Donnerstag, 7. Mai 2020

Rezension zu "Die Detektive vom Bhoot-Basar" von Deepa Anappara

Zum Buch


Auf der Suche nach Vermissten…

Detektivarbeit ist kein Kinderspiel. Der neunjährige Jai schaut zu viele Polizei-Dokus, denkt, er sei klüger als seine Freundin Pari (obwohl sie immer die besten Noten bekommt) und hält sich für einen besseren Anführer als Faiz (obwohl Faiz derjenige mit zwei älteren Brüdern und einem echten Job ist). Als ein Junge aus ihrer Klasse verschwindet, beschließt Jai, sein Fernsehwissen zu nutzen, um ihn zu finden. Mit Pari und Faiz an seiner Seite wagt er sich in den verwinkelten Bhoot-Basar und dann weiter hinaus in die verbotenen Viertel der Stadt. Doch mehr und mehr Kinder verschwinden, und die Dinge in der Nachbarschaft werden kompliziert …  
(Quelle: Klappentext)




Die Detektive von Bhoot-Basar ist das Debüt von Deepa Anappari , die viele Jahre als Journalistin in Delhi und Mumbai gearbeitet hat. Ihre gesammelten Eindrücke fließen in diesen Roman ein, der ihr wirklich gelungen ist. Auf ganz besondere Weise erzählt sie die Geschichte des neunjährigen Jungen Jai, der sich auf eine gefährliche Suche nach vermissten Kindern macht. Hauptfigur Jai lebt in einem der ärmlichen Vierteln in Indien –Basti genannt-  das im Schatten der wohlhabenden Hochhäuser liegt. Und gleichzeitig in der Nähe des Bhoot-Basars – einem Markt, auf dem man vieles bekommt, wo aber auch viele Gefahren lauern.


„Als wir am nächsten Tag aus der Schule kommen, hat das Basti im Smog seine Form verloren. Schatten breiten sich  auf den Dächern unserer Häuser aus, wo platte Fahrradreifen, Ziegelsteine und kaputte Rohre die Plastikplanen beschweren. Ich sollte unter einer warmen Decke auf Mas und Papas Bett liegen und fernsehen. Stattdessen ermittle ich in der Kälte.“ (Jai) – Seite 180


Plötzlich ist ein Klassenkamerad spurlos verschwunden, zuletzt wurde er auf dem Bhoot-Basar gesehen. Zusammen mit seinen Freunden Pari und Faiz macht sich Jai auf die Suche nach dem vermissten Jungen – ein gefährliches Abenteuer, dass sie weit hinaus aus ihrem Bezirk in verbotene Viertel führt. Bald werden noch mehr Kinder vermisst. Und die Lage spitzt sich zu…
Das Buch ist hauptsächlich aus der Sichtweise von Jai erzählt – so bekommen wir einen detaillierten Einblick in sein Leben und den vielen Entbehrungen, die seine Familie Tag für Tag erträgt. Zusammen mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Runu bewohnt er eine kleine Ein-Zimmer- Hütte, ihr wertvollster Besitz ist ein alter Fernseher. Auch erfahren wir viel über das Viertel und deren Bewohner, in dem Jai lebt. Es ist oftmals sehr traurig und ernst, aber dann auch wieder hoffnungsvoll, denn Jai gibt die Suche nach den vermissten Kindern nicht auf:


„Ich bin der Einzige, der da was tun kann. Ich kann Bahadur finden, weil ich schon Hunderte von Sendungen im Fernsehen gesehen habe und haargenau weiß wie ein Detektiv wie Byomkesh Bakshi böse Menschen fängt, die Kinder, Gold, Frauen und Diamanten stehlen.“ (Jai) – Seite 39


Neben der Detektivgeschichte erfahren wir auch einiges über das heutige Indien – die große Schere zwischen Arm und Reich, das Leben in den Elendsvierteln, die Ungerechtigkeit und die Gefahren, die an vielen Ecken lauern. Auch der Bhoot-Basar, wird bildgewaltig beschrieben.  Wie der Markt zu diesem Namen kam (Bhoot = Geist), erfährt man im Laufe des Buches.  


„Faiz läuft sehr schnell voran, selbst in den Straßen des Bhoot-Basar, in denen es von viel zu vielen Menschen, Hunden, Fahrrad-, Auto- und E-Rikschas wimmelt. (…) Niemand wird mir glauben, aber ich bin hundertpro sicher, dass meine Nase von den vielen Gerüchen nach Tee, rohem Fleisch, Brot, Kebab und Rotis im Basar jedes Mal länger wird. Auch meine Ohren werden größer, wegen den Geräuschen.“ (Jai) – Seite 31


Das ganze Buch ist sehr berührend und intensiv. Neben dem beeindruckenden und klaren Schreibstil gibt es in dem Roman auch viele indische Begriffe – zunächst gewöhnungsbedürftig, aber im Nachhinein passt dieses sehr gut in die ganze Atmosphäre des Buches. Hilfreich ist hier das Glossar hinten im Buch, wo alle indischen Begriffe und Bedeutungen übersetzt werden. Auch die Covergestaltung ist perfekt – das in pink/rosa gehaltende Cover ist unheimlich gut gelungen.
Sehr informativ und lesenswert ist auch das Nachwort, in dem die Autorin schildert, wie ihr die Idee zu diesem Roman kam. Dieser wird besonders im letzten Drittel sehr berührend und endet irgendwie anders, als ich gedacht habe.

Mein Fazit: Ein großartiges Debüt mit einer sehr berührenden Geschichte. Neben einer sympathischen Hauptfigur und seinem Ideenreichtum gibt es einen intensiven Einblick in das heutige Indien mit all seine Farben und Facetten. Es wird ernst und auch erschütternd, aber dann auch (durch Jais Ideenreichtum) wieder hoffnungsvoll – insgesamt sehr emotional.  Der Schreibstil ist beeindruckend – detailreich, bildgewaltig und klar. Ein wertvolles Buch, das berührt und man so schnell nicht vergisst. Lesehighlight!


Meine Bewertung: 










Titel: Die Detektive vom Bhoot-Basar
Autorin: Deepa Anappara
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 400
Verlag: Rowohlt
Erstveröffentlichung: 10.03.2020

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