Mittwoch, 26. Juni 2024

Rezension zu "I walk between the Raindrops" von T.C. Boyle

 

Zum Buch



Die neue Storysammlung von T.C. Boyle


Dreizehn neue brillante Storys vom Meister des Genres, surreal und abgründig witzig: Sie handeln von sprechenden Drohnenautos, die ihre Passagiere auf algorithmischen Routen durch die Landschaft führen, von bodenständigen Müttern, die sich mit jungen Incel-Männern anlegen, aber auch von Spaziergängen durch den kalifornischen Regen, während die Küste von Sturzfluten verwüstet wird. Kein Autor versteht es so komisch und schonungslos, ins Herz unserer aus den Fugen geratenen Gegenwart zu stechen wie T. C. Boyle.
(Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Hanser Verlag)





Von T.C. Boyles neuem Buch ist mir neben dem tollen Titel I walk between the Raindrops sofort das schöne schlichte Cover aufgefallen – auf 272 Seiten erwarten uns dreizehn neue Erzählungen mit vielen Facetten, beginnend mit der titelgebenden Erzählung.

Die einzelnen Geschichten könnten thematisch unterschiedlicher nicht sein: Von Gedanken am Valentinstag und einem Regenspaziergang nach einem verheerenden Unwetter (I walk between the Raindrops) über eine Begegnung in einem Zug, die tief in menschliche Abgründe blicken lässt (What‘s Love got to do with it?) bis hin zu einer Kreuzfahrt, die anders läuft als gedacht (Der dreizehnte Tag).

„Die folgenden Tage waren schwierig. Jeder davon stieg grimmig aus dem Grab, in das wir seinen Vorgänger am Abend zuvor gelegt hatten.“ – aus DER DREIZEHNTE TAG, Seite 139, eBook



Auch gibt ein selbstfahrendes, sprechendes Auto, das ein Gewissen entwickelt (Schlaf am Steuer) und ein Vertrag mit einer Wette, die die Zeit überdauert (Die Wohnung) – dieses sind nur sehr kurze Einblicke in fünf Geschichten.


Mal skurril und interessant, mal abgründig und dunkel und auch mal mit einem sehr unheimlichen Blick in eine entfernte Zukunft – alle Erzählungen haben eine ganz besondere Atmosphäre, die immer der jeweiligen Situation angepasst ist. Der Klimawandel, Verbrechen, Corona und Einblicke in beängstigende Gedankengänge sind nur einige der Themen – oft sehr aktuell und nicht immer einfach vom Inhalt her - es erwartet uns einiges und viel verschiedenes.

Das war der Tag, an dem die Hyäne kam, um ihn zu holen, und es spielte keine Rolle, dass es im Süden Frankreichs überhaupt keine Hyänen gab, vor allem nicht in Pont-Saint-Esprit, sie war da und wollte ihn holen.“ - aus DIE HYÄNE, Seite 210, eBook


Zu meinen Favoriten gehören I walk between the Raindrops und Die Wohnung. Einzelne wiederum haben mich nicht so angesprochen, waren zu wage oder endeten gefühlt mitten in der Geschichte. Aber wie das öfter bei einem Sammelband mit Kurzgeschichten ist: Nicht alles gefällt. Die meisten Geschichten haben mir jedoch zugesagt und ich kann daher über einige wenige hinwegschauen.


Meine Bewertung: Eine lesenswerte Storysammlung mit vielen unterschiedlichen Themen. Mal skurril und interessant, dann wieder ziemlich abgründig und dunkel – die dreizehn Erzählungen haben einiges zu bieten und könnten unterschiedlicher nicht sein. Die meisten sind gut ausgearbeitet, besonders die Erzählungen I walk between the Raindrops und Die Wohnung kann ich sehr empfehlen. Einige wenige waren mir zu wage und endeten gefühlt mitten in der Geschichte. Doch insgesamt ist es aber eine gute Sammlung von interessanten und facettenreichen Geschichten.


Meine Bewertung:





Titel: I walk between the Raimdrops
Autor: T.C. Boyle
Übersetzt von: Anette Grube, Dirk van Gunsteren
Genre: Kurzgeschichten
Seitenanzahl: 272
Verlag: Hanser
Erstveröffentlichung: 15. Mai 2024

Sonntag, 23. Juni 2024

Rezension zu "Ferryman" von Justin Cronin

 

Zum Buch

Von einer geheimnisvollen Welt

Die Inseln von Prospera liegen in einem riesigen Ozean, idyllisch abgeschieden vom Rest der Menschheit. Die Bewohner genießen ein unbeschwertes Leben voller Privilegien, umsorgt von dienendem Hilfspersonal. Neigt sich die Lebenszeit der Prosperaner dem Ende zu, werden sie auf eine geheimnisvolle Nachbarinsel geschickt, um dort neu gebootet zu werden und ein weiteres Leben zu beginnen. Proctor Bennett ist der Fährmann, der die Prosperaner dorthin geleitet. Er hat seine Arbeit nie in Frage gestellt, bis er eines Tages eine kryptische Nachricht erhält. Sie bestätigt, was er insgeheim immer befürchtet hat – denn sie birgt eine Wahrheit, die das Schicksal der Menschheit auf ewig verändern wird... (Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Goldmann Verlag)



Von Justin Cronin habe ich mit großer Begeisterung die Passage-Trilogie (Der Übergang / Die Zwölf /Die Spiegelstadt) gelesen und war dementsprechend gespannt auf seinen neuen Roman. Ferryman – Der Tod ist nur der Anfang erschien im Mai 2024, knapp acht Jahre nach seinem letzten Buch Die Spiegelstadt und erzählt eine dystopische Geschichte voller Geheimnisse.

Nach einem rätselhaften Prolog, der aufzeigt, das in der Welt einiges im Argen liegt, lernen wir die Hauptfigur Proctor Bennett kennen – und mit ihm die Inseln von Prospera. Die Inselgruppe liegt mitten in einem scheinbar unendlichen Ozean und ist von jeglicher Gefahr weit draußen abgeschirmt. Auf der großen Hauptinsel leben die Prosperaner ein sorgenfreies und privilegiertes Leben – sie werden von Hilfspersonal umsorgt und wenn die Gesundheit nachlässt, werden sie mit der Fähre zur Nursery gebracht – auf der geheimnisumwobenen Nachbarinsel werden sie neu gebootet und beginnen danach ein völlig neues Leben. Alles scheint idyllisch und friedlich – doch diese Idylle trügt…
Denn das Hilfspersonal, das in beengten Wohnverhältnissen auf der dritten Insel namens Annex lebt, führt ein weniger privilegiertes Leben und verrichten für die Prosperaner die unliebsamen Arbeiten. Doch nun werden Unruhen laut, sogar von einer geheimen Bewegung ist die Rede…

Proctor Bennett bemerkt die Veränderungen um ihn herum und auch an sich selbst. Bisher hat er seine Arbeit als Fährmann nie infrage gestellt – er begleitet die Prosperaner, die am Ende ihres Lebens stehen auf dem Weg zur Nursery. Doch plötzlich häufen sich seltsame Ereignisse und eine mysteriöse Botschaft stellt alles, was er bisher geglaubt hat, infrage…

„Etwas war mir gestohlen worden, etwas, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass ich es beanspruchen wollte: die Wahrheit über das, was passiert war.“ – Seite 114, eBook


Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wodurch wir einen guten Überblick über die verschiedenen Geschehnisse bekommen. Am häufigsten aber aus der Sicht von Proctor Bennett, dessen wohlgeordnetes Leben plötzlich aus dem Ruder läuft. Dieses ist detailreich und gut geschildert, auch die Nebencharaktere sind sehr gut ausgearbeitet. Vieles ist zunächst rätselhaft, doch nach und nach verknüpfen sie die verschiedensten Ereignisse zu einem überraschenden Bild.
Die besondere Welt und auch die Handlung sind sehr gut ausgearbeitet – spannend mit einigen Science-Fiction-Elementen und dystopischem Setting, gleichzeitig gibt es immer wieder kurze philosophische Andeutungen, die vieles nur noch geheimnisvoller machen – eine interessante und gelungene Mischung.

„War das Frösteln, da mich überlief, als ich die Lasche aufriss, eine Vorahnung all dessen was kommen sollte? (…)
Dies ist der Plan der Welt: uns zu täuschen, sodass wir glaubten, sie ist das eine, während sie etwas ganz anderes ist. Noch einmal fragte ich: Habe ich es gewusst?
Natürlich habe ich es gewusst. Scheiße, natürlich wusste ich es.“
– Seite 47, eBook


Anfangs ist es eher ruhig und man lernt die Abläufe und die Lebensgewohnheiten auf den Inseln kennen. Ein zentraler Punkt ist auch das Meer, das hier oft wunderbar detailreich beschrieben wird.

"Wenn man aufs Meer hinausfährt, ändern sich die Dimensionen der Welt. Während die Dinge an Land in die Ferne rücken, vergrößert sich die Fläche des Meeres, es wird blauer und wilder und bekommt einen Hauch von Großartigkeit.“ – Seite 158, eBook


Alles ist interessant zu verfolgen, nur mittendrin wird es ab und an mal etwas zu wirr, dieses legt sich jedoch schnell wieder. Im letzten Drittel nimmt die Geschichten dann ordentlich an Fahrt auf, stellt alles auf den Kopf und hält einige spannende Wendungen und Überraschungen bereit.


Mein Fazit: Ein spannender dystopischer Roman, der einige Überraschungen bereithält. Von einer Welt voller Geheimnisse, seltsamen Träumen und einer Wahrheit, mit der niemand gerechnet hat – es wird interessant mit vielen Wendungen. Die Mischung aus Dystopie, Science Fiction-Elementen und manchmal auch einer philosophischen Note ist sehr gut gelungen. Was anfangs sehr rätselhaft ist, setzt sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen, das ich so nicht erwartet habe. Bis auf einige wenige Momente, die eher etwas wirr waren, ist es ein sehr lesenswerter Roman.


Meine Bewertung:



Titel: Ferryman - Der Tod ist nur der Anfang
Autor: Justin Cronin
Übersetzt von: Rainer Schmidt
Genre: Dystopie / Roman
Seitenanzahl: 720
Verlag: Goldmann
Erstveröffentlichung: 30. Mai 2024


Vielen Dank an das Bloggerportal und Goldmann für das Rezensionsexemplar!


Dienstag, 18. Juni 2024

Rezension zu "Ihr wollt es dunkler" von Stephen King

 

Zum Buch


Zwölf unheimliche Erzählungen


Nach einer außerweltlichen Begegnung in den Wäldern von Maine machen zwei Freunde urplötzlich große Karriere; ihr Geheimnis nehmen sie mit in den Tod. Danny träumt von einer Leiche, die er dann tatsächlich findet; in den Augen der Polizei kann nur er der Mörder sein. Vic macht Ferien in Florida, wo er eine verschrobene alte Frau kennenlernt; eine Bekanntschaft, die in einem Horrorstrudel endet.

Das sind nur drei von zwölf neuen Storys, die Stephen King in Ihr wollt es dunkler versammelt – viele Genres umspannende Geschichten über das gegenwärtige Amerika, über finstere Mächte und existenzielle Fragen. (Quelle: Inhaltsangabe - Heyne Verlag)



Ihr wollt es dunkler ist die neue Kurzgeschichtensammlung von Stephen King und enthält zwölf Geschichten – ganz im typischen King-Stil. Inhaltlich sind sie völlig unterschiedlich und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sind immer auf eine besondere Weise unheimlich.

Von einer geheimnisvollen Begegnung im Wald, die das Leben von zwei Freunden komplett verändert (Zwei begnadete Burschen), über eine Unterhaltung im Central Park, die anders endet als gedacht (Der fünfte Schritt), bis hin zu einem Mann der einen bösen Traum hat, dieser schließlich Wirklichkeit wird und einiges nach sich zieht (Danny Coughlins böser Traum).

„Da ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, denkt Danny, nichts, wovor man Angst haben sollte. Wobei er sich keine Sorgen macht, und Angst hat er auch nicht. Ihn hat das blanke Grauen gepackt.“ – aus DANNY COUGHLINS BÖSER TRAUM, Seite 126


Dazu kommt noch eine folgenschwere Begegnung mit zwei Verbrechern an einem unheimlichen Ort (Auf der Slide Inn Road), einem besonderen Hund, der nicht von der Seite seines Herrchens weicht (Laurie) und einem Wiedersehen mit einer Figur aus dem Roman Cujo, die viele Jahre später unheimliches erlebt (Klapperschlangen).

„Die Welt ist voller Klapperschlangen. Manchmal tritt man auf sie, und doch beißen sie nicht zu. Und manchmal steigt man über sie hinweg, und sie beißen trotzdem zu.“ - aus KLAPPERSCHLANGEN, Seite 512


Dieses ist nur ein kleiner Einblick in die Hälfte der Geschichten, die alle auf besondere Weise fesselnd sind. Wie schon bekannt, siedelt Stephen King auch hier öfter mal das Grauen in einer normalen Gegend an. Mal einfach nur unheimlich, dann wieder gruselig mit einer kleinen Portion Horror und manchmal taucht das Übernatürliche in einer ziemlich düsteren Version auf. Auch die verschiedensten Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet – manche haben ziemlich unangenehme Wesenszüge, andere wiederum sind sehr sympathisch.






So unterschiedlich wie die einzelnen Themen, sind auch die Längen der Geschichten. Einige sind nur wenige Seiten lang, andere gehen weit über einhundert Seiten – die längste Erzählung ist Danny Coughlins böser Traum mit knapp 225 Seiten. Diese Mischung von kurzen Erzählungen und etwas ausführlicheren Storys ist sehr gut gelungen. Auch wenn einzelne Geschichten nur unterhaltsam für zwischendurch waren, haben andere mich wiederum sehr gefesselt.

„Ich weiß nicht, was das Universum zu bedeuten hat, aber ich habe so eine ungefähre Ahnung. (…) Aber so viel kann ich verraten: Hüten Sie sich vor Träumen. Träume sind gefährlich. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.“ - aus DIE TRÄUMENDEN, Seite 609


Mein Fazit: Zwölf lesenswerte Erzählungen, die alle eine besondere und sehr unheimliche Note haben. Mal spannend mit etwas Übernatürlichen, dann ziemlich gruselig mit einer Portion Horror und manchmal einfach nur ziemlich düster und fesselnd – Stephen King hat ein besonderes Talent dafür, auf wenigen Seiten eine Story zu erschaffen, die sehr gut ausgearbeitet ist, alles Wichtige enthält und die man so schnell nicht vergessen wird. Wieder eine gelungene Kurzgeschichtensammlung vom Meister des Grauens.



Meine Bewertung:



Titel: Ihr wollt es dunkler
Autor: Stephen King

Übersetzt von: Wulf Bergner, Jürgen Bürger, Karl-Heinz Ebnet, Gisbert Haefs, Marcus Ingendaay, Bernhard Kleinschmidt, Kristof Kurz, Gunnar Kwisinski, Friedrich Sommersberg, Sven-Eric Wehmeyer

Genre: Horror / Unheimliches / Kurzgeschichten
Seitenanzahl: 736
Verlag: Heyne
Erstveröffentlichung: 30. Mai 2024


Eine weitere Rezension findet ihr bei Weltenwanderer.