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Der Kampf gegen das Verschwinden
Kann ein Einzelner den Lauf der Geschichte verändern? Kann eine Minderheit etwas gegen einen übermächtigen Gegner, den Staat, ausrichten? Der Nachtwächter, der neue Roman der mit dem National Book Award ausgezeichneten Autorin Louise Erdrich, basiert auf dem außergewöhnlichen Leben von Erdrichs Großvater, der den Protest gegen die Enteignung der amerikanischen UreinwohnerInnen vom ländlichen North Dakota bis nach Washington trug. Elegant, humorvoll und emotional mitreißend führt Louise Erdrich vor, warum sie zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart gezählt wird - und zeigt, dass wir alle für unsere Überzeugungen kämpfen sollten und dabei manchmal sogar etwas zu verändern vermögen.
(Quelle: Klappentext - Aufbau-Verlag)
Für Der Nachwächter/The Night Watchman hat Louise Erdrich den Pulitzer Prize for Fiction 2021 erhalten – zu Recht. Es ist ein besonderes Buch: Leise, aber eindringlich erzählt die Autorin hier aus dem Leben ihres Großvaters, der in den Jahren 1953/1954 gegen die Terminierung seines Indianerstammes kämpfte.
Schauplatz hier ist das Turtle Mountain Indianerreservat in North Dakota, das Zuhause der Chippewa-Indianer. Einer von ihnen ist Thomas Wazhashk. Neben der harten Arbeit auf seiner Farm arbeitet der Stammesratsvorsitzende noch als Nachwächter in der nahegelegenen Lagersteinfabrik. Während er trotz großer Müdigkeit seine Arbeit stets gewissenhaft ausführt, kümmert er sich währenddessen auch um Korrespondenz: Er schreibt Briefe an seine Kinder und auch an verschiedene Politiker. Zudem befasst er sich in den Nächten im September 1953 mit einem Beschluss des Kongresses der Vereinigten Staaten, dass das bisherige Leben sämtlicher Stammesmitglieder zerstören würde: Langfristig sollen sämtliche indianische Nationen aufgelöst, bzw. „terminiert“ werden – bei seinem Stamm, dem Turtle Mountain of Chippewa Indians, soll dieses mit sofortiger Wirkung geschehen.
„Sein Blick streifte die Aktentasche mit den Dokumenten, die Moses ihm gegeben hatte. Seit Tagen bemühte er sich, sie zu verstehen, ihre Bedeutung zu erfassen. Sich ihren unglaublichen Zweck vor Augen zu führen. Unglaublich, weil das Undenkbare in so harmlosen, sachlichen Worten daherkam. Unglaublich, weil der Zweck letztlich darin bestand, ungeschehen und unkenntlich zu machen. Sie sollten als Indianer ausgelöscht werden.“ – Seite 85, eBook
Thomas Wazhashk will das nicht hinnehmen und möchte für das Zuhause seiner Familie und der anderes Stammesmitglieder kämpfen – dafür stellen sie eine Delegation zusammen und nehmen die weite Reise nach Washington auf sich…
Neben Thomas gibt es noch weitere, sehr beeindruckende Hauptfiguren – u. a. die neunzehnjährige Patrice Paranteau, die von allen nur Pixie genannt wird – sehr zu ihrem Verdruss. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie im Reservat und arbeitet in der Lagersteinfabrik von Turtle Mountain, in der Thomas als Nachtwächter tätig ist. Eines Tages begibt sie sich auf eine abenteuerliche und gefährliche Reise nach Minneapolis auf die Suche nach ihrer Schwester Vera, die spurlos verschwunden ist. Neben den Sorgen um ihre Schwester hat sie auch mit eigenen Problemen zu kämpfen.
„Sie lachten beide, dieses verzweifelte hohe Lachen, in das Leute verfallen, wenn ihnen das Herz bricht.“ – Seite 187, eBook
Die Handlung wechselt regelmäßig zwischen verschiedenen Figuren und gewährt so einen umfassenden und interessanten Einblick in das Leben der Indianer. Nach und nach wird klar, wie die einzelnen Figuren miteinander verbunden sind – die Charaktere sind unheimlich gut ausgearbeitet. Man bekommt einen detaillierten Einblick in deren Alltag und Sorgen. Gerade mit Patrice Paranteau hat die Autorin eine beeindruckende Figur erschaffen.
Auch die Schauplätze sind bildgewaltig beschrieben – beeindruckende Momentaufnahmen der Umgebung und er Natur sowie flüchtige Begegnungen sind hier sehr gut festgehalten und machen das Buch zu einem besonderen Werk.
„Über Nacht war ein Chinookwind durch das Reservat gefegt. Die Welt funkelte und troff vor Licht. Auf den Wegen blitzte Wasser; die Luft war warm und weich.“ – Seite 260, eBook
Es wird berührend, traurig und dramatisch – gleichzeitig wird aber auch der Zusammenhalt des Stammes spürbar, der den Mitgliedern in schweren Zeiten etwas Mut macht.
Das Buch ist eine Mischung aus fiktiven Elementen (wie die Geschichte um Pixie Paranteau) und einem Stück Zeitgeschichte. Der Alltag der Romanfigur Thomas Wazhask beruht dagegen auf wahren Begebenheiten – angelehnt an das Leben von Louise Erdrichs Großvater aus dem Jahr 1953. Am Anfang dieses Buches gibt es dazu eine kurze Anmerkung, auch das Nachwort enthält viele interessante Informationen.
Mein Fazit: Ein bewegender Roman mit einem Stück Zeitgeschichte - bildgewaltig und mit vielen kleinen Momentaufnahmen erzählt die Autorin hier aus dem Leben ihres Großvaters. Das Buch ist facettenreich: Oft sehr berührend und traurig, aber auch fesselnd und mit viel Zusammenhalt. Sehr lesenswert.
Meine Bewertung:
Titel: Der Nachtwächter
Autorin: Louise Erdrich
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur/ Zeitgeschichte
Seitenanzahl: 496
Verlag: Aufbau
Erstveröffentlichung: 12. Juli 2021
Vielen Dank an den Aufbau-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

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