Donnerstag, 8. Juni 2023

Rezension zu "Going Zero" von Anthony McCarten

 

Zum Buch

Unsichtbar werden in einer überwachten Welt

Hat man als Einzelner überhaupt eine Chance gegen das System? Eine junge Bibliothekarin aus Boston ist entschlossen, es zu versuchen – ihr bleibt keine Wahl. Und so greift sie zu, als sich die Einladung zu einem ungewöhnlichen Kräftemessen bietet: dem Betatest von FUSION, einem Projekt der US-Geheimdienste und des Social-Media-Moguls Cy Baxter. Wem es gelingt, 30 Tage unauffindbar zu bleiben, dem winken 3 Millionen Dollar. Doch Kaitlyn geht es um etwas anderes.
(Quelle: Inhaltsangabe - Diogenes Verlag)


Mit GOING ZERO ist Autor Anthony McCarten ein spannender und zugleich etwas unheimlicher Roman gelungen – mit einer Zukunft, wo ständige Überwachung und Datenaustausch den Alltag bestimmen – und Privatsphäre zu einem sehr seltenen Gut geworden ist.



Im Mittelpunkt steht ein mächtiger Deal zwischen den Entwicklern des sozialen Netzwerks WorldShare -Cy Baxter und Erika Coogan- und den US-Geheimdiensten. Geplant ist ein geheimer Testlauf des Projekts FUSION, das eine vollständige Überwachung mit modernster Technik verspricht. Sollte der Betatest erfolgreich sein, bindet sich FUSION mit einem Vertrag an die CIA, in dem es neben einer milliardenschweren Finanzierung auch um einen Datenaustausch ungeahnten Ausmaßes geht: Beide hätten Zugriff auf gewaltige Datenbanken mit Informationen über Millionen von Menschen.
Damit der Deal zustande kommt, muss die Fusion-Initiative sich beweisen: In einem Testlauf namens „Go Zero“: Zehn ausgewählte Kandidaten haben nach Beginn zwei Stunden Zeit, sich „unsichtbar“ zu machen – wer es schafft, dreißig Tage unauffindbar zu bleiben und den Zugriffteams von Fusion entgeht, erhält eine Prämie von drei Millionen Dollar. Doch dieses ist schwerer als gedacht, denn Baxters Fusion-Team ist groß und mit allen Mitteln ausgerüstet, um die digitalen Spuren der Testpersonen zu verfolgen.

„Er schaut auf die Digitaluhr. Drei Tage um, denkt er. Drei Zeros gefasst, bleiben noch sieben. Und dann? Schöne neue Welt. Schöne neue Welt.“ – Seite 84, eBook


Eine der Teilnehmerinnen ist die Bibliothekarin Kaitlyn Day. Zunächst wirkt sie unscheinbar und aus Baxters Sicht ist sie eine der Kandidatinnen, die am leichtesten zu entdecken ist. Doch schnell wird klar, dass er sie unterschätzt. Die Verfolgung wird zu einem Katz-und-Maus-Spiel, in dem es für Kaitlyn aber um etwas ganz anderes geht…

„Zwei U-Bahn-Linien, vier mögliche Richtungen. Tote Winkel. Säulen. Während der ersten Minute hofft er noch, doch nach der zweiten muss er es einsehen. Sie ist ihnen entwischt.“ – Seite 43, eBook


Der Roman hat von Anfang an einen sehr einnehmenden Schreibstil: Oft rasant, kurze Sätze und übersichtliche Kapitel, die countdownähnlich mit der noch verbleibenden Zeit betitelt sind. Die Blickwinkel wechseln regelmäßig – von den Geschehnissen in der Fusion-Zentrale und deren Vorgehensweise bis hin zu den Ereignissen der einzelnen Kandidaten – vorranging natürlich bei Kaitlyn. Die Hauptfiguren hier könnten unterschiedlicher nicht sein: Der millionenschwere Cy Baxter, der zusammen mit seiner Partnerin Erika Coogan mit der Fusion-Initiative ein bestimmtes Ziel verfolgt, dessen Ursprung in der Vergangenheit liegt. Doch Cy Baxter hat Geheimnisse – auch vor Erika…
Und Kaitlyn Day: Schnell wird klar, dass alle die eher zurückgezogen lebende Frau gewaltig unterschätzt haben. Nach und nach wird klar, um was es ihr wirklich geht – hier wird es ziemlich überraschend.
Auch in die Pläne und die Leben der anderen Teilnehmer gibt es kurze Einblicke – und damit die erschreckende Gewissheit, wie viel und in welch kurzer Zeit sämtliche Daten über diese Menschen zusammengetragen werden können.

Kaitlyns Weg und ihre Pläne sind besonders spannend zu verfolgen – schon zu Beginn des Testlaufs wird ihr ihre eigene Stadt fremd:

„Boston. Ihr Zuhause. Doch plötzlich fühlt es sich an wie Feindesland. Überall Augen. Sie beobachtet die Kameras auf den ihr vertrauten Straßen schon seit einiger Zeit, aber jetzt hat sie das Gefühl, sämtliche Kameras beobachten sie. (…)
Jeder und alles könnte jetzt ein Informant sein, die ganze Welt um sie her, Feinde, wohin sie blickt.“
– Seite 33, eBook


Auch wenn die meisten Charaktere eher etwas oberflächlich bleiben, ist der gesamte Handlungsverlauf sehr fesselnd zu verfolgen: Actionreich, spannend und immer wieder verblüffend – beeindruckend ist, wie sich die gesamte Story sich bis zum Ende entwickelt – und wie diese schließlich ausgeht.

„Eine ganze Weile herrscht Schweigen, seltsam passend für eine Versammlung von Leuten, die sich misstrauisch belauern und allesamt wissen, dass jeder von ihnen unter strengster Beobachtung durch alle anderen steht und dass ein unbedachtes Wort größtmöglichen Schaden anrichten kann.“ – Seite 171, eBook


Mein Fazit:
Ein packender Roman mit einem unheimlichen Zukunftsszenario und einem rasanten Verlauf, der überrascht. Der Erzählstil ist einnehmend, direkt und ohne viele Umschreibungen - gerade bei den Verfolgungsszenen schafft der Autor einen sehr guten Spannungsbogen. Die meisten Charaktere bleiben hier zwar etwas oberflächlich, aber das gleicht hier tatsächlich die packende Story aus, die aufzeigt, wie schwer es ist, in einer zunehmend digitalen Welt unsichtbar zu werden. Überraschend und sehr lesenswert.


Meine Bewertung:



Titel: Going Zero
Autor: Anthony McCarten
Genre: Roman / Thriller
Seitenanzahl: 464
Verlag: Diogenes
Erstveröffentlichung: 26. April 2023

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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