Montag, 17. Juli 2023

Rezension zu "Treacle Walker - Der Wanderheiler" von Alan Garner

 

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Ein geheimnisvoller Besucher und besondere Magie

„Knochen, Lumpen und Papier! Reibstein und Geschirr, das gibt der Lumpensammler dafür!“

Als der junge Joseph diesem Ruf vor seinem Fenster folgt, findet er vor seiner Tür einen fahrenden Händler mit dem Namen Treacle Walker, sowie seinen Karren, auf dem er mit einer Kiste voller mysteriöser Gegenstände durch die englischen Lande zieht. Und so beginnt ein phantastisches Abenteuer voller magischer Begegnungen.

Joseph Coppock, ein kleiner Junge, lebt allein in einem alten Haus an einer Eisenbahnstrecke im Nordwesten Englands. Er hat ein schwachsichtiges Auge, liest gerne Comics und spielt mit Murmeln, vor allem mit seinem heißgeliebten Bucker. Eines Tages taucht ein Lumpensammler namens Treacle Walker auf, der ein leeres Töpfchen allheilender Medizin und einen Reibstein gegen Josephs alten Schlafanzug und den Knochen einer Lammschulter eintauscht, woraufhin zwischen den beiden eine außergewöhnliche Freundschaft entsteht.
(Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Klett Cotta - Verlag)


Treacle Walker ist der neue Roman von Autor Alan Garner und hält eine phantastische Geschichte bereit. Das Buch war im Jahr 2022 für den Booker Prize nominiert.

Hauptfigur ist Joseph „Joe“ Coppock - der Junge lebt alleine in einem großen Kaminhaus an einem Bahndamm, liebt Comics und trägt aufgrund eines Sehfehlers manchmal eine Augenklappe. Sein einsames Leben ändert sich, als er eines Tages überraschend Besuch von einem älteren Mann namens Treacle Walker bekommt. Dieser zieht als Lumpensammler durch die Lande und hinterlässt Joe im Tausch für Altes ein kleines Keramiktöpfchen und einen Reibstein. Plötzlich durchzieht Joes Alltag eine besondere Magie – unglaubliche Geschehnisse und unerklärliche Vorkommnisse werden zu einem Abenteuer. Auch die Besuche von Treacle Walker halten einige Überraschungen bereit…

„Knochen, Lumpen und Papier! Reibeisen und Geschirr, das gibt der Lumpensammler dafür!“
Joe blickt von seinem Comic auf und lüftet die Augenklappe. Der High Noony ratterte am Haus vorbei. Dieselqualm wehte über den Hof. Es war Mittag. Der Himmel glänzte.“
– Seite 11, eBook


…mit diesen Sätzen beginnt ein wirklich außergewöhnliches Fantasyabenteuer – und man ist sofort mittendrin. Auf nur 160 Seiten entfaltet sich eine Geschichte, die in ihren oft kurzen Kapiteln atmosphärisch dicht und gleichzeitig sehr zügig erzählt wird. Der Erzählstil ist, wie die ganze Handlung sehr speziell. Jeder einzelne Satz ist sehr aussagekräftig, meistens eher kurz gehalten und aufs nötigste reduziert. Oft tauchen ungewöhnliche Ausdrücke auf und manchmal wird gereimt. Hört sich ziemlich wirr an – und genau das ist es auch. Allerdings auf eine wirklich interessante und besondere Art.

„Durch Ritzen und Lücken im Gebälk spukte das Dunkel durchs Haus, drang durch die Traufe nach draußen. Ein Flüstern, eine Stille und auf dem Fußboden schmolz Schnee zu Tränen.“ – Seite 15, eBook


Die Geschichte, die sich nur auf die gerade aktuellen Ereignisse um Joseph Coppock und Treacle Walker bezieht, ist schnell, skurril und voller magischer Momente. Vieles, also das Gerüst drumherum, wurde weggelassen, sodass einige Fragen offenbleiben (z.B. warum Joe alleine lebt). Aber das soll wahrscheinlich genauso sein – man muss die besondere Geschichte einfach auf sich wirken lassen.

Sehr passend und wunderschön gestaltet ist das Cover – es passt zu dieser einzigartigen Geschichte.


Mein Fazit:
Eines der außergewöhnlichsten Fantasybücher, die ich bisher gelesen habe. Auf nur 160 Seiten wird es magisch, abenteuerlich und auch etwas verwirrend – aber auf eine ganz faszinierende Art und Weise. Genauso besonders wie die Story sind auch die Figuren und der Schreibstil - atmosphärisch dicht, aber gleichzeitig schnell erzählt. Ein wirklich interessantes Buch, das ich gerne weiterempfehle.


Meine Bewertung:




Titel: Treacle Walker - Der Wanderheiler
Autor: Alan Garner
Genre: Fantasy
Seitenanzahl: 160
Verlag: Hobbitpresse / Klett Cotta
Erstveröffentlichung: 15. Juli 2023


Eine weitere Rezension findet ihr hier:
Weltenwanderer

Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 16. Juli 2023

Rezension zu "Zirkus der Wunder" von Elizabeth Macneal

 

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Licht und Schatten im Zirkus der Wunder


Südengland, 1866. Die junge Nell, von Muttermalen gezeichnet, wird von den anderen Dorfbewohnern gemieden - bis "Jasper Jupiters Zirkus der Wunder" im Ort kampiert. Nells skrupelloser Vater wittert ein Geschäft und verkauft sie als "Leopardenmädchen" an Jasper. Doch was als traumatische Erfahrung beginnt, scheint sich als Glücksfall zu erweisen: Erstmals findet Nell eine echte Heimat. Sie schließt Freundschaften, verliebt sich in den sensiblen Toby - und wird, als "achtes Weltwunder" gefeiert, zum Star des Zirkus. Doch mit dem Ruhm stellen sich neue Probleme ein.
(Quelle: Inhaltsangabe - Eichborn Verlag)





Nach The Doll Factory ist Zirkus der Wunder der zweite Roman der britischen Autorin Elizabeth Macneal, in dem sie eine außergewöhnliche Geschichte erzählt.

Die neunzehnjährige Nell lebt in einem kleinen Dorf und arbeitet auf einer Blumenfarm. Obwohl die Dorfbewohner sie schon von Kindheit an kennen, meiden sie sie. Denn Nells Körper ist von Muttermalen übersät. Als eines Tages „Jasper Jupiters Zirkus der Wunder“ in dem Ort auftaucht, ändert sich ihr ganzen Leben: Ihr Vater, der viel Geld wittert, verkauft Nell als „Leopardenmädchen“ an Jasper. Zunächst ist Nell schockiert von der Handlung ihres Vaters, doch nach einiger Zeit findet sie im Zirkus Freunde und wird durch ihr außergewöhnliches Äußeres sehr berühmt. Auch lernt sie Toby kennen, Jaspers Bruder, der hinter den Kulissen arbeitet – die beiden nähern sich langsam an.
Doch während der Zirkus immer berühmter und die Vorstellungen immer größer werden, will Jasper noch mehr – bis sein Höhenflug dramatische Ausmaße annimmt…

Die Geschichte ist Mitte des 19. Jahrhunderts in England angesiedelt und wird abwechselnd aus den drei verschiedenen Blickwinkeln von Nell, Jasper und Toby erzählt. Jeder von ihnen hat eigene Sorgen, Ängste, Träume und auch Geheimnisse.
Besonders ist hier der Erzählstil: Mal etwas nüchtern und direkt, gleichzeitig aber auch sehr bildgewaltig, sodass man alles klar vor Augen hat. Zudem fängt die Autorin auch kurze Momentaufnahmen atmosphärisch ein.

"Um die Manege herum sind Hunderte von Lampen angebracht, die ihr rotes, blaues und grünes Licht aussenden. Auf Reifen und Kronleuchtern unter der Decke brennen Talgkerzen, Kiefernzapfen lodern in eisernen Halterungen. Niemals hätte Nell so etwas für möglich gehalten. Es ist ebenso erschreckend wie hinreißend.“
– Seite 35, eBook


Anfangs hat es etwas gedauert, bis ich in die Geschichte reingefunden habe, da die ersten Kapitel etwas abgehackt und fast schon zu kühl wirkten. Glücklicherweise ändert sich das und diese schlichte Art wird überraschend lebendig. Sowohl die Haupt- und Nebencharaktere sind gut beschrieben, auch Nell macht eine große Verwandlung durch.

„Sie spürt eine neue Macht, ein Rauschen tief in ihrem Herzen, als wäre sie zu allem fähig. Als könnte das Mädchen aus der Fotografie durch ein Zelt voller flackernder Laternen schweben und glühende Blicke aus hundert Augen auf sich spüren, ohne sich zu schämen.“ – Seite 94, eBook


Eine sehr unheimliche Figur hingegen ist Jasper, dem der Zirkus gehört: Er ist auf der Suche nach Erfolg, kauft dafür die Menschen mit außergewöhnlichen Merkmalen und stellt sie als Kuriosität aus. Für den Ruhm tut er alles – ohne Rücksicht auf Gefühle und Verluste…
Auch das Verhältnis zwischen den Brüdern Jasper und Toby ist schwierig – neben einer innigen Verbundenheit ist die Geschwisterbeziehung durchzogen von Neid, Verletzungen und einem dunklen Geheimnis, das in der Vergangenheit liegt.

Die Handlung nimmt langsam an Fahrt auf, anfangs noch etwas unscheinbar und unvorhersehbar, wohin alles führen wird – doch nach und nach verbinden sich einzelne Fäden und der Verlauf hält einiges bereit: Schönes und Schreckliches, Licht und Schatten, Ruhm und Fall. Sehr unheimlich zu verfolgen ist die gesellschaftliche Ausgrenzung, der Nell und ihre Kolleginnen täglich ausgesetzt sind.

Lesenswert ist auch die anschließende Anmerkung der Autorin. Von historischen Fakten aus der damaligen Unterhaltungsindustrie, über historische Personen, die in diesem Roman am Rande auftauchen bis hin zu rein fiktiven Elementen – ein sehr informatives Nachwort.

„Eine Geschichte lässt sich auf viele unterschiedliche Arten erzählen.“ – Seite 108, eBook

Mein Fazit: Eine außergewöhnliche Geschichte, die sich nach und nach entfaltet. Der Erzählstil ist abwechslungsreich: Mal nüchtern und direkt, dann wieder etwas träumerisch und bildgewaltig. Die besondere Atmosphäre, die die ganze Story umgibt, ist sehr gelungen: Mal wird es berührend und dann unheimlich, dann packend und dramatisch. Kleine Momentaufnahmen sind gut eingefangen und die Charaktere sehr gut ausgearbeitet. Ein wirklich lesenswertes Buch.


Meine Bewertung:




Titel: Zirkus der Wunder
Autorin: Elizabeth Macneal
Übersetzt von: Eva Bonné
Genre: Roman / Historisches
Seitenanzahl: 432
Verlag: Eichborn
Erstveröffentlichung: 28. Oktober 2022

Mittwoch, 12. Juli 2023

Rezension zu "Die letzten Hexen von Blackbird Castle" von Stefan Bachmann

 

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Von Magie, Geistern und uralten Familiengeheimnissen

Als eine Vogelscheuche über den Gartenzaun klettert und der zwölfjährigen Zita Bridgeborn einen Brief überreicht, beginnt das Abenteuer ihres Lebens. Sie soll ein Schloss geerbt haben und nicht nur das: Eine Hexe soll sie auch noch sein! Doch Zita kennt weder praktische Zaubersprüche, noch hat sie einen fliegenden Besen. Sie weiß auch noch nicht, dass sie bald auf uralte Familiengeheimnisse, Geister und allerhand magische Kreaturen stoßen wird. Kann sie das Erbe von Blackbird Castle retten?
(Quelle: Inhaltsangabe - Diogenes Verlag)





Die letzten Hexen von Blackbird Castle ist der neue Roman von Autor Stefan Bachmann und hält eine besondere, phantastische Geschichte bereit.

Hauptfigur ist die zwölfjährige Zita Bridgeborn, die ihre Kindheit in einem Waisenhaus verbracht hat und seit kurzem als Dienstmädchen arbeitet. Doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als eine Vogelscheuche ihr einen Brief überreicht, der mit einem schwarzen Wachssiegel mit Rabenmotiv verschlossen ist. Dort steht, dass sie die letzte Nachfahrin einer mächtigen Hexenfamilie ist und den Familiensitz – das Schloss Blackbird Castle- geerbt hat. Bisher hatte Zita keine Ahnung davon, dass sie magische Kräfte besitzen soll - neugierig macht sie sich auf den Weg zu dem abgelegenen Ort.
Dort lernt sie eine andere Welt kennen – eine Welt voller Geheimnisse, magischer Kreaturen und Zauberei. Während einige Personen ihr wohlgesinnt sind, gibt es andere, die dunkle Pläne haben…

„Es war der erste Herbsttag, als ich in Black Castle eintraf. Die Bäume leuchteten kupferrot und grün, Kürbisse wuchsen entlang des Straßengrabens, und der Mond war bereits wie ein halbgeschlossenes, silbriges Auge am Abendhimmel erschienen – kurzum, es war der ideale Tag für eine Hexe, um an ihren Familiensitz zurückzukehren.“ (Buchbeginn) – Seite 6, eBook


…schon auf der ersten Seite wird die besondere magische Atmosphäre des Romans deutlich. Die Handlung ist in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Zita Bridgeborn geschrieben, die sich zu einer starken und sympathischen Hauptfigur entwickelt. Nach und nach taucht sie in die magische Welt von Blackbird Castle ein, erfährt einiges über ihre Hexenfamilie und lernt, mit ihren bisher verborgenen magischen Fähigkeiten umzugehen.

„Mit wenigen Tintenstrichen war ich zu einem Teil von etwas geworden. (…) Ich war mir noch nicht sicher, ob ich diesen Platz verdiente. Ich war mir nicht sicher, dass ich in dieses Schloss gehörte, mit seinen hohen Türmen und spitzen Dächern und seinen hunderten magischen Zimmern. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich noch beweisen musste, und das Blackbird Castle genau darauf wartete." - Seite 44, eBook


Die Schauplätze in und rund um Blackbird Castle sind detailreich beschrieben – dort gibt es viel zu entdecken, wie Zita bald herausfindet.
Von Geistern, geheimen Räumen, gefährlichen Flüchen und uralten Familiengeheimnissen – der Jugendfantasy-Roman hat einiges zu bieten. Der Erzählstil ist einfach gehalten, aber gleichzeitig schön detailreich ausgearbeitet - mal leicht unheimlich, etwas düster und im märchenhaften Stil. Auch die Aufgaben und die Magie der Hexen ist hier anders als man vielleicht aus anderen Romanen kennt – genau das macht die Geschichte so interessant.
Besonders im letzten Drittel wird es spannend, sehr magisch und überraschend – vieles ist anders als zunächst gedacht - Zita findet einiges heraus, mit dem sie so nicht gerechnet hat…

„Nichts ist so, wie es scheint.
Das war das Erste, was ich über Hexenhäuser lernte.
“ – Seite 54, eBook



Mein Fazit: Ein gelungener Fantasyroman mit einer besonderen magischen Atmosphäre und spannendem Verlauf. Von tollen Schauplätzen, magischen Kreaturen und unheimlichen Geschehnissen bis hin zu Entdeckungen, die überraschendes ans Licht bringen – auf nur 288 Seiten hat Stefan Bachmann ein schönes Märchen mit leicht düsterer Mystery-Note geschrieben. Packende Jugendfantasy, die man in jedem Alter lesen kann!



Meine Bewertung:





Titel: Die letzten Hexen von Blackbird Castle
Autor: Stefan Bachmann
Übersetzerin: Stefanie Schäfer
Genre: Kinder- / Jugendfantasy / All Age
Seitenanzahl: 288
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 26. April 2023


Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sonntag, 9. Juli 2023

Rezension zu "Unsere Stimmen bei Nacht" von Franziska Fischer

 

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Vom Suchen und Finden und einer ganz besonderen WG


In einer Villa im Berliner Südwesten finden sich sechs Menschen zu einer ungewöhnlichen WG zusammen – aus Geldmangel, aus Einsamkeit, auf der Suche nach einer raschen Lösung. Die fünfundfünfzigjährige Gloria kocht für alle – und sie kocht hervorragend –, nur ihr griesgrämiger Ehemann Herbert war von vornherein dagegen, dass sich andere Menschen in ihrem Heim einnisten. Als Erstes Chemieprofessor Gregor mit seiner Tochter Alissa, die permanent schlecht gelaunt unter der Trennung ihrer Eltern leidet. Wenigstens reißt sich Alissa zusammen, wenn sie sich in Herberts hauseigenem Antiquariat aufhält. Dann ist da noch Jay, ein Student, der sich dagegen sträubt, die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen, und bemüht ist, Herbert den Internetversandhandel nahezubringen.

Schließlich zieht Lou-Ann, genannt Lou, in die Villa ein. Mit Mitte dreißig hätte sie längst irgendwo ankommen müssen, doch stattdessen ist in ihrem Leben alles ungeplant und unfertig. Vielleicht ist sie gerade deshalb diejenige, die all die um sich selbst kreiselnden Gestalten zusammenbringt. Etwas verschiebt sich in dem Gefüge. Die Zweckgemeinschaft wird zur Wahlfamilie, aber das Konstrukt ist zerbrechlich.
(Quelle: Inhaltsangabe - DuMont Verlag)



Unsere Stimmen bei Nacht ist der neue Roman von der Autorin Franziska Fischer und die besondere Geschichte von sechs Personen, die in einer außergewöhnlichen WG zusammenfinden.

Seit die Kinder aus dem Haus sind, leben Gloria und Herbert allein in ihrer viel zu großen Berliner Stadtvilla. Daher beschließen sie, die leeren Zimmer zu vermieten. Während Herbert, der im Erdgeschoss ein Antiquariat betreibt, nicht ganz damit einverstanden ist, das plötzlich Fremde in seinem Haus leben, genießt Gloria die neue Gesellschaft.
Ihre neuen Mitbewohner könnten unterschiedlicher nicht sein: Der Vater Gregor mit seiner sechzehnjährigen Tochter Alissa, der Student Jay und zuletzt Lou, die noch nach dem richtigen Ort in ihrem Leben sucht. Zunächst scheinen alle WG-Bewohner in ihren eigenen Welten zu leben, doch nach und nach ändert sich etwas in der Gruppe…

„Die Dämmerung klammerte sich an den schwermütigen Morgen, wie um ihn zu beschützen, und hüllte die Straße in dunstig-graues Licht.“ – Seite 8, eBook


Von der ersten Seite an hat mir der detaillierte und ruhige Schreibstil gefallen. Zunächst schildert die Autorin das Ankommen von Lou – und in dem Zuge lernen wir nach und nach die anderen Bewohner kennen. Jeder hat mit etwas zu kämpfen – im Laufe der Handlungen werden die Sorgen, Ängste und Probleme sichtbar. Die Blickwinkel ändern sich innerhalb der einzelnen Kapitel regelmäßig. Zunächst musste ich mich dran gewöhnen, das in einem Satz noch Lous Gedanken geschildert werden und im nächsten die von Gloria, die ganz eigene Sorgen hat. Doch diese stetigen Wechsel passen sehr gut zu der Geschichte.

„Zeit verlief nie gleichförmig, sie war ein großes Durcheinander aus Jetzt und Gestern und Morgen, sie war alles gleichzeitig, ein einziger Strudel aus so vielen Ebenen, dass Gloria schwindelig wurde.“ – Seite 159, eBook


Sehr gelungen sind auch die Beschreibungen der Schauplätze. Der Charme der alten Berliner Stadtvilla, der etwas verwilderte Garten und die Veränderungen durch die Jahreszeiten kommen durch die manchmal leicht poetische Note sehr gut zur Geltung. Kleine Momentaufnahmen, sowohl von gemeinsamen Momenten als auch ganz persönliche Augenblicke von jedem Einzelnen – alles passt perfekt zusammen.

„Sie wäre auch allein losgegangen, doch manche Tage wurden größer, wenn sie sie mit den richtigen Menschen teilte. (…)
Manchmal ist jeder Schritt eine Geschichte, jedes Lachen eine Erzählung, jedes Wort ein Roman, dachte Lou.“
– Seite 114, eBook


Es ist ein eher leiser Roman mit einer übersichtlichen Handlung, zugleich aber mit einer gewissen Tiefe und toll ausgearbeiteten Charakteren. Nach und nach kommen auch ein paar Geheimnisse ans Licht und zeigen, warum jeder gerade irgendwie in seinem Leben feststeckt. Auch der Umgang miteinander, sowie die Gespräche sind interessant zu verfolgen.


Mein Fazit: Ein leises und sehr gelungenes Buch. Atmosphärisch dicht und zugleich leicht erzählt die Autorin aus den unterschiedlichen Leben von sechs Personen, die in einer außergewöhnlichen WG in einer Berliner Stadtvilla zusammengefunden haben. Nach und nach entwickelt sich die Geschichte – mit toll ausgearbeiteten Charakteren und detailliert beschrieben Schauplätzen. Ein Roman, der mit seiner Schlichtheit und leisen Tönen überzeugt – sehr lesenswert!



Meine Bewertung:




Titel: Unsere Stimmen bei Nacht
Autorin: Franziska Fischer
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 300
Verlag: DuMont
Erstveröffentlichung: 17. Mai 2023

Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!