Dienstag, 19. Mai 2020

Rezension zu "Offene See" von Benjamin Myers

Zum Buch

Eine lebensverändernde Reise

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will. (Quelle: Klappentext - DuMont Verlag)


Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass diese Geschichte eine ganz Besondere ist, denn allein der Schreibstil ist schon wundervoll: Klar, bildgewaltig, detailreich und etwas poetisch. Hauptfigur ist der 16-jähiger Robert Appleyard, der nach der Schule beschließt, auf eine Wanderung quer durch England zu gehen. Sein Ziel ist das Meer - auf seiner Reise stößt er zufällig auf ein verwunschenes Cottage und lernt dessen Besitzerin kennen: Die ältere Dame Dulcie Piper und ihr Hund Butlers. Robert ist sofort fasziniert von dem Leben der Frau, das so ganz anders ist, als er es aus dem kleinen Bergarbeiterdorf, wo er aufgewachsen ist, kennt.

„Irgendwas bewog mich, diesem Sträßchen zu folgen, obwohl es sich ausnahm wie eine Sackgasse. Es sollte einer dieser Momente werden, in denen das Leben einen neuen Weg eröffnet, dessen Bedeutung sich vielleicht erst Jahre später voll und ganz erfassen lässt.“ (Robert) – Seite 27, eBook

Neben den wundervollen Schilderungen der Natur und der Umgebung sind auch die Gespräche zwischen Robert und Dulcie sehr interessant – ihre Meinungen und Ansichten lassen den Jugendlichen manchmal staunen und auch über manches nachdenken.

„Kein Plan ist ein guter Plan“, sagte sie, nachdem einige Zeit verstrichen war. „ Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet. Der sonnige Zauber eines Morgens birgt vielleicht schon nachmittägliche Gewitterwolken. Das Leben ist lang, wenn du jung bist, und kurz, wenn du alt bist, aber immer unsicher.“ – Seite 32, eBook

Die Geschichte ist in der Ich -Perspektive aus Roberts Sicht geschrieben – so erfährt der Leser, welche Träume der junge Mann hat und wonach er sich sehnt – ein zentraler Punkt ist seine Liebe zur Natur:

„Der Hund stand neben mir, akzeptierte meine Gegenwart, und ich ließ mich von Zeit und Landschaft umfangen, vom Summen der Insekten und dem ausklingenden Vogelgesang in der Nähe, der letzten Untermalung einer Nachmittagsträumerei von solcher Kraft und Wirkmächtigkeit, dass sie vielleicht mein ganzes Leben unmerklich in eine andere Richtung lenkte.“ (Robert) – Seite 40, eBook

Neben Robert lernen wir natürlich auch Dulcie sehr gut kennen und erfahren nach und nach, was sie beschäftigt und dass sie ein trauriges Geheimnis hat – hier wird es sehr berührend. Diese Abschnitte sind unheimlich gut geschrieben. 



Mein Fazit: Ein wundervolles Buch, das mit einem klaren und bildgewaltigen Schreibstil überzeugt. Die Charaktere sind stark, die Schauplätze und die Natur werden sehr detailreich geschildert. Insgesamt ist es ein eher ruhiger Roman, aber gerade der leise und intensive Ton macht diese Geschichte zu einem wirklichen Lesehighlight. Der gesamte Handlungsverlauf ist stimmig, berührend  und auf besondere Weise packend. Großartig!



Meine Bewertung: 





Titel: Offene See
Autor: Benjamin Myers
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 270
Verlag: DuMont
Erstveröffentlichung: 20. März 2020


Vielen Dank an den DuMont-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar! 

2 Kommentare:

  1. Liebe Nicole,
    das klingt ganz interessant!
    Viele Grüße Heike

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    1. Liebe Heike,
      ich kann das Buch nur empfehlen - es hat gute Chancen, auf die Liste mit meinen Jahreshighlights zu kommen. :)
      Liebe Grüße
      Nicole

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