Donnerstag, 30. Juli 2020

Rezension zu "Die Erfindung der Null" von Michael Wildenhain

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Der Aufstieg und Fall eines Mathematikgenies

Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, Nachhilfelehrer aus Stuttgart, wird verdächtigt, für das Verschwinden seiner Urlaubsbegleitung Susanne Melforsch verantwortlich zu sein. Ein junger Staatsanwalt möchte den Mathematiker unbedingt des Mordes überführen. Doch es kommt anders. Dr. Gödeler ist über die Maßen auskunftsfreudig. Was der Staatsanwalt zu hören bekommt, ist nicht weniger als die Lebensgeschichte des Verdächtigen. Ein Zahlengenie, dessen Leben stets von der Ekstase diktiert war, sei es in seinen Beziehungen zu Frauen, sei es im Aufgehen in der Mathematik. Als die Untersuchungshaft aufgehoben wird, verschwindet Martin Gödeler spurlos. Was bleibt, ist das Protokoll einer höchst eigentümlichen Existenz, eines Lebens zwischen Genialität und Verwahrlosung. 
(Quelle: Auszug aus dem Klappentext)



Beim Stöbern in den aktuellen Neuerscheinungen bin ich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam geworden und die Inhaltsangabe hat mich sofort neugierig gemacht.
Neben der Handlung besticht das Buch sofort durch seinen Schreibstil: Dieser ist detailliert und gleichzeitig klar –auch die vielen verschachtelten und dadurch oft langen Sätze passen perfekt zum gesamten Roman. Selbst kleinste Details werden bildgewaltig und manchmal etwas poetisch beschrieben:

„Links ein Stapel Bücher, einige aufgeschlagen, die Rücken mancher durch die Last der auf ihnen stetig ruhenden Mathematik erkennbar gebrochen. In der Mitte des Tischs der Ausdruck der begonnenen Habilitation, Kante auf Kante, das Deckblatt verriete das Thema, hätte sich nicht der Vorhang verronnener Jahre als Einband darüber gelegt.“ – Seite 101, eBook

Beginnen tut diese Geschichte mit einer knappen Übersicht über die aktuellen Geschehnisse: Während eines Urlaubs in Frankreich verschwindet die 47-jährige Susanne Melforsch spurlos. Schnell wird klar, dass sie gemeinsam mit dem Mathematiker Martin Gödeler dort war – er gerät aufgrund von Beweisen schnell zum Verdächtigen. Der junge Staatsanwalt, der mit dem Fall betraut wird, ahnt anfangs noch nicht, was ihn erwartet und wie dieser Fall auch sein Leben verändern wird:

"Bei einer ersten Durchsicht der Hinterlassenschaft orientiert er sich möglichst an der Abfolge des Dargestellten während der wochenlangen Verhöre, die bei ihm mit fortschreitender Dauer den Eindruck einer ununterbrochenen Unterhaltung erzeugt haben. Mangelndes Verständnis von und Zweifel an zentralen Punkten der Schilderung ignoriert er anfangs und versucht vor allem nachzuvollziehen, wer der Flüchtige gewesen sei.“ – Seite 15, eBook

Nach der Einleitung wirken die folgenden Kapitel zunächst wie einzelne Fäden – aus verschiedenen Blickwinkeln und verschiedenen Zeitebenen wird schließlich ein erstaunliches Gesamtbild zusammen gesetzt. Neben der in der Ich-Perspektive erzähltem Leben von Martin Gödeler bekommen wir, neben weiteren Nebenfiguren, auch einen aufschlussreichen Einblick in den Lebensweg von Susanne Melforsch. Die beiden Hauptfiguren sind ziemlich speziell und ich muss leider sagen, dass mir die Charaktere allesamt unsympathisch waren (muss vielleicht so sein).
An manchen Stellen wird es etwas verwirrend durch die plötzlichen Perspektivwechsel. In der Mitte wird es zwar etwas ausschweifend, jedoch gibt es am Ende ein Finale, mit dem man so nicht gerechnet hat – dort ergibt einiges, was vorher zusammenhanglos und verworren erschien, ein klares Bild.

Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das mit seinem klaren und zugleich detaillierten Schreibstil besticht und von Anfang bis Ende überrascht. Mit oft verschachtelten Sätzen erzählt der Autor eine Handlung, wie sie spezieller und manchmal auch skurriler nicht sein kann. Auch wenn ich mit den Charakteren selbst nicht warm geworden bin und manches zunächst verwirrend erschien, bin ich dennoch irgendwie beeindruckt von dem Buch. Im Gesamten betrachtet ist dieser sprachgewaltige Roman schon spannend und verblüfft besonders zum Ende hin. 


Meine Bewertung: 




Titel: Die Erfindung der Null
Autor: Michael Wildenhain
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 303
Verlag: Klett-Cotta
Erstveröffentlichung: 25. Juli 2020


Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Montag, 27. Juli 2020

Rezension zu "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury

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Eine Zukunft, in der Buchbesitz unter Strafe steht

Es ist eine Horrorversion des Internet-Zeitalters, die Bradbury vorausgesehen hat: Lesen ist geächtet, Wissen nicht erwünscht, auf Buchbesitz steht Strafe, und die Menschen werden mit Entertainment und Dauerberieselung kleingehalten. Der Feuerwehrmann Guy Montag, der an den staatlich angeordneten Bücherverbrennungen beteiligt ist, beginnt sich nach einem traumatischen Einsatz zu widersetzen und riskiert dabei sein Leben. 






Der im Jahr 2012 verstorbene Autor Ray Bradbury wäre am 22. August 2020 100 Jahre alt geworden. Passend dazu erschien am 22. Juli 2020 im Diogenes-Verlag Bradburys Debütroman Fahrenheit 451 in einer großartigen Neuübersetzung. Dieser Klassiker erschien erstmals im Jahr 1953 (in deutscher Übersetzung zwei Jahre später). Auch wenn der Roman inzwischen schon stolze 67 Jahre alt ist, ist es dennoch ein zeitloses Buch, denn Bradbury schildert hier ein gruseliges Zukunftsszenario: Buchbesitz ist strafbar, Bildung ist unerwünscht – die Universitäten gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Wer auf den Straßen zu langsam fährt, wird verhaftet. Zudem steht ein Krieg vor der Tür.
Auch die Feuerwehr hat inzwischen andere Tätigkeiten: Sie löscht schon lange keine Brände mehr (alle Häuser sind feuerfest), sondern legt welche: Sie verbrennen Bücher, da dessen Besitz und auch das Lesen strafbar ist – somit verspritzen sie kein Wasser sondern Kerosin. Der dreißigjährige Guy Montag ist seit zehn Jahren ein Feuermann und hat sein Tun nie infrage gestellt. Doch alles ändert sich, als er seine neue Nachbarin Clarisse kennen lernt, die die Welt nicht so hinnimmt und vieles hinterfragt - dieses regt Guy Montag zum Nachdenken an. Nach einem besonders schlimmen Einsatz beginnt er zu rebellieren – dazu gehört auch das Lesen eines Buches. Er beschließt, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen und geht einen gefährlichen Weg…

Schon der Titel des Buches ist ausdrucksstark: Fahrenheit 451 – das ist die Temperatur (232 Grad Celsius), bei der Buchpapier Feuer fängt - allein diese Tatsache und auch das Buchbesitz unter Strafe steht ist ein Horrorszenario für alle Buchliebhaber:

Die Bücher lagen da wie große Haufen Fische zum Trocknen. Die Männer tanzten, rutschten und stolperten über sie hinweg. Buchtitel funkelten mit ihren goldenen Augen, fielen, waren verschwunden.
„Kerosin!“
Sie pumpten die kalte Flüssigkeit aus den Tanks, versehen mit den Ziffern 451 (…) Sie bedeckten jedes Buch damit und pumpten das ganze Zimmer voll. – Seite 31, eBook

 Doch diese Dystopie ist Ray Bradbury sehr gut gelungen – von Anfang an ist man gefesselt von dem detaillierten Schreibstil und staunt über dieses sehr erschreckende Szenario.

„Der Mechanische Spürhund in seinem leise summenden, leicht vibrierenden, sanft beleuchteten Hundezwinger in der hintersten dunklen Ecke der Feuerwache schlief und schlief doch nicht, lebte und lebte doch nicht. Das matte Licht um ein Uhr in der Früh, der Mondschein vom klaren Himmel, fiel durch das große Fenster und berührte hier und da Messing, Kupfer und Stahl der kaum merklich zitternden Bestie.“ – Seite 21, eBook

Man findet sich schnell zurecht und erfährt nach und nach mehr Details dieser Welt, wie sie unheimlicher nicht sein kann. Spannend zu verfolgen ist der Weg der Hauptfigur, die plötzlich sein Leben ändert und schließlich mit Verbündeten dafür kämpft, dass das Wissen und die Erinnerung nicht verloren geht – gerade das hat der Autor sehr gut umgesetzt.  

Wir werden in den kommenden Wochen, im kommenden Monat und Jahr vielen einsamen Menschen begegnen. Und wenn sie uns fragen, was wir tun, dann könnt ihr antworten: „Wir erinnern uns.“ Auf lange Sicht werden wir uns damit durchsetzen. – Seite 125, eBook

Mein Fazit: Ein zeitloser Klassiker, der auch nach 67 Jahren noch fesselt und zum Nachdenken anregt. Ray Bradbury schildert detailreich ein erschreckendes Zukunftsszenario – spannend wird es, als die Hauptfigur anfängt, sich gegen die strengen Regeln aufzulehnen. Großartig geschrieben – sehr lesenswert!


Meine Bewertung: 




Titel: Fahrenheit 451
Autor: Ray Bradbury
Genre: Dystopie / Klassiker
Seitenanzahl: 272
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 1953
Neuveröffentlichung: 22. Juli 2020



Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 25. Juli 2020

Rezension zu "Die Chroniken von Azuhr - Der Verfluchte" von Bernhard Hennen

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Die Chroniken von Azuhr – Band 1

Der junge Milan Tormeno ist dazu ausersehen, seinem Vater Nandus in das Amt des Erzpriesters zu folgen: Er soll einer jener mächtigen Auserwählten werden, die die Geschicke der Welt Azuhr lenken. Doch Milan kann nicht akzeptieren, dass sein Schicksal vorherbestimmt ist. Er rebelliert – und verstrickt sich mit der Meisterdiebin Felicia und der geheimnisvollen Konkubine Nok in ein gefährliches Netz von Intrigen. Gemeinsam geraten sie in den Bann einer alten Prophezeiung – einer Prophezeiung, nach der die Ankunft des Schwarzen Mondes in Azuhr ein neues Zeitalter der Magie einläuten wird ...  
(Quelle: Klappentext)




„Die Flammen waren bis auf drei Schritt heran. Ölige Inseln, die auf dem Wasser trieben. Aus ihnen erwuchsen, wie einer Mär entsprungen, die blassblauen Feuer. Sie tanzten unstet im immer weiter auffrischenden Luftstrom, der durch den Kanal zog.“ – Seite 61

Mit Die Chroniken von Azuhr hat Bernhard Hennen ein neues, spannendes Fantasy-Abenteuer erschaffen. Besonders wird es schon zu Beginn, denn zunächst erfahren wir in einem längeren Vorspann, welche dramatischen Geschehnisse sich vor 53 Jahren ereignet haben. Schon dieses ist sehr spannend zu verfolgen. Die damaligen Ereignisse spielen in der Gegenwart später noch eine zentrale Rolle. Im Mittelpunkt steht der fast siebzehnjährige Milan Tormeno, der sich zunächst mit einer waghalsigen Aktion gegen seinen mächtigen und skrupellosen Vater auflehnt. Dabei lernt er die geheimnisvolle Felicia, die eine der geschicktesten Diebinnen der Stadt zu sein scheint, und die Konkubine Nok kennen. Noch ahnt er nicht, dass er schon bald in gefährliche Verstrickungen gerät…

Etwas später im Buch gibt es eine sehr überraschende Entwicklung und legt einen gefährlichen Plan offen, der alles verändern könnte. Auch eine alte Prophezeiung spielt eine Rolle, von der noch keiner ahnt, wie mächtig diese sein wird…

„Hier gab es nichts, was er fürchten müsste. Und doch spürte auch er es. Letzte Nacht war ein weiterer Stern am Himmel verschwunden. Das Unheil kam näher. Die Dunkelheit gewann an Macht.“ – Seite 318

Die Story spielt in einer eigenen, gut konstruierten Welt namens Azuhr, in der die Insel Cilia im Mittelpunkt steht – auch spielen geheimnisvollen Märchen und Sagen wie um den unheimlichen Krähenmann oder auch die Weiße Königin eine Rolle. Ist etwas Wahres dran oder sind es nur Mären, die sich die Menschen seit Jahrhunderten erzählen?
Das Buch lässt sich gut lesen, man findet sich schnell zurecht, da alles sehr detailliert beschrieben ist – von den Schauplätzen bis hin zu der Lebensweise, die einen leicht historischen Flair hat. Auch die Charaktere sind klar gezeichnet – nach und nach lernt man sie besser kennen. Um einige ranken sich Rätsel - umso überraschender ist die Enthüllung.
Die Geschichte an sich ist abwechselnd rasant und dann wieder etwas ruhiger – oft wird es sehr düster und mal brutal, aber auch geheimnisvoll, spannend und natürlich magisch. Die Handlung nimmt manches Mal einen Verlauf, den man so nicht erwartet hat. Eine gute Mischung für ein Fantasy-Abenteuer.

„Die schillernden Federn leuchteten im Abendlicht. Wie Rubine funkelten die Blutstropfen, die den abgebissenen Pfauenkopf säumten.“ – Seite 7

Unbedingt erwähnenswert ist die tolle Gestaltung des ersten Bandes – das Paperback hat neben einer aufklappbaren Karte der Fantasywelt noch einen blauen Buchschnitt. Das macht das Buch zu einem echten Hingucker. 



Mein Fazit: Ein gelungener Auftakt einer neuen Fantasy-Saga, die voller rasanter Abenteuer, geheimnisvollen Wegen und düsterer Magie steckt. Die Handlung entwickelt sich spannend und nimmt einen Verlauf, mit dem man so nicht gerechnet hat. Auch die Charaktere sind geheimnisvoll und entwickeln sich interessant. Verschwörungen, gefährliche Pläne, mysteriöse Sagen und eine alte Ruinenstadt spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. Sehr lesenswert!



Meine Bewertung:




Titel: Die Chroniken von Azuhr 1 - Der Verfluchte
Autor: Bernhard Hennen
Genre: High-Fantasy
Seitenanzahl: 576
Verlag: Fischer TOR
Erstveröffentlichung: 29. Dezember 2017

Die Bücher der Chroniken von Azuhr:
Band 1 - Der Verfluchte
Band 2 - Die Weiße Königin
Band 3 - Der träumende Krieger