Sonntag, 26. Juni 2022

Rezension zu "Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

 

Zum Buch


Von verschwommenen Erinnerungen und einer traurigen Reise

Said Al-Wahid hat seinen Reisepass überall dabei, auch wenn er in Berlin-Neukölln nur in den Supermarkt geht. Als er eines Tages die Nachricht erhält, seine Mutter liege im Sterben, reist er zum ersten Mal seit Jahren in das Land seiner Herkunft. Je näher er seiner in Bagdad verbliebenen Familie kommt, desto tiefer gehen die Erinnerungen zurück, an die Jahre des Ankommens in Deutschland, an die monatelange Flucht und schließlich an die Kindheit im Irak. Welche Erinnerungen fehlen, welche sind erfunden und welche verfälscht? Said weiß es nicht. Es ist seine Rettung bis heute. Eine Lebensgeschichte von enormer Wucht.
(Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Hanser Verlag)




Auf eine leichte, aber gleichzeitig auch tiefgründige Art erzählt Autor Abbas Khider hier die Geschichte von Said Al-Wahid, der vor vielen Jahren als Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland kam.
Das Buch beginnt damit, dass Said eine Nachricht von seinem Bruder bekommt: Seine Mutter liegt im Sterben und er soll sofort kommen. Somit reist Said, der vor vielen Jahren aus dem Irak geflohen ist, nach langer Zeit wieder in sein Heimatland. Währenddessen versinkt er in Erinnerungen – von der monatelangen Flucht bis hin zu den ersten Jahren in Deutschland, die Angst, jederzeit wieder abgeschoben zu werden und den Papierkrieg mit verschiedensten Behörden.
Aber auch Erinnerungen an seine Kindheit in Bagdad kommen an die Oberfläche – gleichzeitig verschwimmen diese.

„Seine Erinnerungen sind unvollendete Ereignisse, unpräzise Skizzen eines Ortes, verborgene Gestalten und verschleierte Gesichter. Alles Teile eines großen Puzzles, das es zusammenzusetzen gilt, wenn man sich erinnern will. Viele dieser Teile existieren längst nicht mehr.“ – Seite 39, eBook


Mich hat dieses Buch von der ersten Seite an gepackt. Der Erzählstil ist flüssig - neben den aktuellen Geschehnissen gibt es immer wieder Rückblicke in Saids Vergangenheit. Er reist durch seine Erinnerungen – jedoch bleibt an manchen Stellen unklar, ob manches auch wirklich so geschehen ist. Der Titel Der Erinnerungsfälscher ist sehr gut gewählt und wird im Laufe der Geschichte noch erklärt. Auf den 128 Seiten wird es oft tiefgründig und sehr bewegend - von den schlimmen Geschehnissen im Irak bis hin zu Saids Angst, aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Der gültige Reisepass ist sein Anker. All das wird hier sehr deutlich, berührend und stimmt nachdenklich.
Said Al-Wahids Lebensweg ist – bis hin zur emotionalen Reise in sein Heimatland - sehr interessant zu verfolgen.

„Er ist nie mit seiner kleinen Familie heimgereist, und nun liegt seine Mutter im Sterben. Als Said wegging, war das Land ein Loch der Verzweiflung; zwei Jahrzehnte später ist es zu einem Loch der Hoffnungslosigkeit geworden.“ – Seite 23, eBook


Mein Fazit: Ein bewegender Roman, der tiefgründig und gleichzeitig leicht geschrieben ist. Von dem Leben als Flüchtling, den langen Weg bis hin zur Einbürgerung, von Erinnerungen und der Reise zurück in das gefährliche Heimatland – Abbas Khider hat hier eine kurze, aber sehr berührende Geschichte geschrieben, die nachdenklich macht. Sehr lesenswert.



Meine Bewertung:





Titel: Der Erinnerungsfälscher
Autor: Abbas Khider
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 128
Verlag: Hanser
Erstveröffentlichung: 24. Januar 2022

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