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In Norwegen beginnt der Winter. Der erste seit vielen Jahren. In einer abgelegenen Hütte muss sich Bastian eingestehen, dass er zu alt ist, um dort zu überleben. Anstatt zur weit entfernten Siedlung aufzubrechen, beginnt er sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Mit seiner Kindheit in den 90ern zwischen Star Wars, Magnum-Eis und Lichterketten gegen Rechts. Der Herausforderung als junger Vater, Familie, Karriere und eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Und mit den Jahren in der geschützten Wohnsiedlung in der Nähe Münchens, in denen die Welt immer bedrohlicher wurde. In seinem neuen Roman blickt Thomas von Steinaecker virtuos aus einer nahen Zukunft zurück auf unsere Gegenwart und zeigt, wie das Leben an uns vorbeirauscht, während wir um uns selbst kreisen.
Hochaktuell erzählt Die Privilegierten von einer Generation, die alle Möglichkeiten hatte und dennoch scheitert. (Quelle: Inhaltsangabe - S. Fischer Verlage)
Die Privilegierten ist der neue und beeindruckende Roman von Thomas von Steinaecker. Das Buch ist für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2023 nominiert, der am 05. November verliehen wird.
Hauptfigur ist Bastian Balthasar Klecka, der seit einigen Jahren abgeschieden von jeglicher Zivilisation in einer Hütte in Norwegen lebt. Plötzlich beginnt der Winter, so wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hat. Während er eingeschneit in seiner Hütte ausharrt, beginnt er, seine Vergangenheit zu sortieren. Wie ist es zu diesem einsamen Leben gekommen?
„Die einzige Möglichkeit, jetzt nicht verrückt zu werden, ist, meine Vergangenheit zu sortieren.
Warum ich hier bin.
Wie ich lernte, die Menschen zu hassen.“ – Seite 25, eBook
Der Anfang des Buches ist wie ein Tagebuch geschrieben, wo Bastian seinen aktuellen Tagesablauf schildert. Es ist die nahe Zukunft, Anfang der 2040er Jahre und schnell wird klar, dass in der Welt einiges geschehen ist.
Danach geht es zurück in die Vergangenheit. Das Buch ist in der Ich-Perspektive aus Bastians Sicht geschrieben, der auf den folgenden 600 Seiten seinen Lebensweg schildert. Beginnend im Jahr 1986, in dem er mit nur vier Jahren den Tod seiner Eltern verkraften muss und fortan von den Großeltern, bzw. von seinem Großvater aufgezogen wird. Während einige Jahre wie im Zeitraffer beschrieben werden, gibt es einige Zeiten, die sehr detailreich und ausführlich geschildert werden. Wie etwas das Jahr 1992, in dem er Freundschaften schließt und einiges erlebt. Gerade diese typische Atmosphäre der 1990er-Jahre ist sehr gelungen.
„In meiner Erinnerung liefen, was eigentlich nicht der Wahrheit entsprechen kann, alle Serien, die meine frühe Kindheit geprägt hatten, in diesem Sommer des Jahres 1992. Ich lebte in Filmszenarien. In Raumschiffen wie in den Sperrholzkulissen US-amerikanischer Sitcoms.“ – Seite 48, eBook
Wir erfahren kurz, wie er 9/11 erlebt hat, heranwächst und dann im Jahr 2019 zwischen Familie und Beruf jongliert. Später spielt sein Sohn Samy eine zentrale Rolle, besonders in den 2030er Jahren, wo sich die Lage im gesamten Land auf unheimliche Weise entwickelt und auch Entscheidungen getroffen werden, mit denen manche nicht einverstanden sind. Von glücklichen und schwierigen Momenten, von traurigen und bewegenden Situationen, von Hoffnung bis hin zu Unsicherheit und Machtlosigkeit – alles ist vorhanden. Und schließlich erfahren wir, was dazu geführt hat, das Bastian mit ca. 60 Jahren abgeschieden in Norwegen lebt.
„Ich kann mich an einen Moment erinnern, 2016 oder 2017, als ich plötzlich das Gefühl hatte, die Realität sei irreal geworden. Als hätte die Zeit irgendwann nach 2001 auf dem Pfad mit seinen vielen Möglichkeiten eine falsche Abzweigung genommen und als befänden wir uns nun aufgrund dieses Versehens oder Unfalls oder was auch immer in einer falschen Version der Welt.“ – Seite 136/137, eBook
Der Roman ist weder rasant oder actiongeladen, jedoch durch den detaillierten und intensiven Schreibstil packend zu verfolgen. Von den ausführlichen Beschreibungen der Schauplätze über die Ausarbeitung der einzelnen Charaktere bis hin zu den verschiedensten Geschehnissen der jeweiligen Epoche – von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in eine etwas unheimliche und dystopische Zukunft – alles ist sehr klar geschrieben.
„Wir klammerten uns wie so viele meiner Generation aneinander, weil wir uns wünschten, die Epoche, der wir entstammten und deren Werte, Regeln und Realitäten wir jenen der Gegenwart vorzogen, würde durch unsere Treffen und Telefonate fortdauern – obwohl sie doch unwiederbringlich vergangen waren.“ – Seite 474/475, eBook
Die Handlung ist durch die schon erwähnte gelungene Schreibweise sehr detailreich und bildgewaltig, an manchen Stellen vielleicht auch etwas ausschweifend. Dennoch wird es an keiner Stelle langweilig. Oft sind einzelne Sätze, die Beschreibungen enthalten, sehr lang und manchmal etwas verschachtelt. Dann gibt es aber auch mal wieder kürzere Passagen. Dieses passt im Gesamten aber sehr gut zusammen.
Die unterschiedlichen Jahrzehnte sind atmosphärisch dicht wiedergegeben – jeweils mit dem „Flair“ der jeweiligen Zeit. In dem Roman wird deutlich, wie schnell die Zeit vergeht, wie unterschiedlich die Generationen sind und die Frage, ob man nicht manches hätte anders oder besser machen können – ein Buch, das gleichzeitig interessant und unterhaltsam ist, aber auch nachdenklich macht und nicht immer einfach ist.
Mein Fazit: Ein gelungener Roman, der mit seiner detaillierten Schreibweise und einer starken Figurenzeichnung überzeugt. Atmosphärisch dicht schildert der Autor den Lebensweg von Bastian über mehrere Jahrzehnte – von der Vergangenheit über die aktuelle Gegenwart bis hinein in eine dystopische und etwas unheimliche Zukunft. Auch wenn es ein sehr ausführlicher und ruhig geschriebener Roman ist, wird man von der ersten Seite an abgeholt und kann es nur sehr schwer aus der Hand legen. Man sollte sich etwas Zeit zum Lesen nehmen – es wird auf besondere Weise packend und interessant, regt aber gleichzeitig auch zum Nachdenken an. Ein sehr lesenswertes Buch, das ich gern weiterempfehle!
Meine Bewertung:
Titel: Die Privilegierten
Autor: Thomas von Steinaecker
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 624
Verlag: S. FISCHER
Erstveröffentlichung: 30. August 2023

Schönen guten Morgen!
AntwortenLöschenDas Cover ist mir aufgefallen - weil es mir irgendwie ähnlich erschien wie "Die Unbändigen" ... keine Ahnung warum :) Aber zurzeit zieht es mich irgendwie nach anderen Geschichten, außerhalb dessen was ich sonst lese.
Deine Beschreibung klingt jedenfalls total interessant. 600 Seiten sind ganz schön viel für so eine Geschichte und es scheint dem Autor gelungen zu sein, dich durchweg zu fesseln. Definitiv ein Buch das ich mir merken muss!
Liebste Grüße, Aleshanee
Hallo Aleshanee!
Löschendu meinst "Die Unbändigen" von Emilia Hart? Da musste ich gerade erstmal nachschauen. Vielleicht hat dich der Stil und die Farben ja irgendwie daran erinnert. :)
Ja, es ist ein ausführliches und detailreiches Buch und man muss sich etwas Zeit dafür nehmen. Ich fand es wirklich gelungen, sehr interessant und empfehle es gern weiter. :)
Liebe Grüße
Nicole
Ja, der Stil und die Farben, irgendwie sehen sich die schon etwas ähnlich oder? :)
LöschenMomentan spricht es mich nicht so direkt an, aber ich könnte mir vorstellen, wenn ich mal in der passenden Stimmung bin wäre es was. Zurzeit muss ich ein bisschen, also ich kann grade einfach nur bestimmtes lesen. Meine Konzentration ist schwierig und ich kann grade auch nichts "anstrengendes" oder sowas lesen.
Ich notiers mir aber!
Ja, die Ähnlichkeit ist da. :)
LöschenKlar, das kenne ich auch. Man muss in der Stimmung dafür sein. Ich habe auch noch einige Bücher auf meiner Liste, die ich gerne lesen möchte, es aber zu einem anderen Zeitpunkt besser passen wird.
Liebe Grüße und noch einen schönen Abend!