhalten. Aber vielleicht ist das Ende gar kein Ende? Vielleicht ist es ein Anfang. Etwas, das Helene gebraucht hat, um sich aus dem gesellschaftlichen Korsett zu befreien, aus ihren ewigen Versuchen, den Bildern einer Frau zu entsprechen: als Ehe- und Karrierefrau, als Mutter und Tochter …

Was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein? Diese Frage begleitet Helene, während sie beginnt, ihren eigenen Weg zu gehen.
(Quelle: Inhaltsangabe - Kampa-Verlag)




Lügen, die wir uns erzählen ist der neue Roman von Anne Freytag – mir haben die Jugendbuchromane der Autorin sehr gut gefallen und auch in ihrem Roman für Erwachsene besticht sie mit einem einnehmenden und direkten Schreibstil.

Im Mittelpunkt steht die siebenundvierzigjährige Helene, deren Leben plötzlich aus den Fugen gerät: Während sie viele Jahre darüber nachgedacht hat ihren Mann Georg für Alex, den sie seit Studententagen kennt, zu verlassen, kommt er ihr zuvor: Mit einem Es ist einfach passiert gesteht er ihr, sich in eine andere Frau verliebt zu haben und trennt sich nach zwanzig Ehejahren von ihr. Helenes Gedanken und Gefühle sind aufgewühlt – von tiefer Wut und Verletzung bis hin zu Enttäuschung reißen zudem noch Wunden aus längst vergangenen Tagen wieder auf.
Und um alles kreist die Frage: Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie sich damals – lange vor Georg- für Alex entscheiden hätte?
Ihr Leben läuft nochmal an ihr vorbei – von der erfolgreichen Karriere- und Ehefrau, über Mutter von zwei Kindern bis hin zu einer verletzten Tochter, die es ihrer eigenen Mutter immer recht machen wollte…

Schon am Anfang wird man mitten in die Geschichte geworfen – zwischen Helene und Georg, deren angespannte Lage sofort spürbar wird: Unausgesprochene Vorwürfe, Verletztheit und unterschwellige Wut stehen im Raum.

„Ich hätte diejenige sein sollen, die geht. Mich gegen ihn entscheiden und für mich. Wieso habe ich es nicht getan? Es gab so viele Tage mit so vielen Stunden, in denen ich ihn hätte verlassen können. Und jetzt ist er weg – so wie er eigentlich immer weg war. Nur dass es diesmal wehtut.“ – Seite 139, eBook


Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben – hauptsächlich aus Helenes Sicht, wo wir ihre Gefühle, Gedanken und ihre innere Zerrissenheit hautnah miterleben. Neben den aktuellen Geschehnissen, wo sie ein paar Entscheidungen trifft, die auch ihre beiden Kinder – die Teenager Anna und Jonas – aus ihrem gewohnten Lebensumfeld reißen, gibt es immer wieder Rückblicke in Helenes Vergangenheit. Durch einzelne Fäden setzt sich so nach und nach ihr Leben zusammen – von ihrer Kindheit (deren Verlauf auch eine zentrale Rolle spielt) über ihre Jugend bis hin in ihr Erwachsenenalter. Wir erfahren einiges über Alex, den Helene nie vergessen hat und natürlich auch über ihre Ehe mit Georg. Gemeinsam mussten sie schwere Zeiten durchmachen und doch waren sie gemeinsam einsam. Und auch so ist einiges aus dem Ruder gelaufen.

„Mein Blick fällt erneut auf die Wand vor mir, die Ausschnitte unseres Lebens. Ein Fotoalbum, das zwischen verklebten Seiten all das Hässliche versteckt. Die Verlogenheit, die Einsamkeit, die Distanz, die aus unserer einstigen Nähe entstanden ist. Das Paar auf diesen Fotos gibt es schon lange nicht mehr, es hat sich auseinandergelebt, jeder in ein anderes Leben, unter einem Dach, in einem Bett, jahrelang.“ – Seite 16, eBook


Dies alles ist sehr detailreich, schnörkellos und intensiv geschrieben – gerade dadurch bekommt man einen unverstellten Blick auf bestimmte Momentaufnahmen, Gefühle und auch verschiedenste Orte. Sehr bewegend und manchmal auch komplex.

Zwischendurch gibt es auch einen zweiten Blickwinkel von Helenes sechzehnjähriger Tochter Anna. Zunächst interessant, aber irgendwie hat die Geschichte diese Perspektive nicht unbedingt gebraucht. Bis auf wenige Abschnitte, in denen Helene sich manchmal wiederholt, ist es ein einnehmendes Buch, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Auch, wie es letztendlich ausgeht, ist interessant zu verfolgen.

„Es ist beeindruckend, wie gut man sich in Kleidung und hinter Make-up verstecken kann. Wie glücklich zwei unglückliche Menschen aussehen können. Wir hätten mich auch überzeugt – eine perfekte Lüge mit lächelnden Gesichtern.“
– Seite 137, eBook


Mein Fazit:
Ein bewegendes Buch, das mit einer intensiven Erzählweise und stark gezeichneten Charakteren besticht. Anne Freytag erzählt detailreich und einnehmend von Liebe und Lügen und einer Familie, die zerbricht – und spannt einen Faden zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Berührend, komplex und voller Emotionen – bis auf Kleinigkeiten ein sehr lesenswerter Roman.


Meine Bewertung:




Titel: Lügen, die wir uns erzählen
Autorin: Anne Freytag
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 384
Verlag: Kampa
Erstveröffentlichung: 20. März 2024


Vielen Dank an den Kampa-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 15. Mai 2024

Rezension zu "Windstärke 17" von Caroline Wahl

 

Zum Buch
Zwischen Trauer und Hoffnung

Ida hat nichts bei sich außer dem alten, verschrammten Hartschalenkoffer ihrer Mutter, ein paar Lieblingsklamotten und ihrem MacBook, als sie ihr Zuhause verlässt. Es ist wahrscheinlich ein Abschied für immer von der Kleinstadt, in der sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat. Im Abschiednehmen ist Ida richtig schlecht; sie hat es vor zwei Monaten nicht einmal auf die Beerdigung ihrer Mutter geschafft. Am Bahnhof sucht sie sich den Zug aus, der am weitesten wegfährt – auf keinen Fall will sie zu ihrer Schwester Tilda nach Hamburg –, und landet auf Rügen. Ohne Plan, nur mit einem großen Klumpen aus Wut, Trauer und Schuld im Bauch, streift sie über die Ostseeinsel. Und trifft schließlich auf Knut, den örtlichen Kneipenbesitzer, und seine Frau Marianne, die Ida kurzerhand bei sich aufnehmen. Zu dritt frühstücken sie jeden Morgen Aufbackbrötchen, den Tag verbringt Ida dann mit Marianne, sie walken gemeinsam durch den Wald oder spielen Skip-Bo, abends arbeitet Ida mit Knut in der Robbe.
Und sie lernt Leif kennen, der ähnlich versehrt ist wie sie. Auf einmal ist alles ein bisschen leichter, erträglicher in Idas Leben. Bis ihre Welt kurz darauf wieder aus den Angeln gehoben wird. (Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Dumont Verlag)


Nachdem mich der Debütroman von Caroline Wahl im letzten Jahr so begeistert hatte, war ich sehr gespannt auf ihr neues Buch. In Windstärke 17 erzählt sie nun die Geschichte von Ida, die wir bereits in 22 Bahnen als Tildas kleine Schwester kennen gelernt haben.

Idas Leben steht auf dem Kopf und sie will nur noch weg aus der Kleinstadt, in der sie ihr bisheriges Leben verbracht hat – vor zwei Monaten ist ihre Mutter gestorben und sie konnte einfach nicht an der Beerdigung teilnehmen. Anstatt wie geplant zu ihrer Schwester Tilda nach Hamburg zu reisen, fährt sie einfach weiter – bis sie auf Rügen landet. Völlig aufgelöst und ohne einen Plan ist sie auf der Ostseeinsel gestrandet und lernt kurz darauf Knut kennen, den Besitzer einer Kneipe namens „Robbe“, in dem Ida anfängt zu jobben. Er und seine Frau Marianne nehmen Ida kurzerhand bei sich auf. Doch auch das gemütliche Häuschen und die liebevolle Umsorgung können Ida nicht von ihrer inneren Wut und den Selbstvorwürfen befreien.
Auf der Insel lernt sie schließlich Leif kennen, der mit eigenen Problemen zu kämpfen hat. Doch gemeinsam mit ihm fühlt sich alles ein bisschen leichter an. Bis jedoch eine Nachricht sie völlig aus der Bahn wirft…

Schon auf den ersten Seiten wird wieder der einnehmende Schreibstil sichtbar – das Buch ist in der Ich-Perspektive aus Idas Sicht geschrieben, wodurch wir ganz genau erfahren, was und wie sie sich fühlt – schnell wird klar, dass ihr Leben an der Seite ihrer alkoholkranken Mutter nicht einfach war und sie auch deren plötzlichen Tod nicht verarbeitet hat. Nach und nach wird vieles Drumherum sichtbar und auch Idas Selbstvorwürfe, die sie einfach nicht loswird.

„Was mache ich hier eigentlich? Ich dachte, wenn ich weit weg bin, dann sind die Gedanken leiser. Aber sie sind laut, und sie tun weh.“ -Seite 25, eBook


In 22 Bahnen haben wir das bewegende Schicksal der Familie aus Tildas Sicht erfahren – die große Schwester, die sich immer liebevoll um die kleine Ida und ihre suchtkranke Mutter gekümmert hat. Seitdem sind einige Jahre vergangen - Ida ist nun selbst erwachsen und trägt, wie damals ihre Schwester, eine Menge Sorgen mit sich herum. Dieses ist sehr bewegend geschrieben – auch die innere Zerrissenheit wird deutlich.

„Ich weiß nicht, wie es mir geht. Ich lebe wieder mehr und tue Dinge, die man tut, wenn man lebt. Von außen betrachtet könnte man meinen, ich hätte es überstanden. (…)
Und ich weiß, dass es mir eigentlich gar nicht so gut geht. Ich weiß. Dass in mir alles kaputt ist und bald explodiert.“
– Seite 56, eBook


Ebenfalls sehr gut gezeichnet sind die Nebencharaktere, die hier eine wichtige und zentrale Rolle spielen – wie etwa das ältere Ehepaar Knut und Marianne und der gleichaltrige Leif, der auf der Insel aufgewachsen ist.
Großartig beschrieben sind auch die Schauplätze – die Ostsee, zu der es Ida immer wieder hinzieht, das wechselhafte Wetter und vieles mehr. Auch erfahren wir, wie ihre Schwester Tilda inzwischen lebt.

„Als ich in die aufgehende Sonne am Horizont blicke, atme ich tief ein und bleibe kurz stehen. Dann renne ich in die ruhige Ostsee.
Als ich mich ausgepowert und leer in den Sand lege und in den orangehellblauen Himmel blicke, ist kurz alles gut.“
– Seite 47, eBook


Es ist ein Buch, das man – einmal angefangen – nur noch schwer aus der Hand legen kann, weil man durch den einnehmenden und direkten Schreibstil gefesselt wird. Es ist oft traurig und sehr berührend, gleichzeitig schimmert aber immer wieder Hoffnung durch. Auch das Ende ist stimmig.

Noch zu der Frage, ob man vorher 22 Bahnen gelesen haben sollte: Da die Geschichte viele Jahre später angesiedelt ist und daher eine eigene ist, kann man sie auch ohne Vorkenntnisse lesen. Dennoch kann ich den Vorgänger wärmstens empfehlen, da man so einen noch umfassenderen Blick in die bewegende Familiengeschichte bekommt.


Mein Fazit: Ein bewegender Roman, der durch einen einnehmenden Schreibstil und starker Figurenzeichnung überzeugt. Idas Geschichte ist berührend und traurig, doch gleichzeitig schimmert auch Hoffnung durch. Die Schauplätze, insbesondere die Atmosphäre an der Ostsee ist beeindruckend geschildert und passt perfekt zur Handlung. Genauso stark wie bereits der Vorgänger 22 Bahnen – sehr lesenswert!



Meine Bewertung:





Titel: Windstärke 17
Autorin: Caroline Wahl
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur / Drama
Seitenanzahl: 256
Verlag: DuMont
Erstveröffentlichung: 15. Mai 2024


Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!