Samstag, 30. November 2019

Rezension zu "Die Frau in der Themse" von Steven Price

Zum Buch


Mysteriöses im viktorianischen London…

Charlotte Reckitt ist schön, stolz und gesetzlos. Ihre Coups sind phänomenal, ihre Erfolge beachtlich. Und sie ist eine Schlüsselfigur im Leben zweier Männer: William Pinkerton, berühmt-berüchtigter Detektiv, und Adam Foole, Gentleman-Dieb mit Witz und Chuzpe. Für den einen war sie einst die Erfüllung all seiner Träume, für den anderen ist sie die letzte Spur einer lebenslangen Besessenheit. Eine atemlose Jagd beginnt.  
(Quelle: Klappentext)


Mit Die Frau in der Themse hat Steven Price ein beeindruckendes Werk hingelegt. Das besondere an diesem Roman: Der detailreiche und bildgewaltige Schreibstil. Besonders die Schauplätze werden mit kleinsten Details ausführlich beschrieben – ob nebelverhangene Orte, düstere Gassen oder die Inneneinrichtung eines Hauses - man hat beim Lesen alles genau vor Augen.


„Dieser Nebel war überall, unentwegt, wehte durch die Straßen und waberte am Boden auseinander, ein lebendiges Wesen. In manchen Nächten zischte er leise, wie Dampf aus einem Ventil.“ – Seite 7/8, eBook

„Gaslichtspritzer auf dem Kopfsteinpflaster. Schatten, die im Dunkel an den Backsteinmauern klebten. Keine Menschenseele, nur Dunkelheit und das Kriegsdenkmal, das wie ein spitzer Fels über dem Waterloo Place thronte.“ – Seite 282, eBook


Neben den detailreichen Schilderungen sind auch die Charaktere unheimlich gut ausgearbeitet. Wir Bekommen in das Leben der Hauptfiguren einen sehr guten Einblick: Zum einen ist da der Detektiv William Pinkerton, dessen verstorbener Vater jahrelang den berühmt-berüchtigten Tresorknacker und Dieb Edward Shade verfolgt hat – ohne Erfolg. Inzwischen hat dieser ominöse Fall Williams Interesse geweckt und endlich scheint er eine Spur zu haben. Diese führt zu Charlotte Reckitt, die vor zehn Jahren Shades Komplizin war. Doch als William sie endlich aufgespürt hat, kommt alles anders:


„Vor sechs Wochen war er in diese Stadt gekommen, um eine Frau zu verhören, die gestern Abend nach einer langen Verfolgungsjagd auf der Blackfiars Bridge von der Balustrade gesprungen und im Fluss verschwunden war. Er erinnerte sich an die Dunkelheit, das schwarze Wasser, das schäumend über ihr zusammenschlug.“ – Seite 8, eBook


Auch der Gentleman-Gauner Adam Foole ist von Amerika nach London gereist, um Charlotte Reckitt aufzusuchen – ihn verbindet ebenfalls etwas aus der Vergangenheit mit ihr. Doch die Geschehnisse entwickeln sich anders als erwartet und nehmen einen überraschenden Verlauf…
Der Roman ist mit seinen 928 Seiten sehr umfangreich, doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn es lohnt sich!  Die gesamte Geschichte ist vielschichtig, atmosphärisch dicht, auf besondere Weise fesselnd und sehr bildgewaltig. Auch wie sich die zunächst losen Fäden langsam miteinander verbinden, ist spannend zu verfolgen – alles überwiegend im Szenario des viktorianischen, nebelverhangenen London im Jahr 1885.


„Undeutliche Gestalten glitten an den Gebäuden vorüber, er konnte ihre Gesichter nicht ausmachen. Immer aufdringlicher hatte er das Gefühl, dass irgendeine Gestalt auf ihn lauerte.“ – Seite 196, eBook


Die Kapitel sind in regelmäßigem Wechsel aus der Sicht von William Pinkerton und Adam Foole geschrieben. Zwischendurch gibt es auch immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit der Charaktere, wo sich nach und nach ein Gesamtbild der einzelnen Lebenswege zusammensetzt. Hier geht es auch in andere Länder, deren Schauplätze  ebenfalls detailreich beschrieben werden. Neben den starken Hauptcharakteren sind auch die Nebencharaktere unheimlich interessante Persönlichkeiten, wie etwa Adam Fooles Ziehtochter Molly.

Mein Fazit: Ein beeindruckendes Buch, atmosphärisch dicht und meisterhaft geschrieben. Neben detailreich beschriebenen Schauplätzen, durch die das Flair des viktorianischen Zeitalters sehr gut zur Geltung kommt, gibt es starke Charaktere und eine packende Handlung, die vielschichtig ist, überraschende Entwicklungen und so manches Abenteuer bereithält.  Steven Price nimmt uns auf 928 Seiten mit auf eine Zeitreise ins London der 1880er Jahre. Die Story hält einige Überraschungen bereit und überzeugt auf ganzer Linie. 


Meine Bewertung: 





Titel: Die Frau in der Themse
Autor: Steven Price
Genre: Historischer Krimi / Mystery / Roman
Seitenanzahl: 928
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 25. September 2019



Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar! :)

Sonntag, 24. November 2019

Rezension zu "Die Zeuginnen" von Margaret Atwood

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Die Fortsetzung von Der Report der Magd

Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht. - Als am Ende vom Report der Magd die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds Report zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit „Die Zeuginnen“ nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. 





„So wurden die Dinge gehandhabt, so war es einfach, so musste es sein für die Zukunft Gileads; die wenigen mussten Opfer bringen für das Wohl der Vielen.“ – Seite 88, eBook


Zunächst einmal finde ich es großartig, dass Margaret Atwood knapp vierunddreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung ihres Klassikers Der Report der Magd eine Fortsetzung geschrieben hat. Denn einiges blieb am Ende des packenden Romans noch unklar. Hier erfahren wir u.a. noch mehr über die fiktive Republik Gilead und was mit Desfred  nach den letzten Ereignissen geschah – allerdings nicht von ihr selbst, sondern in Form von drei Erzählungen. Drei Frauen –die Zeuginnen- erzählen ihr eigenes Schicksal und wie sie die Republik Gilead erlebt haben. Zunächst wirken die einzelnen Aussagen zusammenhanglos, doch nach und nach werden die einzelnen Fäden miteinander verbunden und ergeben ein überraschendes Bild. Das Buch selbst ist in der Ich-Perspektive geschrieben,  in regelmäßigem Wechsel der drei Frauen. Das Interessante hier: Jede der drei Zeuginnen hat den Schreckensstaat Gilead anders erlebt.
Ein zentraler Punkt ist hier das Leben dem totalitären Staat, in dem Frauen keine Rechte haben - wir erfahren noch mehr Details und wie es dort nach Desfreds Verschwinden weiterging. Dieses Szenario ist weiterhin unheimlich und beklemmend.


„Ich erreiche einen Wendepunkt. Das Rad des Schicksals dreht sich so unstet wie der Mond. Bald werden sich die, die ganz unten waren, aufwärts bewegen. Und natürlich umgekehrt.“ – Seite 178, eBook


Wie schon beim Vorgänger hat mich hier auch wieder der Schreibstil von Margaret Atwood überzeugt – dieser ist detailreich und klar. Genau diese Mischung macht die Dystopie, die fünfzehn Jahre nach den letzten Geschehnissen im „Report der Magd“ spielt, wieder so packend. Gerade die verschiedenen Blickwinkel sind spannend zu verfolgen. Auch der Epilog, der weit in der Zukunft angesiedelt ist, hält noch interessante Informationen bereit.
Um bestimmte Einzelheiten zu verstehen, würde ich empfehlen, zuerst den Vorgänger zu lesen.

Mein Fazit: Eine gelungene Fortsetzung, die sich so spannend liest wie ein Krimi. Noch offene Fragen aus dem Vorgänger Der Report der Magd werden beantwortet, auch gibt es weitere Einblicke in das beklemmende Szenario des Schreckensstaates Gilead. Die anfangs lose wirkenden Erzählungen setzten sich zu einem überraschenden Bild zusammen. Sehr lesenswert! 


Meine Bewertung: 




Titel: Die Zeuginnen
Autorin: Margaret Atwood
Genre: Dystopie / Drama
Seitenanzahl: 576
Verlag: Berlin / Piper
Erstveröffentlichung: 10. September 2019


Die Bücher:
Band 1 - Der Report der Magd
Band 2 - Die Zeuginnen



Vielen Dank an den Piper-Verlag  und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 20. November 2019

Rezension zu "Der Report der Magd" von Margaret Atwood

Zum Buch

Das Leben im Schreckensstaat Gilead

Einige Jahre ist es her, als sich für Desfred und allen anderen Frauen die Welt komplett verändert hat – das bekannte Amerika mit dem alten Leben gibt es nicht mehr, nun existiert die Republik Gilead, ein totalitärer Staat. Gilead wird von Männern dominiert, Frauen haben keine Rechte mehr und  dürfen keinen Besitz haben. Zudem haben die sogenannten „Mädge“ die Aufgabe, Kinder für höher gestellte Ehepaare bekommen, ansonsten droht ihnen und allen anderen Verweigerern ein grausames Ende. Auch Desfred ist eine Magd und wird in den Haushalt eines Kommandanten überstellt. Schon bald liegt das Schicksal ihrer Zukunft allein in den Händen zweier Männer…




„Mein Name ist nicht Desfred, ich habe einen anderen Namen, den jetzt keiner mehr gebraucht, weil es verboten ist. (…) Ich bewahre die Erinnerung an diesen Namen wie etwas Verborgenes, wie einen Schatz.  (…) Dieser Name hat eine Aura um sich, wie ein Amulett, einen Zauber, der aus einer unvorstellbar fernen Vergangenheit übrig geblieben ist.“ – Seite 100, eBook


Der Report der Magd erschien erstmals im Jahr 1985 – der Klassiker von Margaret Atwood ist eine düstere Dystopie, die eine Welt schildert, wie sie für Frauen schlimmer nicht sein könnte.  Als im September 2019 die Fortsetzung „Die Zeuginnen“ erschien, wurde ich wieder an dieses Buch erinnert – nun habe ich es gelesen.
Begeistert hat mich der Schreibstil von Margaret Atwood – er ist detailreich, bildgewaltig und klar. Genau dieses macht die Geschichte so fesselnd und gleichzeitig sehr beklemmend. Hauptfigur ist die dreiunddreißigjährige Desfred, die ihren richtigen Namen ablegen musste. Das Buch ist in der Ich-Perspektive aus Desfreds Sicht geschrieben – somit  erzählt die junge Frau ihre Geschichte selbst. Dabei wechselt sie öfter zwischen den Ereignissen in der Gegenwart und Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit – die sie als „die Zeit davor“ benennt.
Der Leser erfährt nach und nach, wie ihr aktuelles Leben aussieht und dieses kann gruseliger nicht sein. Auch, was zu der Gründung von Gilead geführt hat, wird sichtbar und ist beängstigend. Neben den aktuellen Geschehnissen lernen wir auch die Desfred von früher kennen – von den Personen in ihrem so normalen Leben, aus dem sie plötzlich gerissen wurde. Sehr interessant ist auch der Epilog, der aus der fernen Zukunft stammt.
Im gesamten Buch herrscht eine unheimliche und beklemmende Atmosphäre, die Desfreds Schicksal und das der anderen „Mägde“  sehr gut und entsprechend dramatisch wiedergibt.

„Gefahr hängt plötzlich in der Luft zwischen uns, wo vorher keine gewesen ist. Sogar die Begegnung unserer Augen bedeutet Gefahr. Obwohl niemand in der Nähe ist.“ – Seite 193, eBook

Etwas verwirrend fand ich nur den plötzlichen Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart, was beim Lesen manchmal etwas irritiert. Hier wäre es besser gefunden, wenn die Zeitsprünge in Kapiteln unterteilt gewesen werden. Zudem hätte ich mir ein klareres Ende gewünscht.

Mein Fazit: Der Report der Magd ist eine düstere Dystopie, die eine Welt schildert, in der Frauen keine Rechte mehr haben – eine Story, wie sie unheimlicher nicht sein kann. Ein zeitloser Klassiker, der auch nach dreißig Jahren nichts von seiner beklemmenden Atmosphäre verloren hat. Bis auf Kleinigkeiten ein sehr lesenswertes Buch, welches man nicht so schnell vergisst.


Meine Bewertung: 





Titel: Der Report der Magd
Autorin: Margaret Atwood
Genre: Klassiker / Dystopie/ Roman
Seitenanzahl: 416
Verlag: Piper/ Berlin Verlag
Ersteveröffentlichung: 1985
Aktuelle Ausgabe: April 2017


Die Bücher:
Band 1 - Der Report der Magd
Band 2 - Die Zeuginnen


Vielen Dank an den Piper-Verlag  und Netgalley für das Rezensionsexemplar!