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Vom Leben und Überleben in Vacca Vale
Die ätherische Blandine, die eine Obsession für Hildegard von Bingen entwickelt hat und durch das System gefallen zu sein scheint, lebt nur durch die dünnen Wände eines schäbigen Apartmentkomplexes in einem ehemaligen Industrieort in Indiana von ihren skurrilen Nachbarn getrennt: einer Frau, die online Nachrufe schreibt, einer jungen Mutter mit einem dunklen Geheimnis, und jemandem, der im Alleingang einen Feldzug gegen Nagetiere führt. Willkommen im Kaninchenstall. Ein Roman über den amerikanischen Rust Belt und seine Bewohner, die keineswegs alle über einen Kamm zu scheren sind, wie man fälschlicherweise annehmen könnte.
Eine schonungslos schöne und beißend komische Momentaufnahme des zeitgenössischen Amerikas, eine hinreißende und provokante Geschichte über Einsamkeit und Sehnsucht, Verstrickung und schließlich: Freiheit.
(Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - KiWi Verlag)
Der Kaninchenstall ist der Debütroman von der Autorin Tess Gunty. Mit diesem besonderen Buch gewann sie den National Book Award 2022.
„In einer heißen Nacht verlässt Blandine Watkins in Apartment 4C ihren Körper. Sie ist erst achtzehn Jahre alt. Aber sie hat sich die längste Zeit ihres Lebens gewünscht, dass dies geschehen würde.“ – Seite 11, eBook
…mit diesem mysteriösen Satz beginnt dieser außergewöhnliche Roman, der durch einen besonderen und einnehmenden Schreibstil besticht. Im Mittelpunkt stehen die Bewohner eines Apartmentkomplexes, das von allen nur der „Kaninchenstall“ genannt wird. Genauso besonders wie der Name sind auch deren Bewohner, die unterschiedlicher sein könnten. Im ersten, sehr kurzen Teil des Buches werden die Figuren mit ihren Tätigkeiten, Gedanken und Geheimnissen vorgestellt.
Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass ein Verbrechen geschehen ist und die zentrale Figur hier die junge Blandine Watkins ist. Im Laufe des Buches setzt sich durch Rückblicke ihre Lebensgeschichte zusammen und bringt die Wahrheit ans Licht. Aber auch die anderen Bewohner lernen wir nach und nach etwas besser kennen – gleichzeitig spielt noch der Tod einer berühmten Schauspielerin und der Lebensweg ihres Sohnes eine zentrale Rolle. Wie das mit dem Ort Vacca Vale und dem Kaninchenstall zusammenhängt, ist spannend zu verfolgen.
„Sie weiß schon, bevor sie miteinander sprechen, dass diese Begegnung das Serienfinale ihrer Beziehung darstellen wird, und die Szene ist automatisch mit einer Dramatik aufgeladen, die dem Gewicht ihrer Geschichte entspricht.“ – Seite 289, eBook
Schauplatz in diesem Roman ist die fiktive amerikanische Kleinstadt Vacca Vale in Indiana. Einst berühmt für die dort hergestellten Zorn-Automobile, ist die Stadt seit dem Schließen der Fabrik auf Platz eins der sterbenden Kleinstädte Amerikas. Zwar haben Unternehmer Großes vor und wollen aus Vacca Vale ein zweites Silicon Valley machen, dieses ist allerdings nicht so einfach.
Und mittendrin die Bewohner der Kleinstadt – einige leben in alten vornehmen Villen, andere in abgenutzten Wohngebäuden.
„Ich verachte nicht alle“, sagt sie. „Und ich schaue nur auf die herunter, die ganz oben sind.“ – Seite 204, eBook
Sowohl der Erzählstil als auch der Handlungsverlauf sind speziell. Mal schnell, direkt und schonungslos, aber manchmal auch etwas verschnörkelt und ausschweifend erzählt die Autorin die Geschichte, dessen einzelne Fäden sich erst nach und nach erschließen. Die Charaktere und ihre Wege sind etwas skurril und manchmal etwas rätselhaft – dennoch passt dieses hier alles gut zusammen. Natürlich muss man sich auf dieses Buch einlassen, aber wer spezielle, außergewöhnliche Bücher mag, der wird Gefallen daran finden.
Ich fand diesen Roman auf besondere Weise packend und war die ganze Zeit gespannt, wie manches zusammenhängt, was hinter einigen rätselhaften Schilderungen steckt und wie sich schließlich das Verbrechen aufklärt. Hauptfigur ist eindeutig Blandine und mit ihr ihre Begeisterung für Hildegard von Bingen. Auch tauchen schrägerweise immer mal wieder Kaninchen auf. Es wird berührend, dramatisch, gruselig und natürlich auch ziemlich skurril. Eine ziemlich bunte Geschichte.
Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch – sehr skurril und auch mal etwas wirr, gleichzeitig auch interessant, bewegend und packend. Genauso besonders wie die Charaktere und die Geschehnisse ist auch der Schreibstil – mal direkt und einnehmend, dann wieder verschnörkelt und etwas ausschweifend. Genau diese Mischung passt aber gut zum gesamten Werk. Überraschend spannend ist es zu verfolgen, wie sich die einzelnen Fäden nach und nach verbinden. Oft etwas schräg und speziell, aber meiner Meinung nach im Gesamten sehr gut gelungen.
Meine Bewertung:
Titel: Der Kaninchenstall
Autorin: Tess Gunty
Übersetzt von: Sophie Zeitz
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 416
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erstveröffentlichung: 06. Juli 2023

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