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Licht und Schatten im Zirkus der Wunder
Südengland, 1866. Die junge Nell, von Muttermalen gezeichnet, wird von den anderen Dorfbewohnern gemieden - bis "Jasper Jupiters Zirkus der Wunder" im Ort kampiert. Nells skrupelloser Vater wittert ein Geschäft und verkauft sie als "Leopardenmädchen" an Jasper. Doch was als traumatische Erfahrung beginnt, scheint sich als Glücksfall zu erweisen: Erstmals findet Nell eine echte Heimat. Sie schließt Freundschaften, verliebt sich in den sensiblen Toby - und wird, als "achtes Weltwunder" gefeiert, zum Star des Zirkus. Doch mit dem Ruhm stellen sich neue Probleme ein.
(Quelle: Inhaltsangabe - Eichborn Verlag)
Nach The Doll Factory ist Zirkus der Wunder der zweite Roman der britischen Autorin Elizabeth Macneal, in dem sie eine außergewöhnliche Geschichte erzählt.
Die neunzehnjährige Nell lebt in einem kleinen Dorf und arbeitet auf einer Blumenfarm. Obwohl die Dorfbewohner sie schon von Kindheit an kennen, meiden sie sie. Denn Nells Körper ist von Muttermalen übersät. Als eines Tages „Jasper Jupiters Zirkus der Wunder“ in dem Ort auftaucht, ändert sich ihr ganzen Leben: Ihr Vater, der viel Geld wittert, verkauft Nell als „Leopardenmädchen“ an Jasper. Zunächst ist Nell schockiert von der Handlung ihres Vaters, doch nach einiger Zeit findet sie im Zirkus Freunde und wird durch ihr außergewöhnliches Äußeres sehr berühmt. Auch lernt sie Toby kennen, Jaspers Bruder, der hinter den Kulissen arbeitet – die beiden nähern sich langsam an.
Doch während der Zirkus immer berühmter und die Vorstellungen immer größer werden, will Jasper noch mehr – bis sein Höhenflug dramatische Ausmaße annimmt…
Die Geschichte ist Mitte des 19. Jahrhunderts in England angesiedelt und wird abwechselnd aus den drei verschiedenen Blickwinkeln von Nell, Jasper und Toby erzählt. Jeder von ihnen hat eigene Sorgen, Ängste, Träume und auch Geheimnisse.
Besonders ist hier der Erzählstil: Mal etwas nüchtern und direkt, gleichzeitig aber auch sehr bildgewaltig, sodass man alles klar vor Augen hat. Zudem fängt die Autorin auch kurze Momentaufnahmen atmosphärisch ein.
"Um die Manege herum sind Hunderte von Lampen angebracht, die ihr rotes, blaues und grünes Licht aussenden. Auf Reifen und Kronleuchtern unter der Decke brennen Talgkerzen, Kiefernzapfen lodern in eisernen Halterungen. Niemals hätte Nell so etwas für möglich gehalten. Es ist ebenso erschreckend wie hinreißend.“ – Seite 35, eBook
Anfangs hat es etwas gedauert, bis ich in die Geschichte reingefunden habe, da die ersten Kapitel etwas abgehackt und fast schon zu kühl wirkten. Glücklicherweise ändert sich das und diese schlichte Art wird überraschend lebendig. Sowohl die Haupt- und Nebencharaktere sind gut beschrieben, auch Nell macht eine große Verwandlung durch.
„Sie spürt eine neue Macht, ein Rauschen tief in ihrem Herzen, als wäre sie zu allem fähig. Als könnte das Mädchen aus der Fotografie durch ein Zelt voller flackernder Laternen schweben und glühende Blicke aus hundert Augen auf sich spüren, ohne sich zu schämen.“ – Seite 94, eBook
Eine sehr unheimliche Figur hingegen ist Jasper, dem der Zirkus gehört: Er ist auf der Suche nach Erfolg, kauft dafür die Menschen mit außergewöhnlichen Merkmalen und stellt sie als Kuriosität aus. Für den Ruhm tut er alles – ohne Rücksicht auf Gefühle und Verluste…
Auch das Verhältnis zwischen den Brüdern Jasper und Toby ist schwierig – neben einer innigen Verbundenheit ist die Geschwisterbeziehung durchzogen von Neid, Verletzungen und einem dunklen Geheimnis, das in der Vergangenheit liegt.
Die Handlung nimmt langsam an Fahrt auf, anfangs noch etwas unscheinbar und unvorhersehbar, wohin alles führen wird – doch nach und nach verbinden sich einzelne Fäden und der Verlauf hält einiges bereit: Schönes und Schreckliches, Licht und Schatten, Ruhm und Fall. Sehr unheimlich zu verfolgen ist die gesellschaftliche Ausgrenzung, der Nell und ihre Kolleginnen täglich ausgesetzt sind.
Lesenswert ist auch die anschließende Anmerkung der Autorin. Von historischen Fakten aus der damaligen Unterhaltungsindustrie, über historische Personen, die in diesem Roman am Rande auftauchen bis hin zu rein fiktiven Elementen – ein sehr informatives Nachwort.
„Eine Geschichte lässt sich auf viele unterschiedliche Arten erzählen.“ – Seite 108, eBook
Mein Fazit: Eine außergewöhnliche Geschichte, die sich nach und nach entfaltet. Der Erzählstil ist abwechslungsreich: Mal nüchtern und direkt, dann wieder etwas träumerisch und bildgewaltig. Die besondere Atmosphäre, die die ganze Story umgibt, ist sehr gelungen: Mal wird es berührend und dann unheimlich, dann packend und dramatisch. Kleine Momentaufnahmen sind gut eingefangen und die Charaktere sehr gut ausgearbeitet. Ein wirklich lesenswertes Buch.
Meine Bewertung:
Titel: Zirkus der Wunder
Autorin: Elizabeth Macneal
Übersetzt von: Eva Bonné
Genre: Roman / Historisches
Seitenanzahl: 432
Verlag: Eichborn
Erstveröffentlichung: 28. Oktober 2022

Schönen guten Morgen!
AntwortenLöschenDas hört sich wirklich nach einer außergewöhnlichen Geschichte an - an sich mag ich es ja, wenn sich etwas langsam aufbaut und einen dann so richtig in den Bann zieht. Werde ich mir mal auf die Merkliste setzen :)
Liebste Grüße, Aleshanee
Hallo liebe Aleshanee,
Löschendieses Buch wollte ich schon lange lesen, es ist wirklich besonders. Ich möchte auch noch ihr erstes Buch "The Doll Factory" lesen, das scheint auch eine unheimliche Atmosphäre zu haben.
Viele liebe Grüße
Nicole