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Elin ist Anfang zwanzig und lebt mit ihrer Mutter in einem Wellnesshotel. Während des Lockdowns ist sie Influencerin geworden. Seither sieht sie sich mit misogynem Hass im Netz konfrontiert.
Nuri stammt aus prekären Verhältnissen, einen Schulabschluss hat er nicht. Nun versucht er, sich als Fahrradkurier, Bettenschubser und Essenslieferant über Wasser zu halten. Der Spätkapitalismus hat ihn fest im Griff.
Ruth ist Ende fünfzig, nach dem Tod ihres behinderten Sohnes hat sie wieder angefangen, als Pflegekraft im Krankenhaus zu arbeiten. Jeden Tag geht sie über ihre Grenzen, ihr Pflichtgefühl scheint unerschöpflich.
An einem Sonntag geraten alle drei in eine unvorhergesehene Situation: Vor dem Krankenhaus, in dem Ruth und Nuri arbeiten, liegen Frauen. Reglos, in stillem Protest. Es ist der Beginn einer Revolte, in der Frauen nicht mehr das tun, was sie immer getan haben. Plötzlich steht alles infrage, worauf unser System fußt. Ergreifen Elin, Nuri und Ruth die Chance auf Veränderung?
(Quelle: Inhaltsangabe - Rowohlt Verlag)
Von Mareike Fallwickl habe ich bisher ihre beeindruckenden Romane Dunkelgrün fast schwarz und Die Wut, die bleibt gelesen. Und alle so still ist das neue Buch der Autorin und ist ebenfalls sehr lesenswert.
Die Hauptfiguren hier sind drei Personen: Die einundzwanzigjährige Elin, die eine erfolgreiche Influencerin ist und im Wellnesshotel ihrer Mutter Alma lebt. Nach außen hin eine erfolgreiche junge Frau, innerlich zerstört – nach und nach wird dieses deutlich.
„Elin ist wach, ausgeruht und bereit, gleichzeitig müde. Es ist eine enge, alte Müdigkeit aus tausend Splittern.“ – Seite 20, eBook
Auch der neunzehnjährige Nuri hat es in seinem Leben nicht einfach: Er hat mehrere Jobs gleichzeitig, balanciert am Rande der totalen Erschöpfung und versucht mit dem wenigen Geld zu überleben.
„Für einen Moment macht er die Augen zu und atmet tief ein, aber da ist überhaupt keine Luft mehr. Beim Verabschieden tut Nuri immer so, als würde er nach Hause fahren. Sein Leben hat andere Schichten als Valentins, Blätterteigwahrheiten.“ – Seite 35, eBook
Ruth ist Mitte fünfzig und arbeitet als Pflegekraft im Krankenhaus. Trotz unzähligen Überstunden durch Personalmangel und völliger Überlastung ist sie immer für ihre Patienten da. Doch dieses hinterlässt Spuren…
Schon auf den ersten Seiten wird der schon bekannte einnehmende und intensive Schreibstil der Autorin sichtbar. Sie beschreibt direkt und ohne Schnörkel verschiedenste Situationen. Hier widmet sie sich Themen, die aktueller nicht sein könnten: Vom anhaltenden Pflegenotstand über soziale Ungerechtigkeit bis hin zu Diskriminierung, ungleicher Bezahlung und fehlende Wertschätzung für Arbeiten, die lebensnotwendig sind.
Doch was passiert, wenn die Frauen streiken und die Arbeit, die immer als selbstverständlich hingenommen wird, liegen bleibt?
„Die Frauen liegen da wie hingeworfen, ihre Körper scheinen keinem Muster zu folgen. Sie sehen aus wie etwas Zerschmettertes. Aber verletzt sind sie nicht. (…)
Nur wenige Schritte trennen Elin und die Frauen, aber diese Distanz ist nicht irgendeine Entfernung. Sie ist eine Gabelung, ein Anfang von etwas, das spürt Elin.“ – Seite 81/82, eBook
Sehr interessant ist, wie der normale Alltag sich plötzlich verändert und auch, was der ausschlaggebende Grund war für die Protestaktion. Alles lässt sich spannend verfolgen, das Szenario ist bedrückend. Was die Hauptfiguren hier durchmachen müssen ist oft unerträglich und es wird erschreckend deutlich, wie unsichtbar sie in der Gesellschaft sind. Gleichzeitig entwickelt sich auch ein ganz neuer Zusammenhalt.
Die Handlung spielt in einem Zeitraum von wenigen Tagen und ist abwechselnd aus den Perspektiven der drei Hauptfiguren geschrieben. Dazwischen gibt es kurze spezielle Zwischenspiele, in denen die Sichtweise von drei verschiedenen Dingen/Gegenständen geschildert werden.
Nach und nach wird deutlich, wie sich die Wege von Elin, Nuri und Ruth kreuzen und auch teilweise schon miteinander verbunden sind – durch den besonderen und intensiven Schreibstil erfahren wir genau, was die drei denken, fühlen und erleben. Nicht immer einfach und an manchen Stellen schwierig und ziemlich derb. Dennoch ist Figurenzeichnung sehr gelungen.
Mein Fazit: Ein bewegender Roman mit aktuellen Themen, starken Hauptfiguren und einnehmendem Schreibstil. Direkt und schonungslos schildert die Autorin eine stille Protestaktion, die großen Wellen schlägt: Unzählige Frauen streiken – um endlich gesehen zu werden. Schnell werden die Folgen im Alltag sichtbar und es entwickelt sich ein beängstigendes Szenario.
Es wird manchmal ziemlich erschütternd und traurig, viel Schwieriges wird geschildert - daher ist es kein Wohlfühlroman (was ich auch nicht erwartet habe). Aber es entwickelt sich auch ein besonderer Zusammenhalt. Bis auf Kleinigkeiten ein lesenswertes und auch wichtiges Buch, das noch lange nachhallt.
Meine Bewertung:
Titel: Und alle so still
Autorin: Mareike Fallwickl
Genre: Roman / Drama
Seitenanzahl: 368
Erscheinungsdatum: 16. April 2024
Verlag: Rowohlt

Schönen guten Morgen!
AntwortenLöschenIch war ja von "Dunkelgrün fast schwarz" auch sehr begeistert und hatte dann auch "Die Wut die bleibt" im Visier.
Das neue hier klingt auch super interessant, aber wie bei der Wut ist mir das Thema momentan zu schwer. Ich hab jetzt beide auf der Wunschliste und muss mal abwarten, wann der richtige Zeitpunkt dafür kommt.
Liebste Grüße, Aleshanee
Hallo liebe Aleshanee,
Löschen"Die Wut, die bleibt" gehörte im letzten Jahr mit zu meinen Lesehighlights. Die Autorin hat so einen einnehmenden, direkten Schreibstil, der immer sehr gut passt. Natürlich sind die Themen nicht einfach und von daher kann ich es gut verstehen, wenn du auf den passenden Zeitpunkt wartest.
Ich bin auf jeden Fall schon auf deine Meinung gespannt!
Liebe Grüße
Nicole