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Die labyrinthische Suche nach einem verschollenen Autor
Mohamed Mbougar Sarr erzählt virtuos von der Suche nach einem verschollenen Autor: Als dem jungen Senegalesen Diégane ein verloren geglaubtes Kultbuch in die Hände fällt, stürzt er sich auf die Spur des rätselhaften Verfassers T.C. Elimane. Dieser wurde in den dreißiger Jahren als „schwarzer Rimbaud“ gefeiert, nach rassistischen Anfeindungen und einem Skandal tauchte er jedoch unter. Wer war er? Voll Suchtpotenzial und unnachahmlicher Ironie erzählt Sarr von einer labyrinthischen Reise, die drei Kontinente umspannt. Ein meisterhafter Bildungsroman, eine radikal aktuelle Auseinandersetzung mit dem komplexen Erbe des Kolonialismus und eine soghafte Kriminalgeschichte.
(Quelle: Auszug aus der Inhaltsangabe - Hanser Verlag)
Die geheimste Erinnerung der Menschen ist der neue Roman von Mohamed Mbougar Sarr und das erste Werk von ihm, das auf Deutsch veröffentlicht wurde. Für dieses Buch wurde er 2021 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.
Im Mittelpunkt steht ein Autor namens T.C. Elimane, der im Jahr 1938 mit der Veröffentlichung seines Buches mit dem Titel Das Labyrinth des Unmenschlichen für Aufsehen sorgte. Kurz danach verschwand er – und auch sein Buch – spurlos.
Der junge Senegalese Diégane Latyr Faye stößt während seines Studiums in Frankreich erstmals auf das Buch und versucht, mehr über den Autor herauszufinden – auch Das Labyrinth des Unmenschlichen scheint nicht mehr aufzufinden zu sein. Als er zufällig der großen Autorin Siga D. begegnet, ahnt er noch nicht, wie eng alles miteinander verflochten ist…
„Geh, und lies es. Du wirst lange brauchen. Ich beneide dich. Du wirst dieses Buch entdecken. Aber ich bedaure dich auch.“ (Siga D.)
Sie verbarg den traurigen Schatten nicht, der sich kurz über ihre Augen legte. Ich fragte nicht nach dem Sinn ihrer letzten Worte.“ – Seite 53, eBook
Der Roman ist ein wirklich außergewöhnliches Werk – sowohl vom Inhalt als auch vom Erzählstil. Die Handlung beginnt zunächst in Tagebuchform, dass die Hauptfigur Diégane geschrieben hat. Hier erfahren wir einiges aus seinem Leben und auch, wie er auf den Autor und dessen Buch aufmerksam wurde, um den sich einige Mysterien ranken. Während seiner Recherchen stößt er auf Hinweise und weitere Personen, die wiederum einiges berichten. So werden die Lebensgeschichten verschiedenster Charaktere sichtbar – alles detailreich und mit einer besonderen Sprachgewandtheit geschrieben. Auch um den geheimnisvollen Autor wird einiges sichtbar. Anfangs sind es eher lose Fäden, die manchmal noch etwas zusammenhanglos wirken, doch nach und nach setzt sich aus den einzelnen Teilen eine Geschichte zusammen, die zeigt, dass mehr miteinander verbunden ist, als zunächst gedacht.
„Jeder Protagonist dieser Erzählung hatte eine Schwachstelle. Und dieser entsprang eine existentielle Frage, die so stark strahlte, dass das Auge sich davon blenden ließ und behauptete, der Erzählung buchstabengetreu zu folgen. (…)
War ihnen zu dieser Zeit bewusst gewesen, dass ihr Handeln in die Zukunft reichte? Oder genauer gesagt, war ihnen schon damals in den Sinn gekommen, dass ihr Leben eines Tages, lange nach ihrem Tod, für andere zur Obsession werden würde?“ – Seite 255, eBook
Alles wirkt wie ein riesiges Labyrinth mit vielen Abzweigungen, an manchen Stellen etwas zu ausschweifend und manchmal auch etwas verwirrend, aus welcher Perspektive gerade welche Geschichte erzählt wird. Dennoch hat dieser Roman aber auch eine spannende Seite mit dem Flair einer Krimi-, bzw. Detektivgeschichte. Denn über weite Kreise, verschiedenster Personen und mehreren Kontinenten und setzt sich die Geschichte um T.C. Elimane und sein Buch zusammen. Mit überraschenden Geschehnissen – damals und auch heute.
„Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht Schicksal. Aber beide stehen nicht unbedingt im Widerspruch zueinander. Der Zufall ist nur ein Schicksal, das man nicht kennt, ein mit unsichtbarer Tinte geschriebenes Schicksal.“ – Seite 52, eBook
Durch die verschiedenen Erzählperspektiven ist es kein Buch, das man nebenher lesen kann (mal in Tagebuchform oder Auszüge aus Artikeln und Briefen, dann häufig in der Ich-Perspektive, in der die einzelnen Lebensgeschichten verschiedenster Charaktere erzählt werden). Man sollte sich etwas Zeit dafür nehmen und sich auf die spezielle Art einlassen. Meiner Meinung nach lohnt es sich.
Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Werk – sowohl vom Inhalt als auch vom Erzählstil. Facettenreich, manchmal ein wenig kompliziert, aber gleichzeitig auch spannend. Die Nachforschungen eines jungen Mannes nach einem Autor, der vor vielen Jahrzehnten spurlos verschwand, entwickelt sich zu einer labyrinthischen Reise: Viele lose Fäden, die am Ende auf besondere Weise miteinander verflochten sind und einiges offenbaren. Ein Hauch von Mystery schwingt mit, aber auch eine spannende Detektivgeschichte. Manche Abschnitte waren etwas zu ausschweifend, aber insgesamt ein besonderes Werk. Ich vergebe vier Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die gern außergewöhnliche Literatur lesen.
Meine Bewertung:
Titel: Die geheimste Erinnerung der Menschen
Autor: Mohamed Mbougar Sarr
Übersetzt von: Holger Fock / Sabine Müller
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 448
Verlag: Hanser
Erstveröffentlichung: 24. November 2022
Vielen Dank an den Hanser Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

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