Mittwoch, 30. Juni 2021

Rezension zu "Die Frauen" von Evie Wyld

 

Zum Buch


Unheimliches in Vergangenheit und Gegenwart…

Der Bass Rock wirft seit Jahrhunderten einen Schatten auf North Berwick und seine Bewohner. Neu unter ihnen: Ruth Hamilton, die in den Jahren nach dem Krieg mit ihrem Mann und zwei Stiefsöhnen in ein zugiges Haus am Meer zieht. Ruth ist zum ersten Mal schwanger und zusehends allein: die Kinder im Internat, der Mann über Wochen in seiner Londoner Kanzlei. Als Großstädterin hadert sie mit der Abgeschiedenheit und auch mit den sonderbaren Gebräuchen der einheimischen Gesellschaft. Ein Strandpicknick mitten im Winter? Die Frauen eigenartig kostümiert? Ruth passt sich an, ein wenig. Bis sie begreift: Das hier passiert nicht nur ihr. Es ist ein altes Spiel. Sie soll es nicht gewinnen.
Ein halbes Jahrhundert später, das Anwesen am Bass Rock steht zum Verkauf, kommt wieder eine Frau in den Norden. Viv hadert mit ihrem Single-Dasein, aber auch mit den Gelegenheiten, es zu beenden. Außerdem schläft sie schlecht, in jedem der Betten in dem alten Haus. Ihr ist, als würde sie heimgesucht von dunklen Geschichten. Geschichten von aufsässigen Frauen, von Frauen in Bedrängnis. Und ihre Stiefgroßmutter Ruth ist nur eine davon.
(Quelle: Klappentext - Rowohlt-Verlag)



Auf dieses besondere Buch bin ich zufällig gestoßen und es hat mich mit seinem geheimnisvollen Klappentext sehr neugierig gemacht. Schauplatz hier ist die kleine Küstenstadt North Berwick in Schottland, nahe gelegen am Bass Rock – einer unbewohnten Insel, die aus einem riesigen Fels besteht. In diesem Roman taucht er immer wieder auf, da er vom großen Haus am Meer und von der Küstenlinie aus gut zu sehen ist – stets beschrieben in einer geheimnisvollem und etwas unheimlichen Atmosphäre, die sehr gut zu dem gesamten Roman passt:

Vom Treppenabsatz im ersten Stock reicht der Blick über den Golfplatz bis zum Meer. Der Bass Rock wirkt weit weg, aber ich weiß noch, wie er mir über die Schulter schaute, wenn ich in einem Wasserloch zwischen den Steinen am Strand nach Napfschnecken suchte. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass er sich über dem Außenschwimmbecken im Ort auftürmte, um seinen Schatten auf uns zu werfen.“ (Viv) – Seite 56, eBook


Die Geschichte ist geschrieben aus drei Blickwinkeln zu unterschiedlichen Zeiten: Ruth Hamilton zieht in den 1950er Jahren mit ihrem Mann Peter und den beiden Stiefsöhnen Michael und Christopher nach North Berwick in ein großes Haus am Meer. Doch als die die Kinder im Internat sind und ihr Mann regelmäßig zurück nach London zur Arbeit fährt, fühlt Ruth sich zusehends einsam. Im Ort selbst wird sie kritisch beäugt, auch die Gebräuche sind ihr suspekt – wie etwa das jährliche Picknick im Winter, dass immer an dem Strandabschnitt stattfindet, der zu ihrem Haus gehört . Und dieses wird noch viel eigenartiger, als zunächst gedacht. Ruth versucht, sich anzupassen – gleichzeitig wird sie eine unheimliche Ahnung nicht los…

„Ein Knarren, zwei, drei. War es das Haus, das sich regte? So leise wie möglich erklomm Ruth die Stufen. (…)
Aber sie konnte es sich vorstellen, auch wenn sie es nie zuvor gesehen hatte; es stand ihr ganz deutlich vor Augen, das Mädchen, das ihre Augen nicht sahen.“
– Seite 51, eBook


Viele Jahre später, als das große Anwesen zum Verkauf steht, kommt Viviane –Viv- in das Küstenstädtchen. Trotz eigener Sorgen und Probleme in ihrem Leben hat sie zugestimmt, das Haus zu hüten, solange es nicht verkauft ist. Doch auch ihr sind das Haus und die Umgebung nicht geheuer – etwas Dunkles scheint sich zu verbergen…

Neben den beiden Blickwinkeln von Ruth und Viv, wo ziemlich schnell klar wird, wie die Frauen miteinander verbunden sind, gibt es noch einen dritte Geschichte, die ziemlich geheimnisvoll wirkt. Auch gibt es immer wieder mysteriöse und unheimliche kurze Abschnitte, die alles noch rätselhafter machen. Der Autorin ist es hervorragend gelungen, die einzelnen Fäden nach und nach miteinander zu verbinden – mal sehr klar und mal bleibt es verschwommen. Klar ist, dass jeder der Frauen (auch die Nebenfiguren) einiges durchmachen musste – oft wird es erschütternd und etwas beklemmend.


„Er war wie ein anderer Mensch. Gefahr füllte das Zimmer.“ – Seite 256, eBook


Neben den detailreichen Schilderungen und den gut gezeichneten Charakteren kommen einige Geheimnisse ans Licht – es wird oftmals bewegend und ziemlich unheimlich. Gerade diese Mischung aus Mystery und Drama ist sehr gut gelungen und fesselt von Anfang an. Manchmal sehr direkt und etwas speziell, aber gut gelungen. Das einzige, was ich nicht ganz zufriedenstellend fand, war das Ende – es war etwas zu undurchsichtig, einige Fragen bleiben offen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass das genau so gewollt ist.

Mein Fazit: Ein außergewöhnlicher Roman, der eine gekonnte Mischung aus Mystery, Drama und auch noch etwas mehr ist. Atmosphärisch dicht, düster und rätselhaft, bewegend und auch mal beklemmend - dennoch fesselnd und sehr gut geschrieben. Manchmal etwas speziell, aber dennoch ist es spannend zu verfolgen, wie die Leben der Figuren über viele Jahrzehnte verlaufen und dabei so manches dunkle Geheimnis enthüllt wird. Das Ende kam meiner Meinung nach etwas zu abrupt, daher ziehe ich einen Stern ab, ansonsten aber sehr lesenswert.


Meine Bewertung:


Titel: Die Frauen
Autorin: Evie Wyld
Genre: Roman / Drama / Mystery
Seitenanzahl: 512
Verlag: Rowohlt Hundert Augen
Erstveröffentlichung: 15. Juni 2021


Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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