Dienstag, 17. Dezember 2019

Rezension zu "Menschen neben dem Leben" von Ulrich Alexander Boschwitz

Zum Buch

Die Zeit zwischen den Weltkriegen

Leicht haben es die Protagonisten in Ulrich Alexander Boschwitz’ Debütroman nicht. Sie sind die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise: Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierte, Verrückte. Doch abends zieht es sie alle in den Fröhlichen Waidmann. Die einen zum Trinken, die anderen zu Musik und Tanz. Sie treibt die Sehnsucht nach ein paar sorglosen Stunden, bevor sich der graue Alltag am nächsten Morgen wieder erhebt. Doch dann tanzt die Frau des blinden Sonnenbergs mit einem Mal mit Grissmann, der sich im Waidmann eine Frau angeln will und den Jähzorn des gehörnten Ehemanns unterschätzt. Und so nimmt das Verhängnis im Fröhlichen Waidmann seinen Lauf, bis sich neue Liebschaften gefunden haben, genügend Bier und Pfefferminzschnaps ausgeschenkt wurde und der nächste Morgen graut. Wie durch ein Brennglas seziert der zu diesem Zeitpunkt gerade mal zweiundzwanzigjährige Autor das Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre. (Quelle: Auszug aus dem Klappentext)


„Hysterisch klingelten die Straßenbahnen. Dumpf grollten die großen Autobusse. Leise meckerten die Klingeln der Fahrräder. Die Autos und Lastwagen stießen eine dunkle, mit hellen Tönen gemischte Musik aus. Vorwärts! Berlin hatte keine Geräuschverbote. Man merkte es.“ – Seite 66, eBook


Nach der großen Wiederentdeckung des Romans Der Reisende, der in Deutschland im Jahr 2018 erschien (erstmals veröffentlicht in England im Jahr 1939), wurde nun auch der Debütroman Menschen neben dem Leben von Ulrich Alexander Boschwitz veröffentlicht. Dieser erschien 1937 erstmals in schwedischer Sprache. Der Autor, der 1942 mit 27 Jahren viel zu früh verstarb, hat hier einen atmosphärisch dichten und detailreich geschilderten Roman geschrieben. Beeindruckend sind die einfachen und authentischen Schilderungen des Alltags im historischen Berlin Ende der 1920er Jahre. Für viele Menschen waren die Nachkriegsjahre (die gleichzeitig auch die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen war)  schwer -  Rationalisierungen der Arbeitsplätze und somit hohe Arbeitslosigkeit beherrschte die Zeit. Auch zeigt dieses Buch, dass schon damals die Schere zwischen Arm und Reich sehr groß war.
Wir bekommen hier einen Einblick in das Leben verschiedener Personen, dessen Geschichten im Fröhlichen Waidmann zusammenlaufen  – ein Lokal, in dem verschiedene Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen. Dort nimmt schließlich ein Drama ihren Lauf…
Die gesamte Geschichte ist nicht rasant, aber unheimlich interessant zu verfolgen – gerade weil die Charaktere so detailreich gezeichnet wurden. Ebenfalls lesenswert: Das Nachwort des Herausgebers.


„Werte, die in Gefahr sind, erkennt man. Aber das Selbstverständliche wird erst dann zur Kostbarkeit, wenn es umstritten ist.“ – Seite 229, eBook


Mein Fazit: Eine wertvolle Wiederentdeckung eines Romans, der einen detailreichen Einblick ins historische Berlin gibt - außergewöhnlich geschrieben! Gerade die detailreichen Schilderungen aus dem Alltag verschiedener Personen und auch die klar gezeichneten Charaktere selbst machen die Geschichte so besonders und interessant. Die gesamte Entwicklung der Geschichte, die in einem Lokal ihren Höhepunkt findet, ist auf eine gewisse Art spannend zu verfolgen. Ein beeindruckendes Buch, das gerne noch länger hätte sein dürfen  – sehr lesenswert! 


Meine Bewertung: 





Titel: Menschen neben dem Leben
Autor: Ulrich Alexander Boschwitz
Herausgeber: Peter Graf
Genre: Historisches / Moderner Klassiker / Roman
Seitenanzahl: 303
Verlag: Klett-Cotta
Erstveröffentlichung: 21.09.2019


Vielen Dank an Klett-Cotta und Netgalley für das Rezensionsexemplar! 

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