Dienstag, 10. Oktober 2017

Rezension zu "Lieber Daddy-Long-Legs" von Jean Webster

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Die Briefe von Jerusha Abbott an ihren Daddy-Long-Legs

Jerusha Abbott hat ihr ganzes Leben in einem Waisenhaus verbracht. Nun, nach fast 18 Jahren bekommt sie eine Chance, mit der nie niemals gerechnet hat: Aufgrund ihrer literarischen Begabung möchte ein unbekannter Mann ihr ein Studium finanzieren. Als einzige Gegenleistung verlangt er von Jerusha, ihm regelmäßig zu schreiben und von ihrem Alltag und Studium am College zu berichten. Jerusha, die ihr Glück kaum fassen kann, kommt der Aufgabe mit großer Leidenschaft nach und schreibt ihrem Wohltäter -den sie schon bald nur noch Daddy-Long-Legs nennt- seitenlange Briefe. Doch manchmal ist sie traurig, dass sie nie eine Antwort bekommt. Wer ist dieser Mann, der ihr durch das Studium eine vielversprechende Zukunft ermöglicht?


"Den ganzen Tag freue ich mich auf den Abend, hänge ein 'Nicht stören'-Schild an die Tür, schlüpfe in meinen schönen roten Bademantel und meine kuscheligen Pantoffeln, schiebe mir alle Sofakissen in den Rücken und zünde die Messinglampe an meinem Ellbogen an und lese und lese und lese. Ein Buch reicht nicht. Im Moment sind es vier gleichzeitig." - Seite 34, eBook


Lieber Daddy-Long-Legs erschien erstmals im Jahr 1912 und ist ein echter Klassiker. Ich habe schon viel von dieser besonderen Geschichte gehört und habe mich umso mehr gefreut, dass der Königskinder-Verlag diese neu veröffentlicht hat. Das Buch ist fast komplett in Briefform geschrieben - und das so gut, dass er sich wie ein normaler Roman liest. Hauptfigur und Briefeschreiberin ist sie fast achtzehnjährige Jerusha Abbott, die in einem Waisenhaus aufgewachsen ist. Eines Tages bekommt sie die Möglichkeit, ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und zu studieren - ein unbekannter Wohltäter finanziert ihr das College. In regelmäßigen Briefen berichtet sie ihrem Daddy-Long-Legs (den sie aus einem bestimmten Grund so nennt) über ihr gesamtes Leben und wünscht sich mit jedem Brief mehr, ihn kennen zu lernen.
Die Briefe sind unheimlich toll geschrieben - Jerusha weiß ihr neues Leben sehr zu schätzen und erfreut sich an einfachen, für sie neue Dinge, die für andere Studenten immer selbstverständlich waren. Es ist sehr interessant zu verfolgen, wie ihr Leben verläuft und man stellt sich im Laufe der Handlung natürlich die Fragen: Wer ist Daddy-Long-Legs und wird Jerusha ihn je kennen lernen? Wie es schließlich ausgeht, werde ich hier natürlich nicht verraten.
Das besondere an dieser Geschichte, die ja inzwischen über 100 Jahre alt ist, ist das Zeitlose. Man kann ihn zu jeder Zeit und in fast jedem Alter lesen. Auch die Literatur spielt eine zentrale Rolle: Jerusha entdeckt ihre Liebe fürs Lesen und es tauchen viele Klassiker auf, über die ihre persönlichen Eindrücke schildert. Das hat mir besonders gut gefallen.
Das Cover hat sehr schöne Farben und ist mit dem Schattenumriss des "Daddys" ein toller Blickfang. Auch im Buch gibt es einige Zeichnung, die auch im eBook gut zur Geltung kommen.


"Es sind gar nicht die großen Probleme des Lebens, die den Charakter fordern. Einer echten Krise oder einer niederschmetternden Tragödie kann jeder Mensch mutig entgegentreten, doch die unbedeutenden Ärgernisse des Tages mit einem Lachen abzutun - ich glaube, das erfordert wirklich innere Stärke." - Seite 56, eBook


Mein Fazit: Ein wundervoller Klassiker, der zeitlos und einfach schön geschrieben ist.  Die Briefe sind toll verfasst, man möchte unbedingt wissen, wie Jerushas Leben am College sich weiterentwickelt. Auch das Ende ist hier sehr passend gewählt und hat meine Ahnung bestätigt. Man schließt dieses Buch mit einem Lächeln. Egal ob jung oder alt - ich kann es jedem empfehlen, der moderne Klassiker mag. Ein Lesehighlight!


Meine Bewertung: 




Titel: Lieber Daddy-Long-Legs
Autorin: Jean Webster
Genre: Jugendbuch / Klassiker
Seitenanzahl: 256
Verlag: Carlsen / Königskinder



Vielen Dank an Carlsen und den Königskinder-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Montag, 9. Oktober 2017

Rezension zu "Die Schlange von Essex" von Sarah Perry

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Eine Geschichte über Mythen, Wissenschaft und die Liebe


Im Jahr 1893: Nach dem Tod ihres Mannes zieht die junge Witwe Cora Seaborne zusammen mit ihrem Sohn Francis und der Angestellten Martha von London aufs Land. In dem kleinen Küstendorf  Aldwinter in Essex hofft sie, einige Fossilien zu finden. Dort lernt sie den Pfarrer William Ransome und dessen Familie kennen. So erfährt Cora auch, dass die "Schlange von Essex" zurückgekehrt ist - ein geheimnisvolles Wesen, um das sich Mythen und Legenden ranken und das im Blackwater leben soll. Cora hofft, vielleicht auf ein lebendiges Fossil zu stoßen. Schnell gerät sie deshalb mit William aneinander, der den Legenden um die Schlange so gar keinen Glauben schenkt. Doch da scheint noch etwas anderes zu sein, denn Cora und William empfinden auf bestimmte Weise mehr füreinander.
Die Monate vergehen und in dieser Zeit geschehen dramatische und auch rätselhafte Dinge - sowohl in London als auch in Aldwinter...  


"Just in diesem Moment ließ der Regen nach und Cora begriff, wie sehr sie diese Frau - mit der sie doch wenig teilte, die im eigenen Spiegelbild und in der Familie aufging, die alle Menschen besser zu kennen schien als sich selbst und es immer nur gut meinte - liebgewonnen hatte." - Seite 221, eBook


Schon beim Lesen der Inhaltsangabe habe ich geahnt, dass diese Geschichte speziell und auf eine gewisse Art besonders sein wird - und das ist sie auch. Auf den ersten Seiten merkt man bereits an dem tollen Schreibstil, dass es neben der Legende um eine Schlange, die angeblich ihr Unwesen in den Gewässern von Essex treibt, auch starke Charaktere geben wird.  Auch wenn die Witwe Cora Seaborne im Mittelpunkt steht, haben mir hier aber gerade die Figuren um sie herum besonders gut gefallen. Historisch angehaucht spielt der Roman zeitweise in London und in dem kleinen Küstenort Aldwinter. Neben Wissenschaftlichem und der Wohnungsproblematik in London spielt auch die Liebe eine Rolle. Und über allem schwebt irgendwie die "Schlange von Essex", bei der ich im ersten Moment an Loch Ness denken musste. Man fragt sich die ganze Zeit: Was steckt hinter der mysteriösen 'Schlange von Essex'? Die Frage wird natürlich aufgeklärt und ich kann dazu nur Eines sagen: Lasst euch überraschen!
Die Handlung ist insgesamt spannend zu verfolgen, nur an einigen Stellen wurde manches zu sehr in die Länge gezogen und der Lebensverlauf bei einer Person wurde mir zwischenzeitlich etwas zu wirr. Doch im Gesamten betrachtet ist es eine interessante Geschichte, die einige Überraschungen bereithält.
Was mir hier besonders gut gefallen hat, ist der "Rundumblick" der Geschehnisse, den die Autorin zwischendurch immer einbaut: In wenigen Sätzen fasst sie die aktuellen Entwicklungen und die nächsten Pläne der einzelnen Figuren zusammen. Danach geht es dann wieder ausführlich weiter.
Das Cover ist natürlich ein richtiger Blickfang, mit der grünen Schlange im Vordergrund und den gut ausgewählten Details.


"Der Vollmond draußen stand tief, und die Wellen des Blackwater schlugen auf den Kiesstrand; das etwas aus dem Wasser und über die Salzwiesen kroch, war nicht auszuschließen, aber das schien den anderen egal zu sein." - Seite 237, eBook


Mein Fazit: Die Schlange von Essex ist ein besonderes Buch - es enthält eine gelungene Mischung aus Mythen, Wissenschaft und der Liebe. Auch wird es spannend, da man nicht so recht weiß, was einen genau erwartet. Der Schreibstil ist schön und detailreich, die Charaktere stark und außergewöhnlich. Die Geschichte an sich und auch das Ende halten einige Überraschungen bereit. Von kleinen Schwächen mal abgesehen eine wirklich gelungene Geschichte. Lesenswert!


Meine Bewertung: 




Autorin: Sarah Perry

Titel: Die Schlange von Essex
Genre: Gegenwartsliteratur / Historischer Roman
Seitenanzahl: 496
Verlag: Eichborn / Bastei Lübbe



Vielen Dank an Bastei Lübbe und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Sonntag, 1. Oktober 2017

Rezension zu "Der Gesang der Nachtigall" von Lucy Strange

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Ein Mädchen, das zu einer kleinen Heldin wird

England, im Jahr 1919: Die zwölfjährige Henrietta "Henry" Abbott zieht mit ihren Eltern, Baby Piglet und der Nanny Jane in das Dorf Little Birdham. In dem etwas verwunschen wirkendem Anwesen namens Hope House hoffen sie, die Schrecken, die ihnen in London widerfahren sind, zu vergessen. Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht: Henrys Vater nimmt einen Auftrag außer Landes an und ihre Mutter ist krank. Zusammen mit Nanny Jane kümmert sich das Mädchen nun um ihre kleine Schwester Piglet. Doch Henry fühlt sich allein und fängt an, das große Haus und die Umgebung zu erkunden. Neben dem geheimnisvollen Dachboden entdeckt sie im angrenzenden Wald zwischen den Bäumen einen Lichtschein. Und was hat es mit den seltsamen Schatten auf sich, die niemand außer ihr sieht? Das Mädchen geht den Geheimnissen schließlich auf den Grund und ahnt als Einzige, dass ihre Familie in großer Gefahr schwebt...


"Ich schaute zurück in den Wald und sah eine Rauchschwade durch die Bäume auf mich zuwehen. Das sonnenbeschienene Laub zitterte vor Geheimnissen." - Seite 8, eBook


Bei diesem Buch hat mich der geheimnisvolle Klappentext sehr angesprochen und war demnach sehr gespannt, was mich in dieser Geschichte erwarten wird. Hauptfigur ist das zwölfjährige Mädchen Henrietta, das von allen nur Henry genannt wird. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass eine tiefe Traurigkeit über dem Mädchen und ihrer Familie liegt. Den Grund dafür -und für den Umzug von London aufs Land- erfährt man nach und nach und wird von der Autorin sehr behutsam beschrieben. Doch weitere Schatten liegen über der Familie und auch über dem Anwesen "Hope House"...
Das Buch ist in der Ich-Perspektive aus Henriettas Sicht geschrieben, die mir sofort ans Herz gewachsen ist und sich als kleine Heldin entpuppt. Ihr Weg und auch ihre Gedanken sind spannend zu verfolgen - sie erforscht den großen Wald, versucht ihrer Mutter zu helfen und auch dem Geheimnis des vergessenen Dachbodens geht sie auf die Spur. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, die Geschichte ist sehr berührend und auf eine bestimmte Art spannend zu verfolgen.
Besonders gefallen haben mir hier die immer wieder erwähnten Märchen, die Henrietta so liebt. Gerade diese Details geben dem Roman eine leicht märchenhafte Note.
An manchen Stellen hätte ich mir vielleicht noch etwas mehr Tiefe gewünscht, sowie mehr Details - z.B. bei der Beschreibung des großen Hauses und auch bei der Entdeckung des Dachbodens. Ansonsten ist der Handlungsverlauf sehr gut ausgearbeitet mit enthält einige Überraschungen.
Das Cover mit seinen leuchtenden Farben ist mir sofort ins Auge gefallen - die Kombination mit dem Schatten der Nachtigall gefällt mir unheimlich gut.


"Wieder hob die Nachtigall zu singen an, und der Wald schien von einem wunderschönen silbernen Licht erfüllt zu werden. Es war, als seien die Sterne in die Bäume hinabgefallen oder die Bäume zu den Sternen emporgewachsen. Ich kuschelte mich in das Schwanennest aus Decken und spürte, wie die Angst und Traurigkeit in meinem Herzen sich verflüchtigten." - Seite 58/59, eBook


Mein Fazit: Ein sehr schöner und berührender Roman, in dem ein Mädchen über sich hinaus wächst. Besonders das leicht märchenhafte, das bei dem schönen Schreibstil sehr gut zur Geltung kommt, hat mir unheimlich gut gefallen. Es wird geheimnisvoll und auch traurig. Hauptfigur Henrietta wächst einem sofort ans Herz, ihr Weg ist spannend zu verfolgen. Bis auf Kleinigkeiten hat mir dieses Buch sehr gut gefallen. Von mir gibt es 4,5 Sterne - sehr lesenswert! 


Meine Bewertung: 





Titel: Der Gesang der Nachtigall
Autorin: Lucy Strange
Genre: Jugendbuch / All Age
Seitenanzahl: 336
Verlag: Königskinder / Carlsen

Noch ein Update (Februar 2021): Dieses Buch ist mittlerweile nur noch gebraucht erhältlich.




Vielen Dank an Carlsen und den Königskinder-Verlag für das Rezensionsexemplar! :)