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Vom Gehen und Bleiben
Zwischen Lev und Kato besteht seit ihren Kindertagen eine besondere Verbindung. Doch die Öffnung der europäischen Grenzen weitet ihre Lebensentwürfe und verändert ihre Beziehung für immer. Voller Schönheit und Hingabe erzählt Iris Wolff in ihrem großen neuen Roman von zeitloser Freundschaft und davon, was es braucht, um sich von den Prägungen der eigenen Herkunft zu lösen.
Als der elfjährige Lev über Wochen ans Bett gefesselt ist, wird ausgerechnet die gescheite, aber von allen gemiedene Kato zu ihm ans Krankenbett geschickt, um ihm die Hausaufgaben zu bringen. Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine unverbrüchliche Verbindung, die Lev aus seiner Versteinerung löst und den beiden Heranwachsenden im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien einen Halt bietet. Ein halbes Leben später läuft Lev noch immer die Pfade ihrer Kindheit ab, während Kato schon vor Jahren in den Westen aufgebrochen ist. Geblieben sind Lev nur ihre gezeichneten Postkarten aus ganz Europa. Bis ihn eines Tages eine Karte aus Zürich erreicht, darauf nur ein einziger Satz: "Wann kommst du?" (Quelle: Inhaltsangabe - Klett Cotta Verlag)
Nachdem mir im Jahr 2020 Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff so gut gefallen hatte, war ich sehr gespannt auf ihren neuen Roman. Auch dieser überzeugt mit einer einzigartigen Erzählweise.
Die Hauptfiguren sind Lev und Kato, wobei die Geschichte aus Levs Sicht erzählt wird. Jedoch spielt Kato in dessen Leben aber immer wieder eine zentrale Rolle. Ihre Freundschaft beginnt, als Lev elf Jahre alt ist und für längere Zeit ans Bett gefesselt ist. Kato wird damit beauftragt, ihm regelmäßig die Hausaufgaben zu bringen. Dabei entsteht zwischen den beiden so unterschiedlichen Kindern eine enge Freundschaft, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Jedoch entwickeln sich ihre Lebenswege unterschiedlich: Kato zieht es hinaus in die Welt, Lev bleibt in Rumänien und hängt seinen Kindheitserinnerungen nach. Von Kato sind ihm einzig die vielen Postkarten geblieben, die sie ihm aus ganz Europa geschickt hat.
„Du hättest zurücksehen müssen, dachte er, allein um zu wissen, ob sie sich nach die umgewandt hat.“ – Seite 49, eBook
Bis eines Tages eine Karte aus Zürich kommt, mit einer einzigen Frage: Wann kommst du?
Schafft es Lev, sich auf den Weg zu machen?
Die Antwort auf diese Frage bekommt man bereits ganz am Anfang des Romans. Denn das Besondere hier ist, dass die Autorin die Geschichte rückwärts erzählt – von den aktuellen Geschehnissen bis zurück in Levs früheste Kindheit. Die Kapitel sind ebenfalls absteigend – von neun bis eins. Somit erzählt jedes Kapitel einen besonderen Abschnitt aus Levs Leben – meist sehr berührend und mit detaillierten Momentaufnahmen.
„Wolken zogen auf, die Straße wurde dunkel.
In dieser Dunkelheit ließ sich die Distanz besser überwinden zwischen Zugehörigkeit und Fremdsein, Erinnern und Vergessen.“ – Seite 31, eBook
An diese Besonderheit musste ich mich erst gewöhnen, da manche Geschehnisse und verschiedene Personen zunächst rätselhaft sind, sich aber dann, mit Blick in die Vergangenheit klären und somit ein komplettes Bild ergeben. Eine sehr interessante Leseerfahrung.
Wie schon bei ihrem Roman Die Unschärfe der Welt wird bereits auf den ersten Seiten der einzigartige Schreibstil sichtbar: Atmosphärisch dicht und leicht poetisch, gleichzeitig mit einer besonderen Ruhe erzählt Iris Wolff die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft. Der Roman ist eher leise, aber detailreich und oft berührend. Ob einzelne Momentaufnahmen von Menschen, Tieren, Umgebung oder Natur – alles ist in deinem wundervollen Stil erzählt.
„In allem gab es diese Dunkelstellen, wo die Erfahrung aufhörte und die Erinnerung anfing. Etwas blieb, und etwas ging verloren, manches schon im Augenblick des Geschehens, und wie sehr man sich auch bemühte, es tauchte nie wieder auf. Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen. Man begegnete ihnen nur zufällig und wusste nie, was man darin fand.“ – Seite 67, eBook
Auch das Cover ist wunderschön gestaltet und sehr passend gewählt.
Mein Fazit: Ein besonderer Roman mit einem einzigartigen Erzählstil: Atmosphärisch dicht und leicht poetisch, gleichzeitig ruhig und klar erzählt Iris Wolff die Geschichte einer Freundschaft – über die Grenzen hinweg. Die Charaktere sind hier sehr gut gezeichnet. Die Geschichte wird rückwärts erzählt und ist zunächst manchmal etwas rätselhaft: Angefangen mit der Gegenwart geht es Kapitel für Kapitel zurück bis in Levs Kindheit, wo sich schließlich alles zusammenfügt. Zunächst sehr ungewohnt, aber gleichzeitig auch sehr passend zur Geschichte, die etwas episodenhaft erzählt wird. Ein wunderbares und auch besonderes Leseerlebnis.
Meine Bewertung:
Titel: Lichtungen
Autorin: Iris Wolff
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 256
Verlag: Klett Cotta
Erstveröffentlichung: 13. Januar 2024
Vielen Dank an Klett-Cotta
und Netgalley
für das Rezensionsexemplar!

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