Freitag, 21. Januar 2022

Rezension zu "Zum Paradies" von Hanya Yanagihara

 

Zum Buch
Drei Jahrhunderte, drei Leben und die Sehnsucht nach dem Paradies

1893, in einem Amerika, das anders ist, als wir es aus den Geschichtsbüchern kennen: New York gehört zu den Free States, in denen die Menschen so leben und so lieben, wie sie es möchten – so jedenfalls scheint es. Ein junger Mann, Spross einer der angesehensten und wohlhabendsten Familien, entzieht sich der Verlobung mit einem standesgemäßen Verehrer und folgt einem charmanten, mittellosen Musiklehrer.
1993, in einem Manhattan im Bann der AIDS-Epidemie: Ein junger Hawaiianer teilt sein Leben mit einem deutlich älteren, reichen Mann, doch er verschweigt ihm die Erschütterungen seiner Kindheit und das Schicksal seines Vaters.
2093, in einer von Seuchen zerrissenen, autoritär kontrollierten Welt: Die durch eine Medikation versehrte Enkelin eines mächtigen Wissenschaftlers versucht ohne ihn ihr Leben zu bewältigen – und herauszufinden, wohin ihr Ehemann regelmäßig an einem Abend in jeder Woche verschwindet.

Drei Teile, die sich zu einer aufwühlenden, einzigartigen Symphonie verbinden, deren Themen und Motive wiederkehren, nachhallen, einander vertiefen und verdeutlichen: Ein Town House am Washington Square. Krankheiten, Therapien und deren Kosten. Reichtum und Elend. Schwache und starke Menschen. Die gefährliche Selbstgerechtigkeit von Mächtigen und von Revolutionären. Die Sehnsucht nach dem irdischen Paradies – und die Erkenntnis, dass es nicht existiert. Und all das, was uns zu Menschen macht: Angst. Liebe. Scham. Bedürfnis. Einsamkeit.
(Quelle: Auszug aus dem Klappentext - Claassen-Verlag)



Im Jahr 2017 habe ich Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara gelesen – nach diesem beeindruckenden Roman war ich ziemlich gespannt auf ihr neues Werk. In Zum Paradies spannt die Autorin auf knapp 900 Seiten einen Bogen um einen Zeitraum von insgesamt 200 Jahren. Diese schließen drei Jahrhunderte mit ein, immer angesiedelt im Jahr ´93.
Aufgeteilt in drei Abschnitte beginnt die erste Geschichte im Jahr 1893 – in einem Amerika, das anders ist. New York gehört zu den Free States, in dem jeder so leben und lieben kann, wie er mag. Im Mittelpunkt steht ein 28-jähriger Mann, der einmal ein reicher Erbe sein wird, aber mit seinem Schicksal hadert und vor der größten Entscheidung seines Lebens steht.

„Er kam von einem anderen Ort, einer anderen Existenz, und indem er sein Leben mit David teilte, hatte er Davids eigenes Leben unversehens reicher gemacht, tiefgründiger und seliger und mysteriöser, alles auf einmal.“ (Buch I) – Seite 80, eBook


Im Jahr 1993 geht wieder nach New York zum Washington Square, auch Hawaii spielt hier eine zentrale Rolle. Hier geht es um einen jungen Mann, der zusammen mit einem älteren Mann in dessen vornehmen Umfeld lebt, ihm aber einige Details aus seiner Familie und seiner Kindheit auf Hawaii verschwiegen hat. Ein schwerer Abschied steht bevor, und dann erreicht ihn noch ein Brief…

"Eine Zeit lang saß er auf dem Sofa in dem verdunkelten Wohnzimmer und hielt den Brief in beiden Händen. Dies war sein letzter Augenblick des Nichtwissens, des Leugnens, und er wollte nicht, dass er zu Ende ging. Schließlich aber schaltete er die Lampe ein, nahm das Blatt Papier heraus und las, was darauf stand.“
(Buch II) – Seite 271, eBook


Im dritten Abschnitt geht es ins Jahr 2093 - in ein New York, in dem vom damaligen freien Leben nichts mehr geblieben ist. Epidemien und Krankheiten habe die letzten Jahrzehnte bestimmt, Verbote und absolute Kontrolle sind zum Alltag geworden. Hauptfigur hier ist eine junge Frau, die in ihrer Kindheit schwer erkrankt ist – ihr Großvater ist nie von ihrer Seite gewichen. Heute erinnert sich die Enkelin zurück an die Momente mit ihm – zugleich weiß sie, das drastische Änderungen bevorstehen…

„Draußen war der Square so belebt wie immer, als wäre gar nicht Ehrentag, und ich schloss mich der Gruppe von Leuten an, die immer wieder um ihn herumging, und spürte, wie ich dabei immer ruhiger wurde. Ich fühlte mich weniger allein unter ihnen, auch wenn wir alle nur zusammen waren, weil wir alle allein waren.“ (Buch III) – Seite 472, eBook


Dieses sind nur kleine Einblicke in den umfangreichen Roman, deren einzelne Abschnitte Lebenswege und -entwicklungen erzählen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Dennoch sind diese durch lange Fäden miteinander verbunden – oft manchmal nicht richtig greifbar.
Einiges wiederum ist klar und wiederholend – wie etwa ein Haus am Washington Square und die Namen der Charaktere.

Von historisch bis dystopisch – in unterschiedlichen Szenarien, die nach und nach ein Gesamtbild ergeben, stehen die Schicksale einzelner Personen und ihre Lebensgeschichten im Mittelpunkt: Vergangenes und Aktuelles, mit der Suche nach Glück, Anerkennung, Frieden und Sicherheit. Jeder von ihnen trifft Entscheidungen, die teils überraschend sind und die ihr zukünftiges Leben sehr verändern wird.

Detailreich, sensibel und berührend schildert die Autorin die jeweiligen Lebenswege. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet – jeder ihrer Gedanken, Handlungen, Träume und Ängste werden beschrieben – von Glück und Leid, Hass und Liebe bis hin zu Reichtum und Armut.
Das Einzige, was ich schade fand, dass die einzelnen Abschnitte viel zu abrupt enden. Einiges bleibt rätselhaft und wird auch nicht richtig greifbar.
Am besten gefallen hat mir hier die erste Geschichte aus dem Jahr 1893 – der einnehmende Schreibstil erinnerte mich hier sehr an Ein wenig Leben.

Mein Fazit
: Ein außergewöhnlicher Roman mit drei Geschichten in drei Jahrhunderten: Sehr besonders, detailreich, berührend und einnehmend. Sehr gut ausgearbeitete Charaktere mit Lebenswegen und in Szenarien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Beschreibungen sind der Autorin sehr gelungen.
Einen Stern ziehe ich ab, da manches etwas abrupt endete und rätselhaft bleibt. Ansonsten ein starker und sehr außergewöhnlicher Roman – lesenswert!


Meine Bewertung:




Titel: Zum Paradies
Autorin: Hanya Yanagihara
Genre: Drama / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 896
Verlag: Claassen / Ullstein-Buchverlage
Erstveröffentlichung: 11. Januar 2022

Vielen Dank an die Ullstein Buchverlage und Netgalley für das Rezensionsexemplar!


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