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Mittagsstunde in Brinkebüll
Ingwer Feddersen ist in dem kleinen Dorf Brinkebüll in
Nordfriesland aufgewachsen. Doch später zog es ihn zum Studieren und Arbeiten
nach Kiel. Nun kehrt er mit 47 Jahren zurück – denn er hat noch etwas
gutzumachen. Seine Großeltern, beide inzwischen über neunzig, leben weiterhin
dort – in einem Dorf, das Stück für
Stück verschwindet. Angefangen mit dem Niedergang hat es in den 1970er Jahren nach
der Flurbereinigung und dem Verschwinden der Hecken und Vögel. Auch Ingwer
verschwand – nach Kiel. Doch im alten Gasthof, der seine besten Zeiten längst
hinter sich hat, hält Ingwers Großvater Sönke weiterhin die Stellung. Doch
Ingwer macht sich zunehmend Sorgen, auch um seine verwirrte Großmutter
Ella. Er blickt zurück und überdenkt sein eigenes Leben…
„Die Arbeit der Vermessungsingenieure war getan, sie hatten Brinkebüll bereits erledigt, abgehakt. In ihren Flurkarten und Plänen gab es dieses alte Dorf nicht mehr, es war auf dem Papier schon ausradiert, berichtigt und begradigt.“ – Seite 31,eBook
Nach ihrem Debüt Altes Land ist Mittagsstunde der zweite
Roman der Autorin Dörte Hansen. Schauplatz hier ist das fiktive nordfriesische
Dorf Brinkebüll, das Mitte der 1960er Jahre große Veränderungen durchmachte und danach Stück für Stück
weniger wurde.
Was Dörte Hansen hier besonders gelungen ist: Die
detailreiche und atmosphärisch dichte Beschreibung des Dorfes – sowohl in der
Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Sie fängt viele einzelne kleine
Momente des typischen Dorflebens ein und gibt sie auf ihre ganz eigene Art
wieder. Ob Sommerhitze und klirrend kalter Winter – bildgewaltig schildert sie
die jeweiligen Gegebenheiten. Aber auch
die Charaktere sind sehr gut und stark beschrieben. Die Handlung spielt in der
Gegenwart, springt aber auch oft in die Vergangenheit. Dort wird vor allem das
Leben von Ingwers Mutter und das der Großeltern beschrieben, sowie seine eigene
Kindheit. So setzt sich nach und nach ein Bild zusammen – sowohl von den Haupt-
und Nebencharakteren, als auch vom Dorf selbst,
wie es langsam auf das Vergessen zustrebt. Auch kommt hier das typische
Dorfleben zur Geltung – Jeder scheint alles zu wissen, es gibt Geheimnisse und
oft wird auch einfach weggeschaut:
„Sie hörte alles. Alle hingehaltenen Wahrheiten, wer wen mit wem betrogen hatte, wer Schulden nicht bezahlen konnte, wer schlug und wer geschlagen wurde. (…) Sie kannte dieses Dorf von seiner Unterseite, wusste Dinge, die der Pastor gar nicht wissen durfte und die Polizei auch besser nicht.“ – Seite 113, eBook
Es wird tragisch und auch mal traurig, es gibt Abschiede und
ein Neubeginn, aber auch überraschende Entwicklungen. Nach und nach entfaltet sich die Geschichte
des Dorfes und deren Bewohnern und ergibt am Ende ein vollständiges Bild.
Mein Fazit: Ein atmosphärisch dichter Roman, der den Leser
schnell packt. Dörte Hansen gibt hier das Damals und das Heute eines fiktiven
Dorfes mit ihren ganz eigenem und besonderem Schreibstil wieder. Einen halben
Stern ziehe ich ab, da die Zeitenwechsel manchmal etwas durcheinander waren und
man sich neu orientieren musste. Doch das ist nur ein winziger
Kritikpunkt. Mittagsstunde ist mal
komisch, mal herzlich, aber oft auch berührend – bildgewaltig geschrieben und
sehr lesenswert. 4,5 von 5 Sternen.
Meine Bewertung:
Titel: Mittagsstunde
Autorin: Dörte Hansen
Genre: Roman
Seitenanzahl: 320
Verlag: Penguin
Erstveröffentlichung: 15. Oktober 2018

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