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Die Schatten der Vergangenheit
Tschetschenien, 1995: Nura ist siebzehn, als die russische
Einheit in die Schlucht einzieht, in der ihre Familie lebt. Mit dem Ausbruch
des ersten Tschetschenienkrieges zerschellt ihr Traum, der Enge des Dorfes zu entfliehen.
Moskau, 1995: Der junge Alexander Orlow sieht seine Zukunft
zersplittern: Die große Liebe zurückgelassen, mit einem Armeesack und
mütterlichen Erwartungen auf den Schultern, muss er an die nordkaukasische
Front.
Berlin, 2016: Orlow, genannt „Der General“, ist zu
Oligarchen aufgestiegen und nach Deutschland gezogen. Die Vergangenheit lässt
ihn nicht ruhen: Es ist Zeit für eine Abrechnung. Doch zuerst muss er „Die
Katze“, eine eigenwillige georgischstämmige Schauspielerin, von seinem Vorhaben
überzeugen. (Quelle: Inhaltsangabe - Frankfurter Verlagsanstalt)
„Sie sah zum Himmel, vom Mond fehlte jede Spur. Die Dunkelheit war allumfassend, aber sie fühlte sich in ihr sicher, sie spendete Schutz und Trost. Ja, ihr Vater hatte recht gehabt, manchmal, da war das Licht nur eine Tarnung für die Dunkelheit. Und daraus zog sie eine Schlussfolgerung, die sie für den Augenblick zuversichtlich stimmte: Die Dunkelheit war demnach vielleicht nur eine Tarnung für das Licht.“ – Seite 68
Die Inhaltsangabe ist nur ein kleiner Einblick in eine
Geschichte, die ihre vielen Geheimnisse erst nach und nach enthüllt. Zunächst
stellt die Autorin Nino Haratischwili die Hauptcharaktere ausführlich vor.
Dabei wechselt sie zwischen der Vergangenheit (1995) und der Gegenwart (2016)
regelmäßig hin und her. Die einzelnen Figuren wirken mit ihren unterschiedlichen
Lebensgeschichten zunächst unabhängig voneinander. Die Autorin geht hier sehr
ins Detail: Sie schildert neben dem Leben der zentralen Figuren auch die Lebenswege
von Familienmitgliedern, erläutert sie Schicksale der Einzelnen und auch deren
Umfeld. Oftmals spielt der erste Tschetschenienkrieg eine schreckliche Rolle.
Zugegeben, man benötigt etwas Geduld – wenn man einen rasanten Roman erwartet
hat, wird man wahrscheinlich enttäuscht. Ich persönlich fand aber den
ausführlichen Schreibstil und die Vorstellung der Figuren sehr gelungen. Erst
nach und nach erfährt man, worauf die Geschichte hinausläuft und selbst dann
gibt es noch einige, oft dunkle Geheimnisse. Wie dann schließlich die anfangs
so lose wirkenden Fäden miteinander verknüpft werden ist überraschend und sehr
gut gelungen.
Auch der regelmäßige Wechsel zwischen Vergangenheit und
Gegenwart, zwischen Personen mit Vornamen und welchen, die zunächst nur mit
ihren Spitznamen genannt werden, ist nach kurzer Eingewöhnung gut zu verfolgen
und außergewöhnlich gemacht.
Das ganze Buch wirkt mit seiner Ausführlichkeit
atmosphärisch sehr dicht – man sollte sich auch etwas Zeit nehmen für die
Geschichte, es ist nichts für zwischendurch. Doch die ganze Entwicklung ist
interessant und auf eine besondere Art auch packend zu verfolgen.
„Parallel dazu begleitete mich der Gedanke an das Mädchen wie ein Refrain, das Mädchen, das der neue Schlüssel zu einer alten Geschichte geworden war und das mit sich und allem rang, was ihr bevorstand, weil ihr die Geschichte schon über den Kopf gewachsen war, bevor sie richtig angefangen hatte.“ (Die Krähe) – Seite 227
Mein Fazit: Ein besonderes Buch, das dank seiner
Ausführlichkeit atmosphärisch sehr dicht ist. Die Charaktere und ihre
Lebenswege werden detailliert beschrieben, Vergangenheit und Gegenwart
miteinander verknüpft und anfangs scheinbar lose Fäden auf überraschende Weise
zusammen gefügt. Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen. Es wird dramatisch,
berührend und auf eine gewisse Weise auch packend. Alle, die ausführliche Bücher
mögen, in denen sich nach und nach alles entwickelt, kann ich dieses Werk nur
empfehlen. Sehr lesenswert!
Meine Bewertung:
Titel: Die Katze und der General
Autorin: Nino Haratischwili
Genre: Roman / Drama
Seitenanzahl: 768
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (HC) /Ullstein (Paperback)
Erstveröffentlichung: 31. August 2018

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