Montag, 21. September 2020

Rezension zu "Die Stadt am Ende der Welt" von Thomas Mullen

Zum Buch

 

Der Kampf gegen die Spanische Grippe

Tief in den Wäldern des Staates Washington liegt die Holzfällerstadt Commonwealth. Charles Worthy hat sich mit der Gründung der Stadt und ihren gesellschaftlichen Idealen fernab von Ausbeutung und Unterdrückung einen Lebenstraum erfüllt. Doch sein Traum ist in Gefahr: Gerade als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigt, bricht die todbringende Spanische Grippe aus. Die Bewohner von Commonwealth sind entschlossen, sich mit strenger Quarantäne zu schützen. Zügig werden Grenzposten gesetzt, Warnschilder ausgehängt und an der einzigen Zugangsstraße bewaffnete Wachen aufgestellt. Als Philip Worthy, der Adoptivsohn des Stadtgründers, mitansehen muss, wie ein halb verhungerter Soldat erschossen wird, um ihn am Betreten der Stadt zu hindern, ist er tief erschüttert. Wenig später vor die gleiche Situation gestellt, trifft er eine andere Entscheidung – und neben der Angst vor der Außenwelt wächst bald schon die Furcht vor dem Feind im Innern.  (Quelle: Inhaltsangabe - Dumont Verlag)

 

Die Stadt am Ende der Welt ist das Debüt von Thomas Mullen und erschien erstmals im Jahr 2006 (in deutscher Übersetzung im Jahr 2007). Der Dumont-Verlag veröffentlichte nun am 22. September 2020 den Roman in überarbeiteter Neuauflage.

Die Handlung spielt im Herbst des Jahres 1918 zu der Zeit, als die Spanische Grippe wütet. Im Mittelpunkt steht die kleine Stadt Commonwealth, die abseits in den Wäldern liegt. Inzwischen hat sich die Epidemie weit ausgebreitet – um die Bewohner vor einer Infizierung zu schützen, greift der Stadtgründer Charles Worthy zu einer drastischen Maßnahme: Er stellt die Stadt unter Quarantäne, niemand darf mehr raus oder herein. Zunächst ist alles ruhig, doch je länger die Abschottung dauert, desto unruhiger werden die Bewohner. Als dann noch ein Soldat erschossen wird, der mit allen Mitteln versucht hatte, in die Stadt zu kommen, ändert sich langsam die Stimmung…

Einer der Hauptfiguren ist der 16-jährige Philip Worthy, der Adoptivsohn des Stadtgründers Charles. Nach dem Tod des Soldaten fragt er sich, ob sie wirklich das Richtige tun. Schon bald darauf gerät er in eine schwierige Lage und muss eine Entscheidung treffen.


„Er verschränkte die Arme, Plötzlich fühlte er sich so verlassen, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. (…)Krampfhaft überlegte er, ob ihm irgendeine Lösung einfiel, aber vergebens. Und er versuchte sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was genau passiert war, wann genau er einen Fehler gemacht hatte.“ – Seite 152, eBook

 

Doch das ist noch lange nicht alles, denn besonders in der zweiten Hälfte des Buches wird von den Bewohner alles abverlangt… 

Neben den aktuellen Geschehnissen bekommt man auch Einblicke in die Vergangenheit einiger wichtiger Charaktere – sowohl von Einwohnern in der abgeriegelten Stadt als auch von außerhalb lebenden Personen. Daneben erfahren wir auch, wie die Stadt Commonwealth entstand und welche Ziele Charles Worthy damit verwirklicht hat.

Im Zentrum steht natürlich die Spanische Grippe – es gibt Einblicke in die Vorgehensweise der Ärzte und auch, wie schrecklich das Virus damals gewütet hat. Oft standen die Mediziner vor großen Rätseln, so auch der ansässige Arzt Dr. Martin Banes:

 

„Doch im Gegensatz zu früheren Entdeckungen, die seine Ansichten auf den Kopf gestellt hatten, anders als bei bisherigen bahnbrechenden Erkenntnissen, die ihn gezwungen hatten, sich neues, fremdartiges Wissen anzueignen, stand er hier vor dem gegenteiligen Problem: Man wusste nahezu nichts über die neue Krankheit.“ – Seite 156, eBook

 

Thomas Mullen schreibt hier detailreich und packend, wie sich die Gesellschaft in Zeiten einer Krise entwickelt – neben der Pandemie ist auch der Erste Weltkrieg ein zentrales Thema.

Zugeben, anfangs war ich unsicher, was das Buch betrifft: Im ersten Drittel wirkt es etwas blass ohne eine zentrale Richtung  - dieses ändert sich aber schlagartig und die Handlung wird stark, packend, oft berührend und sehr dramatisch. Auch die Schlussbemerkung des Autors, die er ganz aktuell im August 2020 verfasst hat, ist sehr informativ und lesenswert.

 

Mein Fazit: Ein interessantes Buch, das besonders in der zweiten Hälfte an Fahrt aufnimmt. Anfangs eher ruhig, schildert Thomas Mullen die Stimmung in der Stadt und auch den schrecklichen Verlauf der Spanischen Grippe in der Umgebung. Auch lernt man die Bewohner etwas besser kennen. Später wird es dann packend, dramatisch und auch emotional – besonders Hauptfigur Philip Worthy wächst über sich hinaus. Abgesehen von minimalen Schwächen ein sehr lesenswertes Buch, das gerade in diesen Zeiten sehr aktuell ist.

Meine Bewertung:



 

Titel: Die Stadt am Ende der Welt
Autor: Thomas Mullen
Genre: Gegenwartsliteratur / Drama
Seitenanzahl: 480
Verlag: Dumont
Erstveröffentlichung: 2007 (Hoffmann und Campe)
Neuveröffentlichung: 22. September 2020 (Dumont)

 

Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!
 

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