Freitag, 9. November 2018

Rezension zu "Die Katze und der General" von Nino Haratischwili

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Die Schatten der Vergangenheit

Tschetschenien, 1995: Nura ist siebzehn, als die russische Einheit in die Schlucht einzieht, in der ihre Familie lebt. Mit dem Ausbruch des ersten Tschetschenienkrieges zerschellt ihr Traum, der Enge des Dorfes zu entfliehen.
Moskau, 1995: Der junge Alexander Orlow sieht seine Zukunft zersplittern: Die große Liebe zurückgelassen, mit einem Armeesack und mütterlichen Erwartungen auf den Schultern, muss er an die nordkaukasische Front.
Berlin, 2016: Orlow, genannt „Der General“, ist zu Oligarchen aufgestiegen und nach Deutschland gezogen. Die Vergangenheit lässt ihn nicht ruhen: Es ist Zeit für eine Abrechnung. Doch zuerst muss er „Die Katze“, eine eigenwillige georgischstämmige Schauspielerin, von seinem Vorhaben überzeugen.  (Quelle: Inhaltsangabe - Frankfurter Verlagsanstalt)


„Sie sah zum Himmel, vom Mond fehlte jede Spur. Die Dunkelheit war allumfassend, aber sie fühlte sich in ihr sicher, sie spendete Schutz und Trost. Ja, ihr Vater hatte recht gehabt, manchmal, da war das Licht nur eine Tarnung für die Dunkelheit. Und daraus zog sie eine Schlussfolgerung, die sie für den Augenblick zuversichtlich stimmte: Die Dunkelheit war demnach vielleicht nur eine Tarnung für das Licht.“ – Seite 68


Die Inhaltsangabe ist nur ein kleiner Einblick in eine Geschichte, die ihre vielen Geheimnisse erst nach und nach enthüllt. Zunächst stellt die Autorin Nino Haratischwili die Hauptcharaktere ausführlich vor. Dabei wechselt sie zwischen der Vergangenheit (1995) und der Gegenwart (2016) regelmäßig hin und her. Die einzelnen Figuren wirken mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten zunächst unabhängig voneinander. Die Autorin geht hier sehr ins Detail: Sie schildert neben dem Leben der zentralen Figuren auch die Lebenswege von Familienmitgliedern, erläutert sie Schicksale der Einzelnen und auch deren Umfeld. Oftmals spielt der erste Tschetschenienkrieg eine schreckliche Rolle. Zugegeben, man benötigt etwas Geduld – wenn man einen rasanten Roman erwartet hat, wird man wahrscheinlich enttäuscht. Ich persönlich fand aber den ausführlichen Schreibstil und die Vorstellung der Figuren sehr gelungen. Erst nach und nach erfährt man, worauf die Geschichte hinausläuft und selbst dann gibt es noch einige, oft dunkle Geheimnisse. Wie dann schließlich die anfangs so lose wirkenden Fäden miteinander verknüpft werden ist überraschend und sehr gut gelungen.
Auch der regelmäßige Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Personen mit Vornamen und welchen, die zunächst nur mit ihren Spitznamen genannt werden, ist nach kurzer Eingewöhnung gut zu verfolgen und außergewöhnlich gemacht.
Das ganze Buch wirkt mit seiner Ausführlichkeit atmosphärisch sehr dicht – man sollte sich auch etwas Zeit nehmen für die Geschichte, es ist nichts für zwischendurch. Doch die ganze Entwicklung ist interessant und auf eine besondere Art auch packend zu verfolgen.


„Parallel dazu begleitete mich der Gedanke an das Mädchen wie ein Refrain, das Mädchen, das der neue Schlüssel zu einer alten Geschichte geworden war und das mit sich und allem rang, was ihr bevorstand, weil ihr die Geschichte schon über den Kopf gewachsen war, bevor sie richtig angefangen hatte.“ (Die Krähe) – Seite 227


Mein Fazit: Ein besonderes Buch, das dank seiner Ausführlichkeit atmosphärisch sehr dicht ist. Die Charaktere und ihre Lebenswege werden detailliert beschrieben, Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft und anfangs scheinbar lose Fäden auf überraschende Weise zusammen gefügt. Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen. Es wird dramatisch, berührend und auf eine gewisse Weise auch packend. Alle, die ausführliche Bücher mögen, in denen sich nach und nach alles entwickelt, kann ich dieses Werk nur empfehlen. Sehr lesenswert!

Meine Bewertung: 








Titel: Die Katze und der General
Autorin: Nino Haratischwili
Genre: Roman / Drama
Seitenanzahl: 768
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (HC) /Ullstein (Paperback)
Erstveröffentlichung: 31. August 2018

Samstag, 3. November 2018

Rezension zu "Guten Morgen, Genosse Elefant" von Christopher Wilson

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Die außergewöhnliche Geschichte eines besonderen Jungen…

Anfang der 1950er Jahre: Der zwölfjährige Juri Zipit lebt zusammen mit seinem Vater in einer Personalwohnung des Hauptstadtzoos. Dort arbeitet Roman Zipit, Juris Vater, als Professor der Veterinärmedizin. Juri ist ein aufgeweckter Junge mit einem freundlichen Gesicht, doch es geht ihm nicht immer so gut, wie es scheint. Denn mit sechs Jahren hatte er einen schweren Unfall, der Spuren im Gehirn hinterlassen hat. Doch Juri ist ein außergewöhnlicher Junge, der sich tapfer durchs Leben schlägt. Und so kommt es, das einige Wochen in Stalins Datscha verbringt und dort dessen Vertrauter und Vorkoster erster Klasse wird. Dort wird er Zeuge von dubiosen Ereignissen und düsteren Geschehnissen…




Dieses Buch fällt im ersten Moment durch seinen außergewöhnlichen Titel auf: Guten Morgen, Genosse Elefant hält auch eine besondere Geschichte bereit: Hauptfigur ist der zwölfjährige Juri, der hier seine Geschichte erzählt, die unglaublicher nicht sein kann. Durch einen Zufall wird er für einige Wochen der Vorkoster von Stalin und verbringt fortan viel Zeit in dessen Datscha. Dort wird er –manchmal unfreiwillig- Zeuge von Entscheidungen, die er nicht wissen sollte. Dieses bringt ihn schließlich in Gefahr. Die Geschichte hat viele Facetten: Sie ist zugleich traurig, komisch,  herzzerreißend, interessant und manchmal auch erschreckend. Juri, dessen Gehirn vor einigen Jahren bei einem Unfall geschädigt wurde, kann den Geschehnissen nicht immer sofort folgen und bildet sich manchmal seine ganz eigene Meinung zu bestimmten Vorgängen. Dennoch ist er ein schlauer Junge, was er immer wieder unter Beweis stellt. Die Geschichte ist in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Juri geschrieben, daher bekommt man einen sehr detaillierten Einblick in seine Gedanken.
Auch wenn sich das Buch flüssig lesen lässt, ist der Inhalt manchmal schon erschreckend – es ist kein Wohlfühlbuch, manchmal habe ich mich mit bestimmten Abschnitten etwas schwer getan. Doch die Hauptfigur wächst einem mit seiner sympathischen Art sofort ans Herz.
Jedoch hat mir eine entscheidende Sache gefehlt: Denn auch wenn Juri hier über seine Erlebnisse in der politischen Welt berichtet, geht der Junge selbst etwas unter. Gerne hätte ich noch mehr über sein Leben davor und danach erfahren.
Das Cover ist sehr gut gewählt – es enthält alle Details, die auch im Laufe der Handlung zu finden sind.


„Dinge stecken verborgen in anderen Dingen wie Puppen in Puppen. Es geht um Mord, Medizin und Theater, ums Kochen und Jonglieren, um Ränkespiel und Rollenspiel, um Elefanten und das Schicksal, all dies in einem Krimi, einer Gangsterstory, umwickelt mit mehreren Lagen Lügen, in eine Pappschachtel gestopft und weggesperrt in den Schrank unter der Treppe.“ (Juri) – Seite 21


Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch über einen sympathischen Jungen, der einiges erlebt hat. Die Handlung hat viele Facetten: Manchmal sehr erschreckend und traurig, dann wieder berührend und herzzerreißend. Die Geschichte von Juri lässt sich zwar spannend und interessant verfolgen, ist jedoch nicht immer einfach. Ich muss zugeben, dass ich mich mit manchen Abschnitten etwas schwer getan habe und auch gerne mehr über die Hauptfigur erfahren hätte. Daher vergebe ich 3,5 Sterne.  Dennoch ist Guten Morgen, Genosse Elefant ein lesenswertes Buch. 


Meine Bewertung: 





Titel: Guten Morgen, Genosse Elefant

Autor: Christopher Wilson
Genre: Roman
Seitenanzahl: 272
Verlag: Kiepenheuer & Witsch



Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar! :)

Freitag, 2. November 2018

Rezension zu "Der Insasse" von Sebastian Fitzek

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Die albtraumhafte Suche nach der Wahrheit

Für Till Berkhoff begann vor einem Jahr ein Albtraum: Sein kleiner Sohn Max wurde entführt und ist seitdem spurlos verschwunden. Bisher verlief die Suche ergebnislos – doch nun wurde der Täter gefasst. Er hat zwar ein Geständnis über andere schreckliche Mordfälle abgelegt, doch über Max schweigt er beharrlich. Derzeit sitzt der Psychopath im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie und Till sieht nur eine Möglichkeit, um Max’ Verbleib herauszufinden: Er muss selbst zum Insassen der Steinklinik für Forensische Psychiatrie werden. Doch was er dort persönlich erlebt, übersteigt seine Vorstellungskraft…




„Till hörte ein trockenes Knacken, gefolgt von einer kurzen Pause, die sofort von der reinen, ungefilterten Stimme des Schmerzes gefüllt wurde. Geboren im tiefsten Inneren seiner selbst.“ – Seite 133


Mit Der Insasse hat Sebastian Fitzek wieder einen Psychothriller hingelegt, wie er unheimlicher nicht sein kann: Mit zum Teil angsteinflößenden Charakteren, einem besonderen Schauplatz und einer erschreckenden Story, die furchtbarer nicht sein kann: Der kleine Max Berghoff wird vor seiner Haustür von einem Psychopath entführt – dieser wird ein Jahr später schließlich aufgrund von anderen Fällen gefasst, doch Max bleibt verschwunden. Der Täter schweigt. Um mit dem abgeschirmten Mann, der zurzeit gut gesichert in der Psychiatrie sitzt, in Kontakt zu kommen, lässt sich Max‘ Vater unter anderer Identität dort einweisen – und ahnt nicht, dass er bald in Lebensgefahr schwebt…
Die Handlung beginnt mittendrin – schon das erste Kapitel ist voller Schrecken und Grauen. Wie bei vielen Thrillern des Autors kann man diesen während des Lesens nur noch schwer aus der Hand legen. Schuld daran ist der rasante Verlauf und die geschickten Cliffhanger, die oft am Ende der einzelnen Kapitel auftauchen. Die Story selber verbirgt noch viel mehr, als die Inhaltsangabe preisgibt – es gibt interessante Verstrickungen,  einige Überraschungen und Wendungen, mit denen man nie gerechnet hätte. Oftmals wird es auch bizarr und schockierend, an einigen Stellen auch fast unerträglich - es ist keine leichte Lektüre. Doch besonders das letzte Drittel ist unheimlich packend – man möchte unbedingt wissen, ob Till sein Ziel erreicht. Es bleibt spannend!
Was auch unheimlich gelungen ist: Die ganze Gestaltung des Buches. Die erste Auflage ist eine limitierte Edition, die nicht nur einen roten Buchschnitt hat, sondern auch spezielle Buchdeckel, die  eine weiche Oberfläche haben und  sich leicht gepolstert anfühlen. Sehr gut gemacht!


„Till schluckte schwer und fragte sich, wie das Böse so harmlos aussehen konnte.“  - Seite 221


Mein Fazit: Wieder ein Psychothriller aus Fitzeks Feder, wie er unheimlicher nicht sein kann. Die Handlung ist rasant, oft schockierend und erschreckend. Dennoch fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen - die gelungenen Cliffhanger am Ende der einzelnen Kapitel tragen dazu bei. Die Geschichte nimmt oft ungeahnte Wendungen, mit denen man niemals gerechnet hat – es dreht sich vieles überraschend um und wird dadurch völlig unvorhersehbar. Ein gelungener Psychothriller, den man am liebsten in einem Rutsch durchlesen würde.


Meine Bewertung: 




 



Titel: Der Insasse
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Psychothriller
Seitenanzahl: 384
Verlag: Droemer Knaur


Weitere Rezensionen zum Buch:
Irve liest




Vielen Dank an Droemer Knaur für das Rezensionsexemplar! :)