Mittwoch, 22. September 2021

Rezension zu "Die nicht sterben" von Dana Grigorcea

 

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Eine Geschichte mit unheimlichen Ereignissen

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden. Als auf dem Grab Vlad des Pfählers, als Dracula bekannt, eine geschändete Leiche gefunden wird, begreift sie, dass die Vergangenheit den Ort noch nicht losgelassen hat – und der Leitspruch ihrer Großtante zugleich der Draculas ist. Die Geschichte des grausamen Fürsten will sie erzählen. Am Anfang befürchtet sie, dass sie die Reihenfolge der Geschehnisse verwechseln könnte. Dann wird ihr klar: Jede Reihenfolge ergibt einen Sinn. Weil es in der Geschichte nicht um Ursache oder Wirkung geht, sondern nur um eines: Schicksal. Inzwischen aber ist es für jede Flucht zu spät. (Quelle: Inhaltsangabe - Penguin Verlag)


Die nicht sterben stand lange auf meiner Wunschleseliste - schon die Inhaltsangabe hat mich sehr neugierig auf dieses besondere Buch gemacht, das für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert ist.
Schon auf den ersten Seiten wird der bildgewaltige Schreibstil sichtbar – atmosphärisch dicht erzählt die Hauptfigur, eine Bukarester Malerin, eine Geschichte mit unheimlichen Ereignissen. Es ist die Geschichte ihrer Familie und des Ortes B., wo sie bei ihrer Großtante Margot immer ihre Sommerferien verbrachte. Zugleich ist es aber auch eine Geschichte über eine fremdgewordene Welt, über Veränderungen und auch die des Fürsten Dracula.
Anfangs erfahren wir ausführlich, wie die Erzählerin bei ihrer Großtante regelmäßig ihre Ferien verbrachte - der Ort B. kommt hier zunächst etwas verträumt rüber, die Schilderungen muten oft etwas poetisch an.

„Ich schaute auf und sah alles gestochen scharf, zu meiner Rechten die Berge mit ihren grauen Maserungen, den hellgrünen Abhängen, Heiden, gezackten Tannenketten und auf den Felswänden vereinzelt einen geneigt wachsenden Baum, am Fuße dann der dichte Mischwald, worin manchmal die Buchenblätter rauschten und dabei wie kleine Spiegel glitzerten. (…)
Die Welt schien hier eng zusammengerückt, alles war mir nah und zugewandt; und überall das aufblitzende Licht durch die hohen Tannenzweige.“
– Seite 25, eBook


Doch mit den Jahren verfällt der einst schöne Ort – und das Verhältnis der Malerin zu dem Dorf verändert sich:

„Und mir war, als löste sich dieses Damals endgültig von mir. Damals, als alle Niederschläge ihre Feierlichkeit hatten und eine angemessene Bühne. Jetzt regnete es gleichgültig.“
– Seite 37, eBook


Danach beginnt der mysteriöse Teil der Geschichte, in der Vlad, der Pfähler – auch bekannt als Dracula – eine zentrale Rolle spielt. Zunächst wird das Grab des berühmten Fürsten auf dem Friedhof entdeckt, was prompt Touristen anlockt – doch kurz darauf wird auf dem Grabstein eine gepfählte Leiche gefunden…
Ab hier vermischt sich schließlich alles miteinander – durch weitere Geschehnisse rund um die Erzählerin es wird mysteriös, zugleich kommt auch ein Hauch Fantasy mit ins Spiel. Dieses Verwischen der Grenzen ist der Autorin sehr gut gelungen.
An manchen Stellen wird es sehr speziell – dem ausführlichen und oft leicht poetischen Schreistil behält die Autorin aber die ganze Zeit bei.

„Mit der einbrechenden Nacht flogen die Fledermäuse auf, mit langem, spitzem Geschrei, während aus dem dunklen Garten die Hitze emporstieg und mit ihr der süße Odem sterbender Blumen.“ – Seite 112, eBook


Mein Fazit: Ein sehr außergewöhnliches Werk mit einer Vampirgeschichte der etwas anderen Art. Atmosphärisch dicht erzählt die Autorin hier eine ganz besondere Geschichte – mysteriös und mal etwas skurril, aber auch spannend. Das Vermischen verschiedener Genres ist ihr hier gut gelungen. Oft sehr speziell, besonders in der zweiten Hälfte, aber immer irgendwie auch beeindruckend durch den detailreichen Schreibstil. Auf besondere Weise lesenswert.


Meine Bewertung:



Titel: Die nicht sterben
Autor: Dana Grigorcea
Genre: Gegenwartsliteratur / Mystery
Seitenanzahl: 272
Verlag: Penguin
Erstveröffentlichung: 01. März 2021


Vielen Dank an das Bloggerportal und Penguin für das Rezensionsexemplar!

Montag, 20. September 2021

Rezension zu "Der letzte Rabe des Empire" von Patrick Hertweck

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Mysteriöse Mordfälle und dunkle Geheimnisse…


London 1888. Eine Mordserie versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Voller Entsetzen verfolgt Melvin die Ereignisse, denn er kannte jedes einzelne Opfer. Als auch noch das Mädchen getötet wird, das er heimlich liebt, setzt er alles daran, den Mörder aufzuspüren. Noch ahnt er nicht, dass in den dunklen Gassen des East End unheimliche Wesen auf ihn lauern. Und dass ihm ein einbeiniger Rabe auf Schritt und Tritt folgt …
(Quelle: Inhaltsangabe - Thienemann-Esslinger Verlag)




„Ein zäher Nebel war an die Küste geweht und den Fluss hinaufgekrochen. Nun trieb er an den Rümpfen der Schiffe vorbei, schlich in die Wege zwischen den verwitterten Gebäuden der Docklands und drang allmählich in die Stadt jenseits der Häfen hervor.“ (Buchbeginn) – Seite 9, eBook


… schon die ersten Sätze im Buch fangen die tolle, unheimliche Atmosphäre ein, die sich durch den ganzen Roman zieht - dieser ist im Jahr 1888 viktorianischen England angesiedelt. Seit einiger Zeit wird London von unheimlichen Mordfällen heimgesucht. Melvin, der in den Straßen und Gassen der Stadt zuhause ist, muss entsetzt feststellen, dass er jedes der Opfer kannte. Als dann noch das Mädchen Ayleen, in die er heimlich verliebt war, unter den Opfern ist, macht er sich auf die Suche nach dem Mörder – ein Abenteuer, bei dem schnell klar wird, dass einiges nicht von dieser Welt sein kann…

„Während er auf dem Kutschbock neben dem Fahrer saß, dessen Miene die Zuversicht eines Grabsteins ausstrahlte, fühlte sich Melvin, als habe ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihm war, als wäre er aus seiner bekannten Wirklichkeit in eine andere Welt gestürzt. Eine absurde Welt, in der die logische Abfolge der Ereignisse keine Gültigkeit mehr hatte.“ – Seite 87, eBook


Neben Melvin spielen noch einige weitere Figuren eine zentrale Rolle – darunter vier besondere Freunde, die Unglaubliches erlebt haben und nun Gerechtigkeit wollen. Aber natürlich sind auch die Bösewichte nicht weit. Und welches Geheimnis umgibt den Mörder namens Jack? Nach und nach kommt Licht ins Dunkel…

Die Handlung ist anfangs durch die häufigen Perspektivwechsel und den vielen verschiedenen Personen zunächst ein bisschen wirr – doch nach einer kurzen Einlesezeit findet man sich gut zurecht. Besonders in der zweiten Hälfte nimmt die Geschichte an Fahrt auf und die anfangs lose wirkenden Fäden ergeben ein überraschendes Gesamtbild. Von geheimnisvollen Ritualen bis hin zu Ereignissen, die weit in der Vergangenheit liegen: Es wird magisch, düster und über allem schwebt diese unheimliche Atmosphäre. Auch die Schauplätze sind gut beschrieben – das viktorianische London ist immer besonders.

Mein Fazit: Ein spannendes Jugendbuch mit toller, düsterer Atmosphäre. Von interessanten Charakteren, über toll beschriebene Schauplätze bis hin zu einer Story voller mysteriöser Geheimnisse und Magie ist alles dabei. Anfangs wird man etwas überfallen durch die vielen unterschiedlichen Figuren und die häufigen Wechsel der Blickwinkel – doch dieses legt sich nach einiger Zeit und man kann die Story sehr gut verfolgen. Besonders die zweite Hälfte hält einige Überraschungen bereit - man kann das Buch dann nur noch schwer aus der Hand legen. Ein schöner Schmöker voller Abenteuer!


Meine Bewertung:





Titel: Der letzte Rabe des Empire
Autor: Patrick Hertweck
Genre: Jugendbuch / All Age
Seitenanzahl: 480
Verlag: Thienemann-Esslinger
Erstveröffentlichung: 24. August 2021


Die Bücher von Patrick Hertweck:
Maggie und die Stadt der Diebe 
Tara und Tahnee - Verloren im Tal des Goldes 
Der letzte Rabe des Empire



Vielen Dank an den Thienemann-Esslinger-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 18. September 2021

Rezension zu "Der Uhrmacher in der Filigree Street" von Natasha Pulley

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Magisches in der Filigree Street

London, Oktober 1883. Eines Abends kehrt Thaniel Steepleton, ein einfacher Angestellter im Innenministerium, in seine winzige Londoner Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat. Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine Bombe. Steepleton wurde gerade rechtzeitig gewarnt, weil seine Uhr ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Uhrmacher und findet Keita Mori, einen freundlichen, aber einsamen Mann aus Japan. So harmlos Mori auch scheint, eine Kette von unheimlichen Ereignissen deutet schon bald darauf hin, dass er etwas zu verbergen hat... (Quelle: Inhaltsangabe - Klett Cotta-Verlag)



Auf dieses Buch war ich im Vorfeld sehr gespannt – die Inhaltsangabe klingt zugleich magisch und spannend. Und genau das ist diese besondere Geschichte auch: Zunächst lernen wir Nathaniel „Thaniel“ Steepleton kennen, ein junger Mann der als Telegrafist im Londoner Innenministerium arbeitet. Sein Alltag läuft immer gleich ab, bis er eines Abends in seiner kleinen Wohnung eine wertvolle Taschenuhr findet. Doch diese lässt sich weder öffnen noch scheint sie zu funktionieren. Als jedoch sechs Monate später eine Bombe im Scotland Yard-Gebäude explodiert, gibt die Uhr kurz vorher ein Alarmsignal ab – und rettet Thaniel damit das Leben. Daraufhin macht sich Thaniel auf die Suche nach dem Hersteller und landet bei dem Uhrmacher Keita Mori. Der Japaner hat eine kleine Werkstatt in der Filigree Street und beherrscht sein Handwerk perfekt. Neben Taschenuhren erschafft er auch kleine mechanische Wunder:

„Thaniel eilte hinüber und hob das Ding auf. Die Mechanik war so wohlgefügt, dass es seinem realen Vorbild auf erschütternde Weise ähnelte. Er setzte den Oktopus schnell auf dem Arbeitstisch ab, von wo er auf Moris Schoß glitt und sich dann um seinen Arm schlang. Mori streichelte ihn geistesabwesend“ – Seite 110, eBook


Katsu, der mechanische Oktopus, wächst den Leser*innen schnell ans Herz.

„Es war ja wirklich ein enormer Triumph, einen kleinen mechanischen Oktopus überlistet zu haben, dessen einziger Ehrgeiz darin bestand, sich die Strümpfe anderer Leute anzueignen.“ – Seite 149, eBook


Zwischen Thaniel und Mori, den einige Geheimisse umgeben, entwickelt sich eine besondere Freundschaft, die noch einiges in Thaniels Leben durcheinander bringen wird….

Angesiedelt in den 1880er Jahren im viktorianischen London kommen die Schauplätze und der damalige Flair hier sehr gut zur Geltung. Gleichzeitig ist die Geschichte gespickt von Steampunk-Elementen, was mir besonders gut gefallen hat. Nach und nach erfahren wir mehr über die Hauptcharaktere und dessen Geheimnisse – es wird überraschend, magisch und auf besondere Weise spannend. Ab und an gibt es immer mal wieder kleine Rückblicke in Moris Vergangenheit, die in Japan beginnt und das Land hier auch eine zentrale Rolle einnimmt. Auch historische Ereignisse werden hier zum Thema.

Neben Nathaniel Steepleton und Keita Mori spielt noch die junge Wissenschaftlerin Grace eine Rolle – ihr Ziel ist es, die Existenz von Äther zu beweisen. Wie diese drei Figuren sich schließlich begegnen, ist interessant zu verfolgen.

„Thaniel blieb stehen. Sie befanden sich nun vor der Tür in dem abgerundeten Lichttrapez teurer Lampen. Sein Drang, Mori Angst zu machen erstarb unter der eisig kalten Einsicht, dass etwas schiefgegangen war.“ – Seite 313, eBook


Die Geschichte selbst ist facettenreich: Die Charaktere, insbesondere Nathaniel, sind sehr gut ausgearbeitet, die Schauplätze detailreich beschrieben – über allem liegt ein kleiner magischer Hauch, der der Story etwas Wundervolles gibt. Leider ist der Handlungsverlauf manchmal etwas holperig und verwirrend – ich hätte mir hier gerne eine etwas klarere Linie gewünscht. Doch trotzdem war ich von Anfang an gefesselt von dieser außergewöhnlichen Geschichte.
Unbedingt erwähnenswert ist noch das wunderschöne und sehr passende Cover.


Mein Fazit: Eine außergewöhnliche Geschichte die eine besondere, magische Note umgibt. Sehr gut gefallen haben mir die eingesetzten Steampunk – Elemente und die gut ausgearbeiteten Hauptfiguren, auch die Atmosphäre der 1880er Jahre ist gelungen. Ab und an ist die Handlung etwas holperig und leicht verwirrend, daher ziehe ich einen halben Stern ab. Dennoch ist dieses Buch ein tolles Leseerlebnis! 4,5 Sterne von mir.


Meine Bewertung:




Titel: Der Uhrmacher in der Filigree Street
Autorin: Natasha Pulley
Genre: Fantasy / Phantastik
Seitenanzahl: 432
Verlag: Hobbitpresse / Klett Cotta
Erstveröffentlichung: 18. September 2021

Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar!