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Das Vergehen der Zeit…
Ralph Krass – so heißt ein verschwenderisch großzügiger Geschäftsmann, der Menschen mit kannibalischem Appetit verbraucht. Ist er unendlich reich oder nur ein Hochstapler, kalt berechnend, oder träumt er hemmungslos? Er will sich seine Gesellschaft kaufen, immer nur selbst der Schenkende sein. Als in Neapel Lidewine in seinen Kreis tritt – eben noch die Assistentin eines Zauberers, eine junge Abenteurerin –, bietet er ihr einen ungewöhnlichen Pakt an. Beobachtet wird das Ganze von seinem Sekretär, dem Pechvogel Dr. Jüngel, mit einem Blick voll Neid und Eifersucht. Aber erst nachdem die Gesellschaft von Herrn Krass durch einen Eklat auseinandergeflogen ist, gelingt es ihm, an seinem Zufluchtsort in der französischen Provinz, die Mosaiksteine des Geschehenen zu einem Bild zu ordnen – während Menschen wie der stumme Kuhhirte Toussaint, der Schuster Desfosses und Madame Lemoine mit ihren Wellensittichen ihm eine Ahnung davon vermitteln, wie alles mit allem rätselhaft zusammenhängt. (Quelle: Inhaltsangabe - Rowohlt-Verlag)
Bei diesem Roman hat mich vor allem die Inhaltsangabe neugierig gemacht – schon zu Anfang merkt man, dass die Geschichte außergewöhnlich ist. Im Mittelpunkt hier steht der Geschäftsmann Ralph Krass, den besonders zu Beginn eine geheimnisvolle und etwas unheimliche Aura umgibt. Eine weitere zentrale Figur ist Dr. Jüngel, aus dessen Sicht man einen guten Einblick über die Geschehnisse bekommt.
Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt: Beginnend im Jahr 1988 - Dr. Jüngel, der zu dieser Zeit als Sekretär und Assistent für Krass tätig ist, hat die Aufgabe, eine Reise durch Neapel für Ralph Krass und seine Begleiter zu organisieren und bekommt direkte und manchmal sonderbare Instruktionen.
„Ihm war längst bewusst, dass die Arbeit für Herrn Krass ihn in Verhältnisse führen würde, auf die er nicht vorbereitet war. In Wahrheit tastete er im Dunkeln.“ - Seite 99, eBook
Ebenfalls eine zentrale Rolle hier spielt die junge Frau Lidewine Schoonemaker. Die Assistentin des Zauberkünstlers Harry Reno, dessen Show die Reisegruppe durch Zufall besucht, rückt in Krass´ Aufmerksamkeit. Kurzerhand bietet dieser ihr einen ungewöhnlichen Pakt an und Lidewine ist fortan Mitglied der Gruppe.
„Dieses gemeinsame Vorfahren machte Eindruck auf die Versammelten. Herr Krass allein war an sich schon wirkungsvoll genug, aber die junge Frau an seiner Seite steigerte das: König und Königin. Es gab der Macht erst ihre Abrundung, wenn zur Kraft die Anmut, zur Düsternis das Lächeln traten.“ – Seite 83, eBook
Besonders gelungen ist hier der Auftakt mit der Zaubershow. Doch auch danach lässt sich der Verlauf interessant verfolgen. Man bekommt aus verschiedenen Blickwinkeln, (meist aus Dr. Jüngels Sicht) einen umfassenden Einblick in die Ereignisse – bis schließlich alles anders kommt als gedacht…
Der zweite Teil spielt im Jahr 1989. Die Neapel-Reise ist längst Vergangenheit, Jüngels Leben hat sich komplett verändert – er sucht Ruhe und Zuflucht in einem abgelegenen französischen Dorf.
Gemeinsam versucht er mit einzelnen Dorfbewohnern das zusammen zu setzen, was er in den letzten Monaten erlebt hat. Gerade in diesem Abschnitt wird es detailreich - der Autor beschreibt hier bildgewaltig die Landschaft, Gedanken und Momentaufnahmen , manchmal auch leicht poetisch:
„Es hat einmal Sanduhren gegeben, die mit Goldstaub gefüllt waren, um den Wert der verrinnenden Zeit sinnfällig werden zu lassen, dabei ist die Zeit so unendlich wertvoller als Gold, wenn man ihre Uneinholbarkeit, ihre Unersetzlichkeit bedenkt. Jeder einzelne Augenblick sofort wieder weg, für immer, ob genutzt oder nicht – und wie nutzt man zur Genüge eine Ressource, die unaufhörlich dabei ist zu verschwinden?“ – Seite 177, eBook
Im dritten und letzten Teil, der im Jahr 2008 angesetzt ist, geht es nach Kairo. Besonders in diesem Abschnitt werden noch offene Fragen und Lücken geschlossen. Es werden interessante Details zutage gefördert und einzelne Fäden finden zusammen….
Das Buch ist in seiner gesamten Form sehr außergewöhnlich: von den Figuren, die unterschiedlicher nicht sein können, über den Handlungsverlauf bis hin zur bildgewaltigen Sprache. Die Beschreibungen sind oft ausschweifend - ab und an geht der rote Faden etwas verloren, aber dann führt der Autor uns LeserInnen wieder zurück in die Spur und überrascht uns mit dem weiteren Verlauf. Man muss sich auf diese Geschichte einlassen.
Mein Fazit: Ein außergewöhnlicher Roman mit bildgewaltigem Schreibstil – atmosphärisch dicht erzählt der Autor auf besondere Weise die Geschichte rund um einen seltsamen Geschäftsmann. Mit speziellen, sehr gut ausgearbeiteten Charakteren, detailreich geschilderten Schauplätzen und detailreich beschriebenen Momentaufnahmen entwickelt sich eine sehr interessante Handlung, die auf besondere Weise packend ist. Bis auf Kleinigkeiten gut gelungen.
Meine Bewertung:
Titel: Krass
Autor: Martin Mosebach
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 528
Verlag: Rowohlt
Erstveröffentlichung: 26. Januar 2021

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