Mittwoch, 3. Mai 2023

Rezension zu "Der letzte Sessellift" von John Irving


Zum Buch



Von Geistern, Vergangenheit und Gegenwart


1941 in Aspen, Colorado. Die 18-jährige Rachel tritt bei den Skimeisterschaften an. Eine Medaille gibt es nicht, dafür ist sie schwanger, als sie in ihre Heimat New Hampshire zurückkehrt. Ihr Sohn Adam wächst in einer unkonventionellen Familie auf, die allen Fragen über die bewegte Vergangenheit ausweicht. Jahre später macht er sich deshalb auf die Suche nach Antworten in Aspen. Im Hotel Jerome, in dem er gezeugt wurde, trifft Adam auf einige Geister. Doch werden sie weder die ersten noch die letzten sein, die er sieht.
(Quelle: Inhaltsangabe - Diogenes Verlag)





Der letzte Sessellift ist der neue Roman von John Irving und ist knapp sieben Jahre nach seinem letzten Roman Straße der Wunder erschienen. Schon lange hatte ich vor, mal etwas von dem Autor zu lesen – nun ist sein neuestes Werk mein erster Irving.


Schon in den ersten Kapiteln des 1.088 Seiten umfassenden Romans wird der ausführliche Erzählstil, sowie die präzise Ausarbeitung der Charaktere sichtbar.
Alles beginnt im Jahr 1941. Die damals 18-jährige Rachel „Ray“ Brewster ist leidenschaftliche Skifahrerin und tritt bei den Skimeisterschaften in Aspen an. Doch sie kommt ohne eine Medaille nach New Hampshire zurück, dafür ist sie schwanger. Ihr Sohn Adam ist ihr Ein und Alles wie sie immer betont, aber auf die Fragen zu seinem Vater hüllt sie sich in Schweigen. Sein ganzes Leben lang versucht Adam, mehr über die Vergangenheit seiner Mutter herauszufinden – sein Weg führt in allerdings erst viele Jahre später nach Aspen in Colorado in das Hotel Jerome, wo alles seinen Anfang nahm. Hier erhofft er sich die noch fehlenden Antworten, auch über die geheimnisvollen Gespenster, die ihm erschienen sind. Doch es erwartet ihn einiges mehr – sowohl aus Vergangenheit und Gegenwart…

„Nur langsam begann ich den Unterschied zu begreifen zwischen den Dingen, die ich hätte kommen sehen müssen, und denjenigen, mit denen ich wirklich nicht hatte rechnen können.“ – Seite 291, eBook


Das Buch ist überwiegend in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Hauptfigur Adam Brewster geschrieben, er erzählt damit seine Lebensgeschichte selbst. Neben Adams eigenen Erlebnissen werden auch die seiner Familie, Freunde und Vertrauten hier sehr ausführlich geschildert. Wir lernen die Familienmitglieder kennen – von den Großeltern und seinen speziellen Tanten, über seine Cousine Nora und deren stille Lebensgefährtin Em bis hin zu Molly, die eine ganz besondere Verbindung zu seiner Mutter hat. Und dann ist da natürlich noch der Englischlehrer Elliot Barlow, der sowohl im Leben von Adam als auch seiner Mutter Rachel eine zentrale Rolle spielt.

Diese und viele weitere Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein – jeder hat eigene Ansichten und führen unterschiedliche Leben. Wenn einige von ihnen dann aufeinandertreffen, passiert viel Skurriles. Manche Figuren sind etwas schräg, genauso wie die Schilderungen von manchen Momentaufnahmen.
Doch so schräg einige Abschnitte auch sind, manchmal wird es auch sehr bewegend und oft auch auf gewisse Weise fesselnd. Adams Lebensweg mit sämtlichen Details ist interessant zu verfolgen – genauso wie das der Menschen um ihn herum. Einige von ihnen treten im Laufe des Romans noch mehr in den Vordergrund, was mir sehr gut gefallen hat. Auch die Gespenster, die in seinem Leben immer wieder auftauchen, sind ein zentraler Punkt.

Interessant ist ebenso, dass Irving bei der Benennung der Figuren regelmäßig zwischen verschiedensten Anreden wechselt. Beispielsweise wird Adams Stiefvater mal nur Elliot oder Mr. Barlow genannt, ein anderes Mal ist er dann einfach „der Schneeläufer“ oder „der kleine Englischlehrer“. Doch diese Wechsel sind, nachdem man sich daran gewöhnt hat, ganz passend.
Am meisten hat mir die Figur des Elliot Barlow gefallen – neben seinem eigenem Leben, in dem sich im Laufe einiges ändert, ist er immer für Adam da und gibt ihm hilfreiche Tipps.

„Mein lieber Adam“, sagte er, „du kannst keinerlei Einfluss darauf nehmen, was zu deiner Existenz geführt hat, richtig? Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Was du aber beeinflussen kannst, sind Gegenwart und Zukunft, nicht nur deine eigene, sondern ein Stück weit auch die der Menschen, die du liebst.“ (Elliot zu Adam) – Seite 261, eBook


Der Zeitraum der Geschehnisse geht über mehrere Jahrzehnte – beginnend im Jahr 1941 bis hin ins 21. Jahrhundert. Es ist nicht immer alles ganz chronologisch erzählt, aber man findet sich dennoch gut zurecht. Zudem finden hier einige wichtige und aktuelle Themen einen Platz.

„Es gibt mehr als nur eine Art, Menschen zu lieben.“ – Seite 564/793, eBook


Insgesamt ist es eine interessante und oft auch unterhaltsame Geschichte, in die man gut eintauchen kann – jedoch zieht sich diese an mehreren Stellen arg in die Länge. Der Autor verliert sich zeitweise in ausführlichen Beschreibungen von Nebensächlichkeiten – diese spielen zwar auch eine wichtige Rolle, hätte aber etwas kürzer verfasst sein können. Zudem sind manche Kapitel wie ein Drehbuch geschrieben, darunter auch einige wichtige Abschnitte des Romans. Das fand ich wiederum etwas zu abgehackt und hätte mir da den normalen Schreibstil gewünscht.


Mein Fazit: Ein sehr ausführlicher Roman, der neben Stärken auch ein paar Schwächen hat. Keine Frage, John Irving ist ein großer Erzähler und seine Figuren sind präzise ausgearbeitet. Die Handlung ist abwechslungsreich: mal bewegend und ernst, dann wieder etwas skurril.
Jedoch ziehen sich so einige Kapitel auch arg in die Länge – der Autor verliert sich hier zu lange in Beschreibungen von Nebensächlichkeiten – daher ist etwas Geduld gefragt. Insgesamt finde ich aber, dass es sich trotzdem lohnt.
Auch wenn ich diesem Buch nur drei Sterne gebe, hat mir mein erster Ausflug in Irvings Welt gut gefallen und mich neugierig auf seine anderen Werke gemacht.


Meine Bewertung:



Titel: Der letzte Sessellift
Autor: John Irving
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 1.088
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 26. April 2023

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen