Sonntag, 10. April 2022

Rezension zu "Das mangelnde Licht" von Nino Haratischwili

 

Zum Buch

Freundschaft in schweren Zeiten

Nach der lang ersehnten Unabhängigkeit vom ins Taumeln geratenen Riesen stürzt der junge georgische Staat ins Chaos. Zwischen den feuchten Wänden und verwunschenen Holzbalkonen der Tbilisser Altstadt finden Ende der 1980er Jahre vier Mädchen zusammen: die freiheitshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira, die romantische Nene, Nichte des mächtigsten Kriminellen der Stadt, und die sensible Keto. Die erste große Liebe, die nur im Verborgenen blühen darf, die aufbrandende Gewalt in den Straßen, die Stromausfälle, das ins Land gespülte Heroin und die Gespaltenheit einer jungen Demokratie im Bürgerkrieg – allem trotzt ihre Freundschaft, bis ein unverzeihlicher Verrat und ein tragischer Tod sie schließlich doch auseinandersprengt.
Erst 2019 in Brüssel, anlässlich einer großen Retrospektive mit Fotografien ihrer toten Freundin, kommt es zu einer Wiederbegegnung. Die Bilder zeigen ihre Geschichte, die zugleich die Geschichte ihres Landes ist, eine intime Rückschau, die sie zwingt, den Vorhang über der Vergangenheit zu heben und eine Vergebung scheint möglich.
(Quelle: Inhaltsangabe - Frankfurter Verlagsanstalt)



Nachdem ich in den letzten Jahren mit Begeisterung ihre Romane Das achte Leben und Die Katze und der General gelesen habe, war ich dementsprechend gespannt auf das neue Werk von Nino Haratischwili.
Eindringlich und bildgewaltig erzählt die Autorin in Das mangelnde Licht die Geschichte der vier Freundinnen Keto, Dina, Ira und Nene – und das in einem außergewöhnlichen Stil. Im Jahr 2019 sind sie zu einer Ausstellung in Brüssel eingeladen, auf der die Bilder ihrer verstorben Freundin präsentiert werden, die zu ihren Lebzeiten eine leidenschaftliche Fotografin war. Gleichzeitig sehen sich die drei Frauen hier nach langer Zeit zum ersten Mal wieder. Die Handlung ist aus der Sicht von Keto Kipiani geschrieben, die sich beim Betrachten der einzelnen Bilder, auf denen auch sehr oft sie und ihre Freundinnen abgelichtet sind, an die jeweiligen Momente aus der Vergangenheit erinnert.

„Natürlich: Wir vier sind hier zur Genüge exponiert. Ich muss mich darauf einstellen, den unzähligen Schattierungen meiner selbst zu begegnen, den Stadien meines Werdens. Ich muss mich darauf einstellen, von der Vergangenheit umarmt zu werden. Ich muss mich darauf einstellen, in die stummen Augen der Toten zu blicken.“
(Keto) – Seite 26, eBook


„Wir stehen an der Schwelle des Lebens, am Anfang unserer Freundschaft, die uns alles abverlangen wird." – Seite 17, eBook


So wechselt die Perspektive regelmäßig zwischen den Geschehnissen in der Vergangenheit und der Gegenwart. Angefangen in den 1980er Jahren der Kindheit, als die vier zu Freundinnen werden, über die Jahre bis in ihr Jugend- und jungen Erwachsenenleben. Nach und nach legt die Autorin die einzelnen Schichten verschiedener Geschehnisse offen – neben berührenden Momenten gibt es oft auch traurige, dramatische und auch erschreckende Ereignisse. Schließlich passiert etwas Einschneidendes, das alles verändert…

Hauptschauplatz ist die Stadt Tblissi, wo die vier aufwachsen und schon früh mit den politischen Unruhen und dem darauffolgenden Grauen des Krieges konfrontiert werden.
Gerade hier sind einzelne Momentaufnahmen sehr bewegend und traurig, manch Schlimmes erleben sie hautnah. Die historischen Fakten hat Nino Haratischwili hier sehr gut eingearbeitet, sowohl die Schauplätze als auch die Haupt- und Nebenfiguren sind detailreich und unheimlich gut ausgearbeitet.
Auch der fließende Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart ist gut gelungen und ergibt später ein Gesamtbild der einzelnen Lebenswege. Auf den insgesamt 832 Seiten wird es interessant, auf gewisse Weise fesselnd, sehr bewegend und oft auch dramatisch – ein Buch, das man so schnell nicht vergisst.

„Die Dinge spitzten sich zu, Worte wurden zu Messerklingen in den falschen Händen.“ – Seite 367, eBook


Der Schreibstil ist wie gewohnt besonders und ähnlich wie in Das achte Leben – somit lässt sich das gesamte Buch sehr gut lesen.


Mein Fazit: Ein bildgewaltiger und atmosphärisch dichter Roman, den man nur schlecht aus der Hand legen kann. Nach und nach setzten sich die Puzzleteile zu einem dramatischen Gesamtbild zusammen – im Mittelpunkt stehen die vier Freundinnen aus Kindertagen. Es wird dramatisch, bewegend und auch erschreckend. Nino Haratischwili ist hier beeindruckendes Werk gelungen, das sowohl von der facettenreichen Handlung und den Schauplatzbeschreibungen als auch von den sehr gut gezeichneten Charakteren überzeugt. Ein Lesehighlight.


Meine Bewertung:




Titel: Das mangelnde Licht
Autorin: Nino Haratischwili
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenanzahl: 832
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Erstveröffentlichung: 25. Februar 2022

Montag, 4. April 2022

Rezension zu "Die Wut, die bleibt" von Mareike Fallwickl

 

Zum Buch

Von Wut, Trauer und Veränderung…

Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Die Familie ist im Schockzustand. Plötzlich fehlt ihnen alles, was sie bisher zusammengehalten hat: Liebe, Fürsorge, Sicherheit.
Helenes beste Freundin Sarah, die Helene ihrer Familie wegen zugleich beneidet und bemitleidet hat, wird in den Strudel der Trauer und des Chaos gezogen. Lola, die älteste Tochter von Helene, sucht nach einer Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertigzuwerden, und konzentriert sich auf das Gefühl, das am stärksten ist: Wut.

Drei Frauen: Die eine entzieht sich dem, was das Leben einer Mutter zumutet. Die anderen beiden, die Tochter und die beste Freundin, müssen Wege finden, diese Lücke zu schließen. Ihre Schicksale verweben sich in diesem bewegenden und kämpferischen Roman darüber, was es heißt, in unserer Gesellschaft Frau zu sein. (Quelle: Inhaltsangabe - Rowohlt Verlag)



Von Mareike Fallwickl habe ich im Jahr 2018 Dunkelgrün, fast schwarz gelesen – der Roman hat mich mit seinem intensiven Schreibstil und der guten Figurenzeichnung begeistert. Diese Erzählweise hat die Autorin in Die Wut, die bleibt beibehalten.
Schon das erste Kapitel hat es in sich: Helene, Mutter von drei Kindern steht während des Abendessens auf, öffnet die Tür zum Balkon – und springt.
Johannes, ihr Mann und Vater der beiden kleinen Söhne Maxi und Lucius, ist völlig überfordert und entzieht sich der Verantwortung. Die fünfzehnjährige Tochter Lola kümmert sich rührend um ihre beiden Halbgeschwister, gleichzeitig tobt in ihr das Chaos – und die Wut.

„Der Unterschlupf, in dem sie sich zusammenkauern, nah beieinander, ist eine Zuflucht vor der Wahrheit. Vor dem Wissen, dass es da draußen, außerhalb der Höhle, keine Helene mehr gibt.“ – Seite 186, eBook


Sarah, die Helenes beste Freundin seit Kindheitstagen war, lebte bisher ein völlig anderes Leben – und versucht nun, allem gerecht zu werden. Sie kümmert sich um die Kinder und versucht, den richtigen Weg zu finden. Gleichzeitig wird sowohl Sarah, als auch Lola einiges klar: Sie überdenken ihre Leben, kämpfen für ihr Recht und sind auf der Suche nach sich selbst – jede auf ihre eigene Weise.

„Es ist still, sie schlafen ein, sie haben einen gemeinsamen Frieden, oder vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm. Denn da ist ein Ziehen und ein feines, glühendes Simmern. Das ist eine Wut, die bleibt.“ – Seite 225, eBook


Dieses Buch gehört zu denen, die noch lange nachhallen. Die Autorin schaut hinter die Kulissen einer Familie – mit all ihrem alltäglichen Chaos und zeigt auf, was Frauen tagtäglich leisten. Die Geschichte beginnt im März 2021 – auch Corona und der Lockdown ist hier mit eingebunden, überlagert die Geschichte aber nicht. Sehr stark ist hier die Ausarbeitung der Figuren: Abwechselnd erfahren wir aus Sicht von Sarah und Lola, wie sich ihre Leben nach Helenes Tod verändern – von Höhen und Tiefen, Traurigkeit, Angst, Wut und auch Selbstfindung. Gleichzeit lernen wir auch Helene kennen, deren Leben aus Sicht der beiden Frauen geschildert wird – hier sind die Momentaufnahmen sehr gut gelungen.

„Die Atmosphäre schwankt um, wird schwerer und dichter.“ – Seite 268, eBook


Es wird schonungslos ehrlich, es wird bewegend und tut an manchen Stellen richtig weh – gleichzeitig wird es auch emotional und berührend. Beeindruckend ist, welche Veränderungen die beiden Frauen durchmachen – hier gibt es einige Überraschungen.


Mein Fazit: Ein schonungslos ehrlicher und bewegender Roman, den man nicht so schnell vergisst. Beeindruckend ist der direkte und intensive Schreibstil, auch die Charaktere sind stark gezeichnet. Die Wut, die bleibt ist eine aufrüttelnde Geschichte und sehr lesenswert.


Meine Bewertung:




Titel: Die Wut, die bleibt
Autorin: Mareike Fallwickl
Genre: Gegenwartsliteratur / Drama
Seitenanzahl: 384
Verlag: Rowohlt
Erstveröffentlichung: 22. März 2022

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

Freitag, 1. April 2022

Monatsrückblick März 2022

 


Hallo ihr Lieben,

im März habe ich insgesamt neun Bücher gelesen. Dazu gehörten die Autobiografien von der Autorin Bernardine Evaristo und Stargeiger David Garrett - beide Bücher sind sehr lesenswert.
Auch im Fantasy-Bereich gab es Highlights - Die beiden AERA-Bücher von Markus Heitz und The Stranger Times von C.K. Mc Donnell haben mir sehr gut gefallen.
Unten findet ihr alle gelesenen Bücher im Überblick. Viel Spaß beim Stöbern!


Neuigkeiten zu #22für2022
Im März habe ich vier Bücher von meiner Liste gelesen:

  • Markus Heitz - AERA 1: Die Rückkehr der Götter
  • Markus Heitz - AERA 2: Die schwärzeste Nacht
  • C.K. McDonnell - The Stranger Times
  • Serena Valentino - Disney-Villains 7: Cruella, die Teufelin

Aktueller Stand: 8/22 Bücher. Meine Leseliste findet ihr hier: #22für2022 - Meine Leseliste



Die Monatsstatistik:

Mein Lesemonat in Zahlen

9 gelesene Bücher
3.942 gelesene Seiten
durchschnittlich 127 gelesene Seiten pro Tag


Bewertungen
4 x 5 Sterne
1 x 4,5 Sterne
3 x 4 Sterne
1 x 3,5 Sterne



Gelesene Bücher im März

Markus Heitz - AERA 1: Die Rückkehr der Götter

Ein Atheist in einer Welt voller Götter - in einem unheimlichen Szenario wird es spannend, düster und sehr actionreich. Lesenswert! 4,5 / 5 Sterne

Markus Heitz - AERA 2: Die schwärzeste Nacht

Eine gelungene Fortsetzung - es wird wieder spannend, actionreich und düster. Tolle Dark-Fantasy! 5/5 Sterne

Monatshighlight


Bernardine Evaristo - Manifesto. Warum ich niemals aufgebe

Eine sehr lesenswerte Autobiografie einer starken Frau. Berührend und beeindruckend. 5/5 Sterne

David Garrett - Wenn ihr wüsstet: Die Autobiografie

In seiner Autobiografie gibt David Garrett einen persönlichen Einblick in sein außergewöhnliches Leben. Sehr interessant und lesenswert! 5/5 Sterne

Monatshighlight


Christina Henry - Die Chroniken von Rotkäppchen: Allein im tiefen, tiefen Wald 

Ein gefährlicher Roadtrip durch eine dystopische Welt - das Buch hat nicht viel mit ROTKÄPPCHEN gemeinsam, dennoch spannend und düster! 4/5 Sterne

C.K. McDonnell - The Stranger Times

Ein herrlich schräges Buch - mit einer Mischung aus Fantasy, Krimi und viel schwarzem Humor sehr gut gelungen! 5/5 Sterne

Monatshighlight


Serena Valentino - Disney-Villains 7: Cruella, die Teufelin

Wieder ein gelungener Band der Disney Villains-Reihe. Cruellas Geschichte lässt sich spannend verfolgen - mit interessanten Entwicklungen. 4/5 Sterne

Serena Valentino - Disney-Villains 8: Das Herz so kalt 

Die Geschichte um Lady Tremaine entwickelt sich sehr überraschend - es gibt ein Wiedersehen mit den drei Verdrehten Schwestern. Lesenswert! 4/5 Sterne

 
Kevin Hearne - Die Chronik des Siegelmagiers 2: Papier und Blut 

Wieder ein schräges Fantasyabenteuer um den Siegelmagier Al MacBharrais - jedoch mit kleinen Schwächen im Mittelteil. 3,5 / 5 Sterne

Ausblick auf den April

Lesepläne

Mareike Fallwickl - Die Wut, die bleibt
Nino Haratischwili - Das magelnde Licht
Florian Weber - Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken
Albrecht Selge - Luyanta
T.J. Klune - Das unglaubliche Leben des Wallace Price ~ erscheint am 11.04.2022
Irene Vallejo - Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern ~ erscheint am 27.04.2022


... ansonsten entscheide ich wie immer spontan.



Ich wünsche euch einen schönen neuen Lesemonat mit vielen spannenden Geschichten!
Viele liebe Grüße, eure Nicole