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Zwischen Leben, Liebe und dem Ehealltag
Als Jack und Elizabeth 1993 ein Paar werden, spricht alles gegen sie. Doch der junge Fotograf mit den bäuerlichen Wurzeln und die Psychologiestudentin aus gutem Hause heiraten – und erleben in der vibrierenden Kunstszene Chicagos aufregende erste Jahre. Doch nicht alles läuft glatt. Inmitten von Achtsamkeitsseminaren, polyamourösen Bekanntschaften und schrillen Immobilienträumen droht ihre Ehe zu scheitern. Und schließlich müssen sich diese nicht mehr ganz so jungen Träumer den Dämonen ihrer Vergangenheit stellen, wenn sie nicht das Wertvollste verlieren wollen: einander. Von den Absurditäten moderner Technologie bis zur perfekten Kindererziehung legt Nathan Hill unser Leben bloß und stößt auf tiefe Wahrheiten über Liebe, Intimität und Nähe. (Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Piper-Verlag)
Von Nathan Hill ist mir noch gut sein Debütroman Geister in Erinnerung geblieben, der im Jahr 2016 veröffentlicht wurde. Hier hat mir die präzise Zeichnung der Figuren und sein besonderer Erzählstil sehr gut gefallen. Auch in seinem zweiten Roman „Wellness“ überzeugt der Autor wieder mit seiner Erzählweise.
Die Hauptfiguren sind Jack Baker und Elizabeth Augustine, die sich im Jahr 1993 in Chicago kennenlernen und ein Paar werden. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein: Er ist auf einer Ranch im ländlichen Kansas aufgewachsen und sie kommt aus einer reichen Familie. Doch beide sind sie aus ihren jeweiligen Leben nach Chicago geflüchtet. Jack ist Fotograf, Elizabeth studiert Psychologie – und sie scheinen sich gesucht und gefunden zu haben.
Gut einundzwanzig Jahre später, im Jahr 2014 sind sie ein verheiratetes Paar und im Alltag gefangen. Während der Kauf einer exklusiven Wohnung die kleine Familie umkreist, haben sowohl Jack als auch Elizabeth mit eigenen Sorgen und Problemen zu kämpfen. Und hoffen gleichzeitig, dass sie einander in dem ganzen Chaos des Lebens einander nicht verlieren…
Schon auf den ersten Seiten wird der detaillierte, präzise und klare Schreibstil sichtbar – ob es die perfekte Ausarbeitung der Charaktere ist, die Atmosphäre der jeweiligen Zeitebenen, die unterschiedlichen Schauplätze oder kleinste Momentaufnahmen – alles ist auf unterhaltsame und auch fesselnde Weise geschrieben.
Gleich zu Anfang des Romans wird Jacks Streifzug durch ein altes ehemaliges Fabrikgebäude auf beeindruckende Weise geschildert. Er hat die Aufgabe, den verfallenen und desolaten Zustand des Gebäudes vor einer umfangreichen Renovierung auf Fotos festzuhalten:
„Er bleibt stehen, als ihm etwas ins Auge fällt: ein Sonnenstrahl auf einer Wand. Der Lichtstreifen bescheint die abblätternde, von Tausenden winzigen Rissen und Fissuren durchzogenen Wandfarbe. Sie ist vor hundert Jahren aufgetragen worden, doch jetzt befreit sie sich. (…)
Diese Wandfarbe sieht genauso aus wie die zerrissene Erde, und er fotografiert sie in einem schiefen Winkel, damit der Blick des Betrachters in die durchfurchte Tiefe gezogen wird. Es ist weniger ein Foto von etwas als vielmehr ein Foto über etwas: über Zeit, Veränderung, Transfiguration." - Seite 19, eBook
Die zentralen Zeitebenen sind hier die Jahre 1993 und 2014. Damals geht es um das Kennenlernen, den Freundeskreis und die Kunstszene in Chicago, später um die Kindererziehung, moderne und etwas schräge Apps, die Folgen von Algorithmen sowie um Klassenunterschiede. Auch die Forschung des Placeboeffekts ist eines der vielen Themen. Zudem geht es auch um alltägliche, kleine Dinge, die schnell zu etwas Großem werden können.
Darin eingebettet sind immer wieder Rückblicke in die Kindheiten von Jack und Elisabeth. Nach und nach setzt sich so ein Gesamtbild zusammen, das an manchen Stellen überraschend und auch dramatisch ist. Erst durch diese vielen Puzzleteile bekommt man einen genauen Einblick in zwei verschiedene Lebenswege und vieles, was vorher unscheinbar war, wird umso klarer.
Sie lächelte. „Hinter diesen Hügeln liegt die ganze Welt“, sagte sie. „Eines Tages wirst du sie sehen. Eines Tages wirst du herausfinden, wohin du gehörst.“ (Evelyn zu Jack, 1984) - Seite 309, eBook
„Du musst nicht das sein, was die Leute von dir erwarten“, sagte sie. Du kannst der sein, der du wirklich bist, in deinem Inneren“ – sie setzte ihm eine Fingerspitze auf die Brust -, in deinem Herzen.“ (Evelyn zu Jack) – Seite 505, eBook
Die über 730 Seiten starke Geschichte wird auf besondere Weise ruhig und fast schon etwas unaufgeregt erzählt – jedoch mit einem gewissen Etwas. Die Geschehnisse, die manchmal auch nur alltäglich sind, sind meist interessant zu verfolgen. Natürlich gibt es im Verlauf auch mal einige Ausschweifungen und man braucht etwas Geduld, jedoch findet der Autor immer wieder zurück in die Spur.
Es wird psychologisch und auch mal philosophisch, mal ernst und berührend und auch mal etwas schräg – alles ist sehr gut aufeinander abgestimmt und sämtliche Thematiken lassen sich gut verfolgen. Auch, was es mit dem Buchtitel Wellness auf sich hat, wird im Laufe der Handlung enthüllt.
Mein Fazit: Nathan Hills neuer Roman überzeugt mit einer beeindruckenden Figurenzeichnung einem einnehmenden Schreibstil. Ausführlich und detailliert schildert er die Lebenswege zweier Figuren – von den verschiedenen Kindheiten bis hin zu ihrem Ehealltag. Dazwischen sind noch viele weitere Themen eingebaut. Es wird bewegend und auch mal ernst, mal interessant und unterhaltsam und auch auf besondere Weise fesselnd und überraschend. Das Ende ist stimmig. Atmosphärisch dicht und sehr lesenswert!
Meine Bewertung:
Titel: Wellness
Autor: Nathan Hill
Übersetzt von: Dirk von Gunsteren, Stephan Kleiner
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 736
Verlag: Piper
Erstveröffentlichung: 02. Januar 2024
Vielen Dank an den Piper-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

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