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Von der Suche nach Erinnerungen und Herkunft
Die Erzählfigur in „Blutbuch“ identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem schäbigen Schweizer Vorort, lebt sie mittlerweile in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie. (Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - DuMont Verlag)
Blutbuch ist das Debüt von Kim de l´Horizon und wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2022 ausgezeichnet. Der Roman ist eine Art fiktive Biografie und besticht schon auf den ersten Seiten mit einem besonderen Schreibstil. Eindringlich, detailreich und mit einer großen Sprachgewandtheit schafft es Kim, selbst kleinste Dinge oder auch Momentaufnahmen fesselnd zu beschreiben.
Die nonbinäre Erzählfigur lebt und arbeitet in Zürich und hat sich inzwischen gut in ihrem Leben eingerichtet. Doch eines Tages kommt die Nachricht, dass die Grossmutter an Demenz erkrankt ist. Die Figur versucht daraufhin, sich an die Vergangenheit zu erinnern – einiges ist klar sichtbar, anderes nur verschwommen oder nur bruchstückhaft greifbar. Auch auf viele Fragen fehlen die Antworten – über die früh verstorbene Schwester der Grossmutter oder auch über die Grosstante, die als junge Frau verschwand. Die Erzählfigur versucht Antworten zu finden – über die Verschwiegenheit der Frauen in der Familie und über die Zerrissen- und Unsicherheit in der eigenen Kindheit.
Manche Erinnerungen sind glasklar, andere verschwommen und weitere kommen beim Schreiben nach und nach an die Oberfläche.
„Ich wollte in der Vergangenheit schreiben, aber die Bruchstücke rutschen mir in die Gegenwart und wieder zurück, verschwimmen (…)
Es ist, als hätte ich Zugriff auf einige Fotografien, nicht aber auf die Kamera, in deren Gehäuse die Fotografien lagen.“ – Seite 21, eBook
Überwiegend werden hier die berndeutschen Bezeichnungen für „Grossmutter, Mutter und Vater = GROSSMEER, MEER und PEER verwendet, was sich im Gesamten sehr gut einfügt.
Auch der Erzählstil wechselt häufig: U. a. in der Ich-Perspektive geschrieben, dann aus Sicht der dritten Person, dann auch mal als Brief, der die Grossmutter direkt anspricht:
„Ich schreibe dir, weil ich – wie Meer und du – nicht über die Dinge sprechen kann, die mich wirklich beschäftigen, ich schreibe die, weil: Solange ich schreibe, spreche ich zwar nicht, aber ich schweige auch nicht.“ – Seite 26/27, eBook
Das Buch ist in fünf Teile aufgeteilt und sehr vielschichtig – sowohl in der Sprache als auch bei der Thematik. Die oft kurzen Kapitel enthalten Recherchearbeiten, Momentaufnahmen, Erinnerungen und Gedanken aus verschiedensten Lebenssituationen, aber auch Er- und Durchlebtes. Neben der Suche nach Antworten gibt es auch Einblicke in das Leben der nonbinären Erzählperson.
Neben bewegenden, traurigen und auch mal schönen Momenten gibt es aber auch Abschnitte, die alles andere als leichte Kost sind. Diese tauchen überwiegend im dritten Teil auf. Sehr grobe, brutale und detailliert beschriebene Exzesse - mit diesen Abschnitten habe ich mich schwergetan.
Die vielen Erzählungen wirken zunächst etwas lose, aber nach und nach setzt sich ein Gesamtbild zusammen, sodass die Leser*innen ein sehr gutes Bild bekommen – sowohl von der Familie, als auch von dem schwierigen Lebensweg der Hauptfigur auf dem Weg zu sich selbst.
„Ich weiss nicht, wie ich mich sonst formulieren könnte als: Ich weiss keine Sprache für meinen Körper. Ich kann mir weder in der Meersprache noch in der Peersprache bewegen. Ich stehe in einer Fremdsprache. (…)
Vielleicht ist dieses Schreiben die Suche nach einer Fremdsprache in den Wörtern, die einem zur Verfügung stehen.“ – Seite 44, eBook
Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das durch einen besonderen Erzählstil besticht. Detailreich und bewegend werden Momentaufnahmen, Erinnerungen und Gedankengänge geschildert. Aus unterschiedlichen Zeiten, verschiedensten Perspektiven, mal ruhig, mal poetisch und mal bewegend, dann aber auch rau, heftig und nicht immer einfach. Manche Abschnitte sind keine leichte Kost, damit habe ich mich etwas schwergetan. Aber abgesehen davon hat mir das Buch mit seiner ganzen Besonderheit und Vielfältigkeit gut gefallen. Besonders das Erzähltalent von Kim ist beeindruckend.
Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die gerne außergewöhnliche Literatur lesen.
Meine Bewertung:
Titel: Blutbuch
Autor*in: Kim de l'Horizon
Genre: Roman
Seitenanzahl: 336
Verlag: DuMont
Erstveröffentlichung: 19. Juli 2022
Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das
Rezensionsexemplar!

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