Mittwoch, 27. Juni 2018

Rezension zu "Patria" von Fernando Aramburu

Zum Buch

Vergangenheit und Wahrheitssuche

Zwanzig Jahre ist es her, seit Bittoris Mann Txato Terroristen erschossen wurde. Regelmäßig besucht sie das Grab ihres Mannes und erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in ihr Dorf zurückzukehren und in das Haus, in dem sie einst wohnten. Bittori möchte endlich herausfinden, was damals wirklich geschehen ist und unter denen leben, die einst geschwiegen und weg geschaut haben.  Ihr Auftauchen nach so langer Zeit bleibt nicht unbemerkt – mit der vermeintlichen Ruhe im Dorf ist es nun vorbei. Vor allem Miren,  ehemalige Nachbarin und damals beste Freundin von Bittori, ist sehr beunruhigt über deren Auftauchen. Bittoris schlimmste Befürchtung ist, dass Mirens Sohn etwas mit dem Attentat auf ihren Mann zu tun hatte – denn dieser sitzt als Terrorist in Haft. Auch wenn sich die beiden Frauen lange aus dem Weg gehen, lässt sie eine Begegnung nicht mehr lange vermeiden…


„Ohne sie anzusehen, ging sie an ihnen vorbei. Es waren vier oder fünf mit dem Glas in der einen und mit der Zigarette in der anderen Hand. Als sie auf ihrer Höhe war, mussten sie sie erkannt haben, denn plötzlich wurde es still. Ein, zwei Sekunden. Als Bittori das Ende der Straße erreichte, nahmen sie ihre Unterhaltungen wieder auf.“

Bittori trat in das Haus, und es war, als betrete sie die Vergangenheit.“ – Seite 32, eBook


Dieses Buch erzählt die Geschichte zweier Familien, deren Freundschaft auf tragische und traurige Weise beendet wird – das zentrale Thema ist hier der Terror der ETA. Zunächst muss man sich an den speziellen Schreibstil gewöhnen, der zwar detailliert und klar ist, aber auch aufmerksames Lesen erfordert. Doch schon nach ein paar Seiten hat man sich daran gewöhnt , das Buch lässt sich flüssig lesen und lässt einen schließlich nicht mehr los.
Die Handlung beginnt in der Gegenwart mit Bittori, die beschlossen hat, in ihr Heimatdorf zurückzukehren und rauszufinden, was vor zwanzig Jahren wirklich geschehen ist: Wer ist der Mörder ihres Mannes? Ihre schlimmste Befürchtung ist, dass es der Sohn ihrer einst besten Freundin Miren gewesen ist, der sich damals der ETA angeschlossen hat. Wird sie die erhofften Antworten auf ihre Fragen finden?
Die Kapitel der Geschichte sind relativ kurz – so behält man eine gute Übersicht über die komplexe Geschichte, in der man nach und nach einen sehr guten und detaillierten Einblick in die Leben der Hauptcharaktere (Bittoris und Mirens Familie) bekommt. Sie wird nicht chronologisch erzählt, sondern wechselt zwischen verschiedenen Momenten aus der Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Im ersten Augenblick mag es etwas verwirrend sein, doch genau diese spezielle Aufteilung macht den Roman so packend. Nach und nach erfährt man Einzelheiten aus den Leben der einzelnen Familienmitglieder und kann so nachvollziehen, warum vieles so gekommen ist, wie es aktuell ist. Immer wieder tauchen auch baskische Wörter oder Redewendungen in den Kapiteln auf. Dazu findet man hinten im Buch ein hilfreiches Glossar, in dem man alle verwendeten Wörter nachschlagen kann. Diese Besonderheit ist für die dramatische und berührende Geschichte mit seinem speziellen Schreibstil sehr gut gewählt.


„Sie, ihre Mutter, ihr Bruder, sie alle drei waren zu Satelliten eines ermordeten Mannes geworden. Ob sie es wollten oder nicht, kreisten ihre Leben jahrelang um jenes Verbrechen, jenen unaufhörlichen Brennpunkt von. Von was? Von Kummer und Schmerz, verdammt!, und das muss aufhören, aber ich weiß nicht wie.“ – Seite 152, eBook


Mein Fazit: Ein bewegender Roman, der die tragische Geschichte zweier Familien erzählt und durch seine eindringliche Erzählweise überzeugt. Der Schreibstil ist speziell, doch schon nach wenigen Seiten gewöhnt man sich daran und merkt, dass dieser genau richtig gewählt ist – Vergangenheit und Gegenwart werden in losen Fäden miteinander verwoben und ergeben am Ende ein einheitliches Bild. Sehr packend und intensiv – das Buch lässt einen so schnell nicht mehr los. Sehr Lesenswert!

Meine Bewertung: 




Titel: Patria
Autor: Fernando Aramburu
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 768
Verlag: Rowohlt



Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar!

2 Kommentare:

  1. Hallo Nicole, , ich habe mir das Buch kurz nach dem Erscheinen als Printausgabe gekauft, begeistert hineingelesen und irgendwie wegen anderer Bücher wieder aus der Hand gelegt. Nur gut, dass Papier geduldig ist und es brav auf mich wartet. Ich freu mich drauf, trotz der komplizierten und traurigen Thematik. Du gibst einen guten Einblick durch Deine Rezension!!
    LG Angela

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    1. Hallo Angela,

      ich hatte dieses Buch schon länger auf der Wunschliste, weil es mich einfach sehr interessiert hat - und ich bin froh, dass ich es nun gelesen habe.
      Natürlich muss man sich auf dieses umfangreiche Buch und den speziellen Schreibstil einlassen, doch ich fand es sehr gelungen. :)
      Klar, nimm dir Zeit. Bestimmt kommt bald der passende Zeitpunkt, um es zu lesen. Ich bin schon auf deine Meinung gespannt. :)

      Liebe Grüße
      Nicole

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