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Der Aufstieg und Fall eines Mathematikgenies
Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, Nachhilfelehrer aus Stuttgart, wird verdächtigt, für das Verschwinden seiner Urlaubsbegleitung Susanne Melforsch verantwortlich zu sein. Ein junger Staatsanwalt möchte den Mathematiker unbedingt des Mordes überführen. Doch es kommt anders. Dr. Gödeler ist über die Maßen auskunftsfreudig. Was der Staatsanwalt zu hören bekommt, ist nicht weniger als die Lebensgeschichte des Verdächtigen. Ein Zahlengenie, dessen Leben stets von der Ekstase diktiert war, sei es in seinen Beziehungen zu Frauen, sei es im Aufgehen in der Mathematik. Als die Untersuchungshaft aufgehoben wird, verschwindet Martin Gödeler spurlos. Was bleibt, ist das Protokoll einer höchst eigentümlichen Existenz, eines Lebens zwischen Genialität und Verwahrlosung.
(Quelle: Auszug aus dem Klappentext)
Beim Stöbern in den aktuellen Neuerscheinungen bin ich auf
dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam geworden und die Inhaltsangabe hat mich
sofort neugierig gemacht.
Neben der Handlung besticht das Buch sofort durch seinen
Schreibstil: Dieser ist detailliert und gleichzeitig klar –auch die vielen
verschachtelten und dadurch oft langen Sätze passen perfekt zum gesamten Roman.
Selbst kleinste Details werden bildgewaltig und manchmal etwas poetisch
beschrieben:
„Links ein Stapel Bücher, einige aufgeschlagen, die Rücken mancher durch die Last der auf ihnen stetig ruhenden Mathematik erkennbar gebrochen. In der Mitte des Tischs der Ausdruck der begonnenen Habilitation, Kante auf Kante, das Deckblatt verriete das Thema, hätte sich nicht der Vorhang verronnener Jahre als Einband darüber gelegt.“ – Seite 101, eBook
Beginnen tut diese Geschichte mit einer knappen Übersicht
über die aktuellen Geschehnisse: Während eines Urlaubs in Frankreich
verschwindet die 47-jährige Susanne Melforsch spurlos. Schnell wird klar, dass
sie gemeinsam mit dem Mathematiker Martin Gödeler dort war – er gerät aufgrund
von Beweisen schnell zum Verdächtigen. Der junge Staatsanwalt, der mit dem Fall
betraut wird, ahnt anfangs noch nicht, was ihn erwartet und wie dieser Fall auch
sein Leben verändern wird:
"Bei einer ersten Durchsicht der Hinterlassenschaft orientiert er sich möglichst an der Abfolge des Dargestellten während der wochenlangen Verhöre, die bei ihm mit fortschreitender Dauer den Eindruck einer ununterbrochenen Unterhaltung erzeugt haben. Mangelndes Verständnis von und Zweifel an zentralen Punkten der Schilderung ignoriert er anfangs und versucht vor allem nachzuvollziehen, wer der Flüchtige gewesen sei.“ – Seite 15, eBook
Nach der Einleitung wirken die folgenden Kapitel zunächst
wie einzelne Fäden – aus verschiedenen Blickwinkeln und verschiedenen
Zeitebenen wird schließlich ein erstaunliches Gesamtbild zusammen gesetzt.
Neben der in der Ich-Perspektive erzähltem Leben von Martin Gödeler bekommen
wir, neben weiteren Nebenfiguren, auch einen aufschlussreichen Einblick in den
Lebensweg von Susanne Melforsch. Die beiden Hauptfiguren sind ziemlich speziell
und ich muss leider sagen, dass mir die Charaktere allesamt unsympathisch waren
(muss vielleicht so sein).
An manchen Stellen wird es etwas verwirrend durch die plötzlichen
Perspektivwechsel. In der Mitte wird es zwar etwas ausschweifend, jedoch gibt
es am Ende ein Finale, mit dem man so nicht gerechnet hat – dort ergibt
einiges, was vorher zusammenhanglos und verworren erschien, ein klares Bild.
Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das mit seinem
klaren und zugleich detaillierten Schreibstil besticht und von Anfang bis Ende
überrascht. Mit oft verschachtelten Sätzen erzählt der Autor eine Handlung, wie
sie spezieller und manchmal auch skurriler nicht sein kann. Auch wenn ich mit
den Charakteren selbst nicht warm geworden bin und manches zunächst verwirrend
erschien, bin ich dennoch irgendwie beeindruckt von dem Buch. Im Gesamten
betrachtet ist dieser sprachgewaltige Roman schon spannend und verblüfft
besonders zum Ende hin.
Meine Bewertung:
Titel: Die Erfindung der Null
Autor: Michael Wildenhain
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 303
Verlag: Klett-Cotta
Erstveröffentlichung: 25. Juli 2020



