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Das Tal zwischen Vergangenheit und Zukunft
Dieses Tal ist ein besonderer Ort. Geht man nach Osten oder Westen, stößt man auf die gleichen Häuser, Hügel, Straßen – doch alles ist zwanzig Jahre zeitversetzt. Nur in Trauerfällen dürfen die Grenzen passiert werden. Als die junge Odile in Besuchern aus der Zukunft die Eltern ihres Freundes Edme erkennt, weiß sie, dass er bald sterben wird. Was wäre, wenn Odile das ihr auferlegte Schweigen bricht? Ein bewegendes und außergewöhnliches Debüt über Freiheit und die Macht des Schicksals.
(Quelle: Inhaltsangabe - Diogenes Verlag)
Das andere Tal ist der Debütroman von Scott Alexander Howard und überzeugt mit einer außergewöhnlichen Geschichte und schöner Schreibweise.
Hauptfigur hier ist die anfangs sechzehnjährige Odile Ozanne, die in einem besonderen Tal lebt. Denn dieses Tal ist eines von vielen Identischen, die aneinandergereiht sind – im Westen geht es in die Vergangenheit und im Osten in die Zukunft, mit Sprüngen von je zwanzig Jahren. Das Übertreten der ständig bewachten Grenzen oben in Gebirgszügen ist strengstens verboten. Nur bei Trauerfällen darf die Grenze nach einem sorgfältig geprüften Antrag überschritten werden – um die Verstorbenen noch ein letztes Mal zu sehen.
Odile, die ein eher schüchternes und einsames Mädchen ist, steht gerade vor der Berufswahl und bewirbt sich auf Wunsch ihrer Mutter um eine Ausbildungsstelle im Conseil, wo viele wichtige Entscheidungen getroffen werden, u.a. auch über die Besuchsanträge für die Nachbartäler. Doch eines Tages macht sie eine erschreckende Entdeckung: Unter den eigentlich immer verhüllten Besuchern aus der Zukunft erkennt sie die Eltern von Edme Pier. Gerade hat sie in dem sympathischen Jungen einen Freund gefunden, für den sie auch Gefühle entwickelt hat – die Gewissheit, dass er womöglich bald sterben wird lastet schwer auf sie. Denn Odile ist es verboten, darüber zu sprechen. Doch was würde passieren, wenn sie ihr Schweigen bricht oder ins Geschehen eingreift?
„Momentan versuche ich die ferne Zukunft in die Dunkelheit zu drängen, wo ich mich ihr noch nicht stellen musste. Was sollte man sonst tun mit einer Gewissheit, die zugleich unfassbar war, einer Trauer, über die ich nicht sprechen durfte?“ – Seite 97, eBook
…dieses ist tatsächlich nur ein kleiner Einblick in die Geschichte, die sich interessant und manchmal auch überraschend entwickelt. Schon auf den ersten Seiten wird der angenehme Schreibstil sichtbar: sehr ruhig, doch gleichzeitig detailreich und mit einer besonderen Tiefe erzählt der Autor eine Geschichte mit einem außergewöhnlichen Szenario. Die Handlung ist in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Odlie Ozanne geschrieben, wodurch man nicht nur die junge Frau und ihr Umfeld kennenlernt, sondern auch nach und nach mehr über das besondere Tal erfährt.
Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt, mit einem Zeitsprung von mehreren Jahren. Dadurch lernen wir Odile zunächst als Teenager und später als erwachsene Frau kennen – es wird sehr klar beschrieben, wie ihr weiterer Lebensweg verlaufen ist, mit welchen Wünschen, Sorgen und Problemen sie zu kämpfen hat. Es gibt einige überraschende Entscheidungen und natürlich ist Edme nie ganz verschwunden…
„Ich war atemlos und rannte trotzdem weiter. Ich hielt erst inne, als ich den Zaun vor mir aus dem Berg aufragen sah, im Sonnenlicht grell aufblitzender, silberner Stacheldraht, ein Himmel aus Messern.“ – Seite 155, eBook
Nebenher wird auch die Lebensweise der Menschen im Tal immer deutlicher – auch wie alles funktioniert, wie Reisen in die Nachbartäler ablaufen und natürlich die strengen Regeln, die alles umgeben. Es ist eine Mischung aus einer Art Zeitreise und einer leicht dystopischen Note ohne Science-Fiction, gleichzeitig aber auch ein sehr ruhiger Roman mit philosophischen und manchmal leicht poetischen Beschreibungen. Manches bleibt bewusst wage und lässt Platz für eigene Interpretationen, was hier sehr gut passt.
Nur ab und an gab es Momente, wo die Geschichte nicht richtig vom Fleck kam, doch dieses ist nur ein kleiner Kritikpunkt. Am Ende des Romans gibt es noch ein sehr lesenswertes Interview mit dem Autor, der schon an seinem zweiten Roman arbeitet.
„Das Licht des Sonnenuntergangs füllte den Salon, tauchte die Wände in seine Farbe. In der Dämmerung wurden die verbleibenden Schülerinnen und Schüler zu Schattengestalten: gebeugt vor Fürsorge im Raum der goldenen Trauer.“ – Seite 148, eBook
Mein Fazit: Ein bemerkenswertes Debüt mit einer außergewöhnlichen Geschichte und schöner Schreibweise. Eher ruhig und doch mit einer besonderen Tiefe erzählt der Autor von einem Tal zwischen Vergangenheit und Gegenwart und entwickelt hier ein sehr interessantes Szenario. Mal philosophisch und leicht poetisch, dann bewegend und etwas dystopisch, aber ohne Science-Fiction. Ein besonderer Roman – ich hoffe, dass wir von dem Autor noch einiges lesen werden.
Meine Bewertung:
Titel: Das andere Tal
Autor: Scott Alexander Howard
Übersetzt von: Anke Caroline Burger
Genre: Roman
Seitenanzahl: 464
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 20. März 2024
Vielen Dank an den Diogenes-Verlag
und Netgalley
für das Rezensionsexemplar!

